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Franz Müntefering : Unterricht beim Volkspädagogen

Franz Müntefering beim Besuch der F.A.Z.-Redaktion im Januar Bild: Daniel Pilar/F.A.Z.

Franz Müntefering reist seit Wochen durch die Republik, als sei der Wahlkampf schon ausgebrochen. Und bleibt doch gelassen. Seine Partei aber wird unruhig. Ihr Chef verzettle sich, heißt es. Die Richtung sei unklar, eine Linie nicht erkennbar.

          5 Min.

          Franz Müntefering ist zu Gast bei der Union. Nicht bei der Union. Sondern bei „Union“ in Chemnitz, dem ältesten Werkzeugmaschinenbauer Europas, Jahrgang 1852 und elf Jahre älter als die SPD. Der Chef der deutschen Sozialdemokraten spricht in der Werkshalle zwischen viel grauem Stahl. Nicht alle Stühle sind besetzt. Der Redner hat es nicht leicht am späten Freitagnachmittag, an dem die gut hundert Zuhörer ins Wochenende wollen. Er spricht 45 Minuten, ohne dass jemand klatscht – höflichen Applaus gibt es nur zum Schluss.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Kürzlich in Köln-Porz, da war es auf andere Weise schwierig, da begrüßte das Dreigestirn Müntefering, auf der Bühne wurde geschunkelt, und dann waren die Jecken weg, und der SPD-Chef musste umschalten auf ernst, auf das Reden über die Krise und „Das neue Jahrzehnt“, wie die gegenwärtige Veranstaltungsreihe heißt. Im vergangenen Jahr, unter dem Vorsitzenden Kurt Beck, hieß eine ähnliche Tour „Nah bei den Menschen“, früher einmal „Deutschland-Dialog“. Nun dient sie dazu, die Partei im Gespräch und in den Medien zu halten, die Wochen bis zum 18. April zu überbrücken. Dann stellt die SPD ihr Regierungsprogramm vor.

          Die Reihe soll auch dem Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier helfen, sich endlich in der Partei warmzulaufen. Andrea Nahles, Peer Steinbrück, Hubertus Heil und Peter Struck treten auch auf. Die meisten Veranstaltungen macht aber Müntefering selbst – am Mittwoch war er in Berlin, am Montag wird er in Hamburg sein. Damit das Münteferingsche Übergewicht nicht auffällt, werden nicht alle seine Auftritte in der Terminübersicht der Reihe genannt.

          Müntefering reist seit Wochen durch die Republik, als sei der Wahlkampf schon ausgebrochen. Er verneint, dass dem so ist. Mit einigem Recht. Denn seine Vorträge sind anders, als Wahlkampfauftritte es sind. Nur selten lässt er aufblitzen, was da noch kommen wird vom Sommer an. Der SPD-Chef bleibt unbestimmt. So sagt er, dass weniger Geld „in die Spekulation“ fließen dürfe, aber fordert nicht eine Börsenumsatzsteuer. Er greift Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann an, der Boni in Höhe von 12,8 Millionen Euro bekommen habe, aber keine „Mali“ für vier Milliarden Euro Verlust. Aber wie die Gehälter und Boni für Manager beschränkt werden sollen, das lässt er offen, auch die „Reichensteuer“ nennt er nicht. Er will anderen nicht vorgreifen, vor allem nicht Steinmeier. Er will nicht die Koalitionspartner von der CDU und CSU frontal angehen, solange Steinmeier als Außenminister und Vizekanzler regieren muss. Solche Querschüsse kennt er noch aus Zeiten des Vorsitzenden Kurt Beck, als er, Müntefering, Vizekanzler war.

          Dass er und Steinmeier seit Monaten ohne öffentliche Friktionen agieren, empfindet Müntefering als Erfolg. Und er schiebt Steinmeier nach vorn, wo es jenem nützt. Selbst Rollen, die ihm als Vorsitzenden zuständen, wie die Wortführerschaft im Koalitionsausschuss, überlässt er dem Kandidaten. Dass es auf Steinmeier ankommt, diese Maßgabe hat Müntefering in der SPD durchgesetzt. Die Parteilinke murrt seit Monaten nicht öffentlich. Intern aber gibt es Unzufriedenheit: Müntefering verzettle sich. Die Richtung bleibe unklar, weil Steinmeier sie nicht vorgebe. Eine Linie sei nicht erkennbar.

          Kürzlich hat Müntefering mit den anderen SPD-Spitzen zusammengesessen, und sie haben sich mehrere Stunden berichtet, was sie eigentlich in ihren Reden zum „neuen Jahrzehnt“ so vortragen. Das diente dazu, dass man einander nicht widerspricht. Manche kommentieren das mit Kopfschütteln, sprechen von „organisierter Sprachlosigkeit“, die weiter in der Parteispitze herrsche. Manche lasten sie dem Parteichef an. Im Herbst, nach dem Schwielowsee-Debakel, galt Müntefering vielen als Heilsbringer. Nun ist die Gloriole des heiligen Franz verblasst.

          Kontrolle ist besser

          Doch der schert sich nicht um die Kritik derer, die er gern Oberfunktionäre nennt. Er macht seinen Vorwahlkampf unbeirrt. Es ist der Unterricht eines Volkspädagogen. Er spricht davon, dass die Kinder der Einwanderer früh Deutsch lernen müssten, dass es ein Skandal sei, dass jedes Jahr 80.000 Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen. Am Mittwochabend im Kino „Kosmos“ im Berliner Bezirk Friedrichshain spricht er vor allem von Familie. Er nennt es pervers, dass Kinder schon morgens vor der Schule fernsehen, ereifert sich darüber, dass zwanzig Erziehungszeitschriften im Zeitungsladen liegen („Die Eltern können ja nur verwirrt sein, meine Mutter hat das auch so hingekriegt“), und bedauert, dass Alte einsam sind, die es nicht sein müssten „in unserer zeitreichen Gesellschaft“.

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