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Frankfurt und Petra Roth : Die Stadt der Frau

Bei der Amtseinführung 1995 im Frankfurter Römer Bild: Wolfgang Eilmes

Eigentlich wurde Petra Roth mehr aus Not denn aus Überzeugung in den Bürgermeisterwahlkampf in Frankfurt geschickt, doch sie siegte überraschend. Fast 17 Jahre ist das her, viel hat sich seither getan. Bald gibt sie ihr Amt ab.

          Petra Roth ist auch da. Ein Verein mit dem Namen City Forum Pro Frankfurt hat geladen. Boris Rhein, der CDU-Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl am 11. März, soll Auskunft geben über sich und seine Ziele. Und Roth kommt die Aufgabe zu, den Parteifreund mit ein paar freundlichen Worten einzuführen. Hat man sich gedacht. Doch Roth verweigert die Rolle der Animateurin und spricht lieber über sich selbst, über ihre Verdienste für die Stadt und darüber, dass sie noch einmal angetreten wäre, wenn es die Altersbegrenzung in der Hessischen Gemeindeordnung nicht gäbe. „Und ich hätte auch gewonnen“, sagt sie. Rhein lächelt tapfer. -

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Nicht nur bei dieser Gelegenheit können die Frankfurter spüren, wie schwer es der 67 Jahre alten Roth fällt, sich auf den Abschied aus dem Amt einzustellen. Wenn sie es am 1. Juli abgeben muss, wird sie ziemlich genau 17 Jahre lang im Rathaus Römer residiert haben, in ihrem Dienstzimmer im ersten Stock. Vor wenigen Jahren erst ist es umgestaltet worden, ganz nach dem Geschmack der Hausherrin. Die dunkle Holztäfelung ist verschwunden, stattdessen dominiert Weiß. Wenn die Oberbürgermeisterin von ihrem Schreibtisch aus nach rechts schaut, blickt sie auf ein Gemälde von Gerhard Richter. Wendet sie sich nach links, dann kann sie durch das Fenster die Paulskirche erkennen.

          Präsenz und Kommunikationstalent

          1995 hat Roth in der ersten Direktwahl eines Frankfurter Stadtoberhaupts überraschend den Amtsinhaber Andreas von Schoeler (SPD) geschlagen. Die Frankfurter CDU hatte die Landtagsabgeordnete mehr aus Not denn aus Überzeugung aufgestellt. Doch im Wahlkampf konnte Roth ihre Stärken ausspielen, ihre Präsenz, ihre Begeisterungsfähigkeit und ihr Kommunikationstalent. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, der sie unterstützte, hat diese Begabung schneller erkannt als einige heimische Parteigranden.

          Mancher unter ihnen hat auch Roths Eigenständigkeit unterschätzt. Wer gedacht hatte, sie werde den Einflüsterungen eines Kreises von konservativen Beratern folgen, sah sich rasch eines Besseren belehrt. Roth suchte sich ihre eigenen Themen, bewies ihr Gespür für gesellschaftliche Strömungen. Anders kann man in dieser Stadt, die sich aufgrund ihrer Internationalität und ihrer linksintellektuellen Tradition immer noch als Avantgarde unter den deutschen Kommunen versteht, nicht bestehen.

          Sie verteidigte den Bau einer Moschee

          In der Integrationspolitik etwa hat Roth die Frankfurter CDU auf einen liberalen Kurs gezwungen. Sie hat früh für eine Drogenambulanz gekämpft. Den Bau einer Moschee im Stadtteil Hausen hat sie in einer Bürgerversammlung gegen massive Widerstände verteidigt. Als die Bundes-CDU erkannte, dass man sich als Großstadtpartei profilieren müsse, konnte man den Generalsekretär zur Fortbildung nach Frankfurt einladen. Das schwarz-grüne Bündnis, das 2006 vom damaligen Parteivorsitzenden Udo Corts geschmiedet wurde, hat Roth jedoch nicht herbeigesehnt. Insofern ist es eine Ironie der Geschichte, dass Roth jetzt von der FDP als Kandidatin für das Bundespräsidentenamt abgelehnt wurde, weil sie für Schwarz-Grün stehe.

          Allerdings hat Roth tatsächlich rasch das Potential erkannt, das in der Verbindung mit einer Partei steckte, die den Zeitgeist auf ihrer Seite hat. Während Schwarz-Grün in anderen Großstädten rasch wieder zerbrach, hat es in Frankfurt Bestand. Das liegt zum einen daran, dass die finanziellen Spielräume bisher sehr komfortabel waren. Wichtiger aber noch: Die Protagonisten verstehen sich gut.

