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Frankreich in der EU : Die zögernde Atommacht

Die Frage der Glaubwürdigkeit

Das zweite Element der Glaubwürdigkeit: Amerika lässt seine Verbündeten beim Einsatz der Atombomben auf ihrem Boden mitreden. Das gilt für Italien, Belgien und die Niederlande, aber auch für Deutschland. Für die ist ein „Zwei-Schlüssel-System“ der Teilhabe geschaffen worden. Die Bomben sind zwar amerikanisch, aber die Bomber sind zum Beispiel deutsche Tornados. Wenn sie eingesetzt werden, müssen beide Seiten zustimmen.

Paris hat solche Garantien nie angeboten. Seine Nuklearmacht ist in einer anderen historischen Situation entstanden als die der Vereinigten Staaten. Amerika hat die Atombombe im Zweiten Weltkrieg entwickelt – einem Krieg, den es überzeugend gewann und in dem es auch noch ein Dutzend Verbündete rettete. Der Gedanke lag damit nahe, seine nukleare Schutzgarantie könnte weitere Länder umfassen.

Frankreich hat da andere Erinnerungen. Erst unlängst hat ein Mann über sie gesprochen, der international als der „Papst“ der französischen Nukleardoktrin gilt: Nicolas Roche, Direktor für Strategie und Sicherheit im Außenministerium. Im Verteidigungsausschuss der Nationalversammlung erinnerte er im März an zwei Traumata, die der französischen Atomrüstung bis heute zugrunde liegen: das „Debakel vom Juni 1940“ und die Suez-Krise von 1956.

De Gaulles Doktrin

„1940“ steht für die militärische Vernichtung Frankreichs durch Hitlers Überfall im Zweiten Weltkrieg. Die „Suez-Krise“ ist eine Chiffre für Bündnisverrat: Ägypten hatte damals die französisch-britische Suezkanal-Gesellschaft verstaatlicht. London und Paris wollten eingreifen, aber das verbündete Amerika stellte sich gegen sie. Sie verloren die Kontrolle über den Kanal.

Das wirkt bis heute. Seit Präsident de Gaulle beruht die französische Nukleardoktrin auf dem Gedanken, dass eine Nation militärisch erstens unangreifbar sein muss, wenn sie überleben will, und dass sie sich zweitens im Ernstfall auf Verbündete nicht verlassen kann. Das führt dann zu dem Schluss, dass kein Staat, weder Amerika noch Frankreich, jemals glaubwürdige atomare Garantien für andere abgeben kann. Roche hat das im März so formuliert: „De Gaulle war überzeugt, dass kein Land sich verpflichten kann, sein Leben zum Schutz einer anderen Nation einzusetzen, und deshalb glaubte er, dass Abschreckung nicht geteilt werden kann.“ In Bezug auf Frankreichs Partner in Europa und in der Nato fügte Roche dann noch hinzu, die hätten eben „eine andere Wahl getroffen“ und ihre Sicherheit von der „erweiterten Abschreckung“ der Amerikaner abhängig gemacht.

Neben diesem nuklearen Eigenbrötlertum hat es allerdings immer wieder auch Zeichen für ein europäisches Denken gegeben. Frankreich setzte sich dafür ein, dem europäischen Vertrag von Lissabon eine militärische Beistandsklausel anzufügen, und im vergangenen Frühling billigte es im Aachener Vertrag mit Deutschland eine Formel, in der beide Länder sich für den Fall eines bewaffneten Angriffs „jede in ihrer Macht stehende Hilfe“ versprechen.

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