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Plagiatsverdacht Frau Giffey und die amerikanische Zitierweise

Die Familienministerin geht in die Offensive: Ihr Anwalt soll die Plagiatsvorwürfe entkräften. VroniPlag-Mitarbeiter halten von ihrer Argumentation jedoch wenig.

Von Heike Schmoll, Berlin

Franziska Giffey hat Probleme mit ihrer Zitierweise: die Ministerin im Juni in Berlin
© dpa
Franziska Giffey hat Probleme mit ihrer Zitierweise: die Ministerin im Juni in Berlin

Während Franziska Giffey in ihrem ersten Amtsjahr zu Parteifragen und zur SPD schwieg, hat sie in den vergangenen Monaten begonnen, sich als Kandidatin für den SPD-Vorsitz in Stellung zu bringen. An diesem Montag will der Vorstand das Verfahren für die Neuwahl der Parteispitze festlegen. Der Berliner SPD-Fraktionschef Raed Saleh nutzte die Gelegenheit, am Wochenende für Giffey zu werben. „Ihre Stärke ist, dass sie nicht ihren Kurs permanent wechselt, je nachdem wie es gerade im Mainstream passt, sondern sie hat eine Linie“, sagte Saleh. Giffey, die zeitweise Bezirksbürgermeisterin in Berlin Neukölln war und seit gut einem Jahr an der Spitze des Familienministeriums steht, wird von vielen als Kommunikationstalent im gegenwärtigen Kabinett der großen Koalition gesehen.

Wenn da nur nicht die Plagiatsvorwürfe wären, die von der Freien Universität Berlin (FU) noch immer geprüft werden. Vor wenigen Tagen hat der Sprecher der FU dieser Zeitung versichert, dass eine „genaue zeitliche Einschätzung der Verfahrensdauer derzeit nicht möglich ist, da die für eine fundierte Entscheidung erforderlichen Unterlagen mit der in solchen Verfahren notwendigen üblichen Sorgfalt vorbereitet und geprüft werden müssen“. Es sei nicht unüblich, dass solche Prüfverfahren längere Zeit in Anspruch nähmen. Giffey hatte die FU nach ersten Plagiatsvorwürfen auf der Plattform VroniPlag im Februar gebeten, ihre Dissertation zu überprüfen.

Laut VroniPlag wurden auf 76 von 205 Seiten Textstellen gefunden, die nicht oder unzureichend als Zitate gekennzeichnet wurden. Zumeist handelt es sich um einzelne Sätze oder Absätze, bei zwölf Seiten ist die Hälfte der jeweiligen Seite nicht korrekt zitiert. Fünf Quellen, die Giffey benutzt hat, sollen angeblich nirgends erwähnt sein, behauptet jedenfalls der VroniPlag-Mitarbeiter Robert Schmidt, der unter Pseudonym arbeitet und auch die Arbeit der früheren Bundesbildungsministerin Annette Schavan durchgesehen hatte.

Wie die Zeitschrift „Der Spiegel“ berichtet, hat Giffey, die bisher eisern zu den Plagiatsvorwürfen geschwiegen hat, ihrem Anwalt vor einigen Wochen ihr gesamtes Material für die Dissertation „Europas Weg zum Bürger“ (2009) übergeben. Das sind mehrere Ordner mit Aufzeichnungen und ein USB-Stick mit hunderten von E-Mails. Ihr Anwalt hat nach Durchsicht der Unterlagen ein Gutachten für die Prüfkommission der FU geschrieben, die über den Entzug des Doktorgrades entscheidet. Laut „Spiegel“ begründet Giffeys Anwalt die Zitierfehler mit einer „amerikanischen Zitierweise“, die von Giffeys Doktormutter, der Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Europa Tanja Börzel vorgegeben worden sei. Börzel ist Direktorin des Exzellenzzentrums „The EU and its Citizens“. Sie hat sich bisher jeder Äußerung zu den Plagiatsvorwürfen ihrer prominenten Doktorandin enthalten, auf Anfragen reagiert sie nicht. Nach Argumentation des Anwalts mache es die „amerikanische Zitierweise“ möglich, Verweise auf andere Werke weniger detailliert zu gestalten als in Deutschland.

So könne von Täuschung keine Rede sein, weil Giffey nur befolgt habe, was von ihr verlangt worden sei, meint der Anwalt. Damit schiebt sie ihrer Doktormutter die Hauptverantwortung für die eigenen Zitierfehler zu. In der Tat hätte Börzel die Fehler vor Abgabe der Dissertation feststellen müssen. Zugleich versucht Giffey, den Vorwurf der Täuschung zu entkräften und möglicherweise mit einer Rüge davonzukommen.

Der Berliner Rechtswissenschaftler Gerhard Dannemann, der an der Humboldt-Universität zu Berlin Professor für englisches Recht, sowie britische Wirtschaft und Politik ist und bei der Plattform VroniPlag mitarbeitet, sagte dieser Zeitung: „So etwas wie eine ‚amerikanische Zitierweise‘ gibt es nicht“. Weit verbreitet in den Geistes- und Sozialwissenschaften nicht nur in den Vereinigten Staaten sei der „Style Guide“ der Modern Languages Association (MLA Handbook, 8. Auflage). „Das Zitieren von Quellen mit in Klammern gesetzten Angaben von Autor und Jahr der Veröffentlichung im Fließtext der Arbeit wie von Giffey praktiziert, entspricht auch der MLA-Zitierweise“, so Dannemann.

Jorgo Chatzimarkakis als prominentes Beispiel

Häufig werden Autor, Titel und Seitenzahl in amerikanischen und britischen Wissenschaftstexten im laufenden Text in Klammer genannt, zum Beispiel: (Austen, Mansfield Park 5) oder (Copeland 132). Diese Zitierweise rechtfertigt aber nicht die von VroniPlag monierten „Blind- und Fehlzitate“, denn sie „entsprechen auch nicht den Vorgaben des MLA-Handbooks“, meint der Jurist. Sogenannte Blindzitate meinen, dass Quellen nur aus der Sekundärliteratur zitiert werden, anstatt sie selbst zu lesen und zu zitieren. Dadurch schleichen sich zahlreiche Fehler ein, die dann von Lesern und anderen Wissenschaftlern übernommen werden. Dissertationen sollen eine eigenständige wissenschaftliche Leistung dokumentieren und einen Erkenntnisfortschritt in einem bestimmten Fach zu einer Fragestellung bringen. All das wird mit falschen Zitaten und schlampigem Umgang mit Quellen verhindert. Die amerikanische Informatikerin Debora Weber-Wulff, die an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin lehrt und ebenfalls bei VroniPlag mitarbeitet, verwies gegenüber dieser Zeitung darauf, dass Autoren bei Plagiatsvorwürfen gern auf einen anderen Zitierstil verweisen.

Das prominenteste Beispiel sei der Fall des FDP-Politikers Jorgo Chatzimarkakis, dessen Doktorgrad schließlich entzogen wurde. Er hatte von einem sogenannten „Oxford-Style“ gesprochen, „was zur allgemeinen Heiterkeit beigetragen hat“, weil er wohl den Harvard-Style meinte, so Weber-Wulff. Sie nannte wie Dannemann die Zitierregeln der MLA und darüberhinaus das System der American Psychological Association (APA) und das System der University of Chicago Press (Chicago Style). „Frau Giffey gibt nicht an, welches System sie meint, sondern spricht von einer bestimmten amerikanischen Zitierweise. Das rechtfertigt aber nicht die dokumentierten Plagiate und die willkürlichen Referenzierungen, sowie fehlerhaften Quellenangaben“, so Weber-Wulff.