          Die Türme, die Lichter: Frankfurt verwandelt sich in der Nacht, wenn die Wolkenkratzer, riesigen Straßenlaternen gleich, ihr Licht auf die Stadt werfen. Bilderstrecke

          In Frankfurt hat sich seit Roths Amtsantritt viel getan: Der Flughafen wurde erweitert, mehrere Neubaugebiete sind entstanden, die Skyline ist um ein Dutzend Türme reicher geworden. Rund um das sanierte IG-Farben-Haus im Westend ist ein neuer Universitätscampus entstanden und im Stadtwald wurde ein neues Fußballstadion errichtet. Die Mainufer sind neu gestaltet worden, das Technische Rathaus neben dem Dom ist abgerissen, mit dem Wiederaufbau der Altstadt wurde begonnen, das Städel erweitert. Im Ostend schraubt sich der Neubau der Europäischen Zentralbank in den Himmel. Viele Frankfurter würden sich die Augen reiben, wenn sie noch einmal durch ihre Stadt laufen könnten, wie sie 1995 aussah.

          Nicht alle Neubauten sind gelungen, aber so geht es in Frankfurt schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts: Diese Stadt häutet sich alle paar Jahrzehnte, sie ist nichts für Sentimentale. Die Lust am Wandel, der immer auch Profitchancen bietet, trägt die Handelsstadt sozusagen in ihren Genen. Die Bremer Kaufmannstochter Roth passt auch deshalb gut hierher. Und es besteht kein Zweifel: Das Stadtbild hat sich verbessert. Roths direkter Anteil daran ist allerdings begrenzt. Die Zahl der Jurys bei großen Architekturwettbewerben, denen sie angehörte, ist überschaubar. Eher hat sie im Nachhinein eingegriffen, wenn ihr etwas partout nicht gefiel.

          Ihr Einfluss auf die Entwicklung der Stadt ist so vor allem atmosphärischer Natur. Roth trifft fast immer den richtigen Ton und bewegt sie sich auf einem Volksfest unter einfachen Leuten mit der gleichen Sicherheit wie bei Empfängen in den besseren Kreisen. Beim großen Faschingsumzug war es wieder zu sehen: Roth vermittelt den Eindruck, gern dabei zu sein, ohne sich anzubiedern. Eine Kunst, die nicht viele Politiker beherrschen. Dass Roth mitunter pampig und schneidend sein kann, mindert ihre Popularität nicht, im Gegenteil. Sie versteht es, Leute mit Einfluss und Geld in die Pflicht zu nehmen. Unter den deutschen Stadtoberhäuptern ragt sie heraus, wie auch ihre mehrfache Wahl zur Städtetagspräsidentin belegt. Der Ruf, den Roth außerhalb Frankfurts genießt, ist fast noch besser als der daheim.

          Das hören Frankfurter, deren Minderwertigkeitskomplex sich schon daran ablesen lässt, wie begierig sie vernehmen, was andernorts über ihre Stadt gedacht wird, besonders gern. Deshalb studieren sie auch gern Städterankings. Umso lieber, seit ihre Stadt immer häufiger auf vorderen Plätzen auftaucht. Dass die Außenwahrnehmung von Frankfurt sich verändert hat, strahlt auch auf das Lebensgefühl in der Stadt zurück. Wie sehr die Anziehungskraft Frankfurts gestiegen ist, lässt sich objektiv am Bevölkerungswachstum festmachen. Auch andere Statistiken lassen sich als Beleg für eine positive Bilanz von Roths Amtszeit interpretieren.

          Jedes Jahr ermittelt das Bürgeramt, wie zufrieden die Frankfurter mit ihrer Stadt sind. Zu Roths Amtsantritt äußerten 14 Prozent der Befragten, sie seien mit der Situation in der Stadt im allgemeinen unzufrieden, im Jahr 2010, zu dem die jüngsten verfügbaren Zahlen vorliegen, waren es nur noch sechs Prozent. Für viele Themen lässt sich eine ähnliche Entwicklung beobachten, selbst für das Wohnungsangebot, derzeit außer dem Fluglärm das einzige echte Reizthema in der Kommunalpolitik. Besonders signifikant ist, wie stark sich das Sicherheitsgefühl verbessert hat. Empfanden 1995 noch 63 Prozent der Frankfurter den Schutz vor Kriminalität als unzureichend, fiel der Anteil bis 2010 auf 22 Prozent.

          Gefälle zwischen Legitimation und Macht

          Und wieder die Frage: Was davon ist Roth zuzuschreiben? Um die Gestaltungsmöglichkeiten eines hessischen Oberbürgermeisters einschätzen zu können, muss man den eigenartigen Charakter des Amts berücksichtigen. Das direkt gewählte Stadtoberhaupt ist im Magistrat nur Primus inter Pares; es hat den von der Stadtverordnetenversammlung gewählten Dezernenten gegenüber keine Weisungsbefugnis. Das sorgt für ein Gefälle zwischen Legitimation und Macht, das nur durch Autorität zu überwinden ist. Der Oberbürgermeister besitzt zwar in der Theorie das Recht, die Ressorts zuzuteilen. In der Praxis aber ist er an Koalitionsabsprachen und parteiinterne Vereinbarungen gebunden.

