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Franz Müntefering : Leise Sohlen, klare Kanten

Gab gern den Mann der Basis: Franz Müntefering Bild: dpa

Sein langsamer und stetiger Aufstieg geschah auf leisen Sohlen, abgesichert durch die Partei an Rhein und Ruhr. Helm enger schnallen und weitermarschieren: Der Weg des Franz Müntefering. Von Majid Sattar.

          Als Heranwachsender im Sauerland hat Franz Müntefering Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre im Dorf Fußball gespielt. Irgendwann bekommt er neue Schuhe, ganz flache, ohne Stahlkappe an der Fußspitze. Vor einem Spiel sagt er: Wenn wir nicht gewinnen, höre ich auf. „Wir haben 1:1 gespielt. Es hat mir leidgetan, aber ich habe es trotzdem gemacht. Aus.“ Die Anekdote verbreitet Müntefering am Tag nach seinem Rücktritt vom SPD-Vorsitz im Herbst 2005. Er sei eben ein Mann mit einer Neigung zur „klaren Kante“, sagt er noch im Frühjahr dieses Jahres in einem der wenigen Personality-Interviews.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Franz Müntefering, der Arbeitsminister und Vizekanzler, der nichts mehr werden muss, will mal ganz anders wirken, sein Image als unnahbarer, scheinbar emotionsloser Parteisoldat korrigieren. Also spricht er über sein Großwerden in kleinen Verhältnissen im katholischen Sauerland, über seinen Vater, den er erst nach dessen Kriegsgefangenschaft kennenlernt, über den frühen Tod seines besten und einzigen Jugendfreundes („Ich bin nicht so der Kumpeltyp“) und über sein zeitweises Doppelleben als Arbeiter und Autodidakt: tagsüber als Industriekaufmann „in der Firma“, abends Fortbildung in demokratischem Sozialismus, Konkret-Lektüre, politische Magazine im Westdeutschen Rundfunk.

          Machtkämpfe mit dem Modernisierer Clement

          Müntefering steht schon zu sehr im Leben, um als Arbeiterkind von den bewegten Studenten untergehakt zu werden. Als Willy Brandt 1965 zum zweiten Mal die Bundestagswahl verliert, sagt er sich: So geht es nicht weiter. Er tritt der SPD bei und beginnt die Ochsentour: Ortsverein, Unterbezirk, Gemeinderat ... 1975 rückt er in den Bundestag nach, nach der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl 1990 wird er Parlamentarischer Fraktionsgeschäftsführer und ist im Parteivorstand vertreten.

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          Sein langsamer und stetiger Aufstieg geschieht auf leisen Sohlen, abgesichert durch die Partei an Rhein und Ruhr. Zweimal folgt er dem Sozialdemokraten Hermann Heinemann im Amt nach: im Sommer 1992 an der Spitze des SPD-Bezirks Westliches Westfalen, des größten und mächtigsten Parteibezirks Deutschlands, wenige Monate später als Sozialminister im Kabinett von Johannes Rau. Zeitweise liebäugelt Müntefering mit dem Amt des Ministerpräsidenten - 1996 rückt er in den Düsseldorfer Landtag nach -, doch steht dem Wolfgang Clement im Wege. Über Jahre werden die Machtkämpfe zwischen dem mediengewandten Modernisierer Clement, der 1998 Ministerpräsident wird, und dem damals knorrigen Traditionalisten Müntefering, der 1998 den Landesvorsitz von Rau übernimmt, vorwegnehmen, was sich später unter anderen Vorzeichen zwischen ihm und Schröder und ihm und Beck wiederholt. Kaum Vorsitzender der Landespartei, paukt Müntefering eine Strukturreform durch, mit der die mächtigen SPD-Bezirke entmachtet werden.

          Ein kurzer Ausflug in die Exekutive

          Münteferings Pendeln zwischen Düsseldorf und Bonn, seine vielen Ämterwechsel in Bonn und Berlin spiegeln die Wirren der SPD nach dem Scheitern des Vorsitzenden Rudolf Scharping wider. Der spröde Westerwälder hatte den Sauerländer auf Anraten Raus als Bundesgeschäftsführer in die Bonner Baracke geholt. Lafontaine hält nach dem Mannheimer Putschparteitag an ihm fest - und es gelingt Müntefering, die vermeintliche Troika, das schwierige Machtdreieck Lafontaine (Partei), Scharping (Fraktion) und Schröder (Schröder), einigermaßen auszubalancieren.

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