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Franz Müntefering im Interview : „Sich nur über Schröder aufzuregen, ist heuchlerisch“

Franz Müntefering und der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder am 31. August 2005 beim Außerordentlichen Bundesparteitag der SPD in Berlin Bild: Kay Herschelmann

Auch Altkanzler mit guten Russland-Kontakten dürfen gutes Geld verdienen, findet der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering. Ein Gespräch über zu wenig Streit im Bundestag, das stete Bemühen von Andrea Nahles – und die Absurdität dicker Koalitionsverträge.

          Herr Müntefering, dafür, dass es in der SPD lange hieß, über Oskar Lafontaine gebe es nichts zu sagen, nimmt er einen erstaunlich großen Raum in Ihrem neuen Buch ein. Wirkt das Trauma Lafontaine in der SPD noch immer nach?

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Nein, Oskar Lafontaine ist kein Trauma für die SPD, das wäre zu viel der Ehre. Aber natürlich hat die Art und Weise, wie er der SPD gleich zwei Mal geschadet hat, 1999 bei seinem Rückzug aus allen Ämtern und 2005, als er mit der Linkspartei gegen die SPD angetreten ist, erhebliche Narben hinterlassen. Die wirken nach, bei mir jedenfalls.

          In Ihrem Buch machen Sie Lafontaine für die Wahlniederlage 2005 verantwortlich: „Ohne seine Grätsche hätten wir mit Schröder noch ein gutes Jahrzehnt regieren können“, schreiben sie. Lag es wirklich nur an Lafontaine oder nicht auch an der Agenda 2010, die viele sozialdemokratische Wähler zutiefst verunsichert hatte?

          Ich bin sicher, dass Lafontaine und Gregor Gysi, die gerade noch rechtzeitig zur Wahl 2005 PDS und WASG zur Linkspartei vereinigt hatten, mit ihrem „Bruderkuss“ einen erheblichen Anteil an unserer Niederlage gehabt haben. Das haben sie bewusst geplant, die sind schlau genug, das gewollt zu haben. Natürlich hat wohl auch die Agenda 2010 eine Rolle gespielt, für die wir als SPD viel Kritik einstecken mussten. Trotzdem bin ich überzeugt, dass die Agenda 2010 richtig war, auch wenn sie heute manchen zu einem wohlfeilen Schimpfwort geworden ist. Mit ihr haben wir unter anderem die Zahl der Langzeitarbeitslosen drastisch senken können. Außerdem gab es damals zur Agenda eine klare Zustimmung in der SPD. Das wird heute oft vergessen.

          Sie schildern auch den Moment, als Gerhard Schröder 1998 die Landtagswahl gewann und Kanzlerkandidat wurde und Lafontaine eine Erkenntnis dämmerte: „Er hätte auch Helmut Kohl schlagen können. Dann versuchte er, die Wirklichkeit doch noch seinem Wunsch anzupassen“, schreiben sie ...

          Ja, er hätte es vielleicht auch schaffen können. Aber er hatte den Mut nicht.

          Sehen Sie Lafontaines Rückzug aus der SPD und seinen Weg in die Linkspartei also vor allem als einen Akt der Rache – oder der Reue, weil er Schröder den Vortritt gelassen hatte?

          Was Lafontaines Motive waren, darüber will ich nicht spekulieren. Ich habe mit ihm seither nicht gesprochen. Worüber auch.

          Noch einen größeren Teil als Lafontaine nimmt in Ihrem Buch die Auseinandersetzung mit der aktuellen politischen Lage ein. Sie fordern mehr Mut zur Debatte, mehr Leidenschaft, mehr Auseinandersetzung im Parlament. Macht Ihnen der Zustand der politischen Streitkultur Sorgen?

          Mir macht Sorgen, dass über die großen politischen Zeitfragen, ob lokal oder global, ob Ökologie, Soziales oder Ökonomie, im politischen Raum zu wenig diskutiert und kaum erkennbar gestritten wird. Dafür wäre der Bundestag der richtige Ort. Das gäbe Orientierung. Beim Thema Sterbehilfe gab es eine rühmliche Ausnahme. Aber das reicht natürlich nicht.

          Viele Politiker haben Angst vor klaren Positionen, stimmt der Eindruck?

          Es gab gerade in den letzten Jahren eine zunehmende Tendenz, auch durch die großen Koalitionen, die Menschen möglichst nicht zu verunsichern. Still das Nötige zu tun. Das ist gut gemeint. Aber das reicht nicht für eine lebendige Demokratie. Die braucht Frischluft. Denn die Menschen haben Sorgen, wie es in Deutschland, in Europa und auf der Erde weitergeht. Klarere Worte würden helfen. Sie würden die Verbindung zur Wählerschaft auch wieder festigen.

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