          Es ist auffällig, dass in Roths Amtszeit kein politischer Stern neben dem ihren aufgegangen ist. Manche sagen, dass Roth es verstanden hat, potentielle Rivalen kaltzustellen. Tatsächlich musste Rhein, ihr heutiger Nachfolgekandidat, einst auf ihr Geheiß und gegen seinen Willen vom Ordnungsdezernat ins Wirtschaftsdezernat wechseln. Er ließ sich daraufhin nach Wiesbaden in die Landesregierung berufen, ähnlich wie vor ihm schon Udo Corts, der zumindest vom Auftreten her für den Topjob in Frankfurt geeignet gewesen wäre, die Mühen der abendlichen Versammlungen auf Stadtbezirksverbandsebene aber eher gemieden hat. Und so fehlte auch anderen Nachwuchskräften immer irgendetwas: die rednerische Begabung, der Machtwille oder die Bereitschaft, rund um die Uhr für die Karriere zu ackern. Ein politisches Großtalent hat Roth jedenfalls nicht an seiner Entfaltung gehindert.

          Für den Erfolg Frankfurts ist es ohnehin viel wichtiger, dass die städtischen Unternehmen und Institutionen erfolgreich geführt werden. Das trifft auf die städtische Wohnungsgesellschaft ABG, den lokalen Energieversorger Mainova und die Messegesellschaft zu. Nur noch in Ausnahmefällen kommen in den Unternehmen gescheiterte Mandatsträger unter. An der Spitze stehen stattdessen Männer mit klaren Vorstellungen und großem Durchsetzungsvermögen, die ihre Erfolge im Stillen genießen können und die Politiker umso mehr ins Licht rücken. Das sind Männer nach dem Geschmack der Oberbürgermeisterin, die jeweils dem Aufsichtsrat vorsitzt.

          Zu Roths Favoriten zählt auch der Kulturmanager Max Hollein. Der Kunsthistoriker und Betriebswirt wurde an die Spitze der Schirn Kunsthalle und später auch des Städels und des Liebieghauses geholt und wickelt mit seinem Wiener Charme den örtlichen Geldadel um den Finger. Die Resonanz in den überregionalen Medien auf seine Ausstellungen ist riesig. Das ruft Neid unter Kollegen hervor, aber der Erfolg Holleins hat auch viele angespornt. Ob Oper oder das Museum für Moderne Kunst: Die Frankfurter Kulturlandschaft ist erblüht. Auch wenn Roth dabei nur selten für die Auswahl des Personals verantwortlich war, so machte sich die Begeisterung der Oberbürgermeisterin für Kunst doch bemerkbar. Sie ist zwar Instinktpolitikerin und keine Intellektuelle, Kultur ist für Roth aber Chefsache. Und sie hat es vermocht, dramatische Kürzungen des Kulturetats in schwierigen Zeiten zu verhindern.

          Sie übt das Amt rund um die Uhr aus

          Roths Identifikation mit dem Amt könnte größer nicht sein. „Ich als Stadt Frankfurt“ ist eine Wendung, die sie in ihren Reden häufiger verwendet. Seit 1994 ist sie verwitwet, sie übt das Amt beinahe rund um die Uhr aus. Da war es nicht selbstverständlich, dass Roth den richtigen Zeitpunkt für ihren Abschied finden würde. Anfang November hat sie ihren vorzeitigen Rückzug angekündigt und gleichzeitig bestimmt, dass Rhein ihr Nachfolgekandidat werden solle. Das wäre er wohl auch ohne ihr Zutun geworden, doch so hat Roth noch einmal den Eindruck erweckt, die Zügel in der Hand zu halten.

          Als Roth ihren Abschied verkündete, konnte sie noch nicht wissen, wie heftig die Auseinandersetzungen um die Lärmbelastung durch die neue Landebahn des Flughafens noch werden würden. Nun muss sich Rhein der Wut der gutbürgerlichen Kreise in den südlichen Stadtteilen Niederrad und Sachsenhausen stellen. Dagegen wusste Roth genau, dass sich die Haushaltslage verschlechtert. Das findet zwar auf einem Niveau statt, von dem andere Kommunen nur träumen können, macht die Debatten in Frankfurt jedoch nicht einfacher.

          So hatte sich Roth einst mit Blick auf das, was bleiben könnte, an die Spitze jener gesetzt, die das alte Universitätsareal in Bockenheim zu einem Kulturcampus machen wollen. Doch die Sparzwänge drohen auch dieses Projekt zunichte zu machen. Und leichtfertig setzt die schwarz-grüne Koalition nun auch noch die Wiederherstellung der Altstadt zwischen Dom und Römer aufs Spiel, indem ein elementarer Teil des Projekts entfallen soll. Die Bilder von der Grundsteinlegung für den Wiederaufbau könnten bald für die Illustration sarkastischer Artikel zur Frankfurter Planungspolitik taugen. Dass es überhaupt so weit kommen konnte, zeugt vom Machtverfall Roths.

          Es fehlt das Hauptthema

          An den beginnenden Sparrunden nimmt Roth schon nicht mehr teil. Sie treibt der Gedanke um, was von ihr in Erinnerung bleiben wird. Es fehlt ihren Jahren die einprägsame Überschrift, das Hauptthema. Die Befürchtung, dass Verdienste um die weichen Standortfaktoren leichter in Vergessenheit geraten als Bauwerke, ist nicht von der Hand zu weisen. