https://www.faz.net/-gpf-95eyl

Niedergang der SPD : Vorwärts und nicht vergessen

  • -Aktualisiert am

Die Oberschicht lebte in den Nullerjahren wie schon zuvor, aber nun zusammen mit dem wohlsaturierten grün-postmateriellen Milieu, in kommoder Zufriedenheit mit den obwaltenden Umständen. In den prekären Mittelagen und den unteren Schichten, die die SPD über hundert Jahre hinweg als Herz und Seele ihrer Weltanschauung und Organisation begriffen hatten, war das Missvergnügen über die nunmehr als unzureichend empfundenen materiellen Verhältnisse mit Händen zu greifen. Am Ende des Jahrzehnts stellte das Institut für Demoskopie Allensbach fest, dass die Unterschiede zwischen den sozialen Schichten in Deutschland „keineswegs geringer, sondern größer“ geworden seien, „materiell wie in Bezug auf Weltbilder und Mentalität“.

Kein Wunder, dass die SPD nun auch in den Ländern an Zuspruch einbüßte, und das in allen Allianzen: als Partei der absoluten Mehrheit in Niedersachsen 2003, als regierungsführende Partei von Rot-Rot in Mecklenburg-Vorpommern 2006, als von der PDS tolerierte Minderheitsregierung in Sachsen-Anhalt 2002, als Oppositionspartei in Hessen 2005, nach Rot-Grün im selben Jahr in Nordrhein-Westfalen. Mit Beginn der großen Koalition im Jahr 2005 sollte sich der Abwärtstrend der Partei nochmals beschleunigen.

Die Sozialdemokraten hatten also in den elf Jahren ihrer Regierungszeit jenes Vertrauen enttäuscht, das gerade die unteren Schichten ihnen 1998 noch entgegengebracht hatten. Vertrauen ist ein tragendes, aber auch hochfragiles Sozialkapital in modernen Gesellschaften, in denen überlieferte Loyalitäten nicht mehr selbstverständlich verfügbar sind. Soziologen haben deutlich gemacht, dass Vertrauen ein probates Instrument sein kann, um die sprunghaft gestiegene Komplexität zu reduzieren und so den Alltag zu bewältigen. Denn der Einzelne kann sich in der Vielfalt nicht mehr allüberall hinreichend auskennen und vermag nicht in jeder Frage kompetent zu entscheiden. Also muss er eben vertrauen dürfen. Er vergibt einen Handlungskredit an andere, in der Erwartung, dass ihn diese nicht enttäuschen. Wer vertraut, riskiert mithin einiges. Umso schlimmer wird er sich hintergangen fühlen, wenn der „Vorschuss“, den er gewährt hat, verspielt ist, wenn er vorgeführt, ja hereingelegt wurde.

Diejenigen, die mit den geringsten Ressourcen ausgestattet sind, können am wenigsten intakter Vertrauensverhältnisse entbehren. Wird ihr Vertrauen missbraucht, stehen sie gänzlich entkleidet da. Sie besitzen keine oder wenige materielle und psychische Reserven, um den Verlust noch auszugleichen. Daher war die Verbitterung über die SPD bei ihnen am größten.

Die alte Sozialdemokratie hat das aus eigener biographischer Betroffenheit ihrer Akteure gewusst und nach diesem Erfahrungsmaßstab politisch gehandelt. Die seit den 1990er Jahren dominierenden Sozialdemokraten feierten stattdessen in der rot-grünen Regierungszeit die Entsicherung und Entgrenzung schutzversprechender Strukturen als befreiende Modernität, die den Wohlstand der Nationen mehren werde.

Weitere Themen

Ein Kandidat, kein Gegner mehr

96,2 Prozent für Scholz : Ein Kandidat, kein Gegner mehr

Die SPD kürt Olaf Scholz offiziell zu ihrem Kanzlerkandidaten. Die großen Zweifel der Vergangenheit scheinen vergessen zu sein. Doch wie kann ein bleierner Parteitag aus dem andauernden Umfragetief heraus helfen?

Hackerangriff legt Pipeline in den USA lahm Video-Seite öffnen

Erpressungstrojaner : Hackerangriff legt Pipeline in den USA lahm

Die größte Pipeline der USA ist kürzlich Ziel eines Hackerangriffs geworden. Ein Erpressungstrojaner hat das gesamte Rohrleitungsnetz von Texas bis New York vorübergehend stillgelegt. Die US-Bundespolizei FBI macht eine Hackergruppe namens Darkside für den Cyberangriff verantwortlich.

Topmeldungen

Die EZB erwartet eine steigende Inflation. Allerdings meint sie, der Anstieg sei nur vorübergehend.

Steigende Preise : Was Sparer zur Inflation wissen müssen

Alles rund ums Bauen wird teurer, aber auch viele Lebensmittel und vor allem Heizöl und Benzin. Steigt mit dem Abklingen der Pandemie die Inflation? Und wie können sich Sparer rüsten?
Die Intensivstation der Universitätsklinik Frankfurt mit Coronapatienten im April 2020

Anhaltend hohe Todeszahlen : Wer jetzt noch an Corona stirbt

Noch verzeichnet Deutschland jede Woche mehr als tausend Covid-Todesfälle. Viele sterben weder im Altenheim noch auf der Intensivstation. Doch wo dann? Die Suche nach der Antwort ist kompliziert.

Raketen auf Israel : Das Kalkül der Hamas

Die Islamisten wollen ihre Position stärken, die harte Reaktion Israels war zu erwarten. Der Westen sollte sich wieder stärker in Nahost engagieren.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.