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Hessischer Generalstaatsanwalt : Blüten des Fritz-Bauer-Kultes

Heiko Maas nimmt in New York den „Posthumous Ethics Leadership Award“ für den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer entgegen. Bild: dpa

Außenminister Heiko Maas nimmt in New York eine postume Ehrung für den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer entgegen. Doch die Begründung für den Preis ist nicht ganz korrekt – und überhöht einen Menschen, der dies gar nicht nötig hat.

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          Fritz Bauer hat Großes geleistet – so viel, dass er eigentlich keiner Überhöhung bedürfe. Der spätere hessische Generalstaatsanwalt, der an diesem Montag in New York wieder einmal postum geehrt wird, begann schon seine Laufbahn als jüngster Amtsrichter der Weimarer Republik. Als Sozialdemokrat und Sohn einer jüdischen Familie warnte er vor der Machtübernahme der Nazis. 1933 kam er für mehrere Monate in ein KZ und wurde aus dem Staatsdienst entlassen. 1936 emigrierte er nach Dänemark und floh später weiter nach Schweden, wo er im Exilkreis um Willy Brandt verkehrte und die „Sozialistische Tribüne“ mitbegründete.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          1949 kehrte Bauer ins Land seiner Verfolger zurück und wurde bald zum Generalstaatsanwalt ernannt. Zunächst in Braunschweig, wo er im sogenannten Remer-Prozess erreichte, dass die Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 rehabilitiert wurden: Otto Ernst Remer hatte die Widerständler als Landesverräter bezeichnet, Bauer setzte eine Anklage gegen ihn wegen übler Nachrede und der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener durch. 1956 holte man ihn nach Hessen. Von dort aus sorgte er dafür, dass der Mossad Adolf Eichmann in Argentinien festsetzen konnte. Dann erreichte er, dass sämtliche Strafverfahren wegen der Mordtaten im Vernichtungslager Auschwitz unter seiner Hoheit zusammengezogen wurden. Er wollte das Menschheitsverbrechen Auschwitz in einem großen, öffentlichkeitswirksamen Gerichtsprozess aufarbeiten, um allen Menschen im Land vor Augen zu führen, was dort getan worden ist. Am 20. Dezember 1963 begann der große Frankfurter Auschwitzprozess, es war der Höhepunkt der Verfolgung von NS-Verbrechen durch die deutsche Justiz. Nach Bauers Tod 1968 erlahmte deren Aufklärungseifer bald wieder.

          Renaissance des Fritz Bauers 

          Auch die Erinnerung an Bauer verblasste. Über Jahrzehnte war sein Name nur einem kleinen, zeitgeschichtlich interessierten Publikum geläufig, bis vor einigen Jahren eine Renaissance einsetzte. Biographien wurden veröffentlicht, gleich mehrere Kinofilme nahmen sich den Frankfurter Auschwitzprozess und die Rolle Fritz Bauers zum Thema, Säle wurden nach ihm benannt, Ausstellungen über sein Wirken eröffnet. Heiko Maas stiftete 2014 als Bundesjustizminister einen Studienpreis „für Menschenrechte und juristische Zeitgeschichte“, der Bauers Namen trägt. Immer weiter verfestigte sich seitdem die Erzählung vom Generalstaatsanwalt, der einsam gegen die braunen Seilschaften der frühen Bundesrepublik kämpfte. „Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich Feindesland“, lautet das inzwischen wohl bekannteste Zitat, das Fritz Bauer zugeschrieben wird.

          Ein Höhepunkt dieser erzählerischen Zuspitzung ist nun die postume Verleihung des „Awards For Ethical Leadership“ an Bauer in New York. Bauer erhält ihn laut der Website der Organisation, da er der erste Staatsanwalt gewesen sei, der „Auschwitz officials“ vor einem deutschen Gericht angeklagt habe – gegen den aktiven Widerstand seiner Vorgesetzten. Heiko Maas, nunmehr Außenminister, hat den Preis schon am 3. April auf einer New-York-Reise für Bauer entgegengenommen.

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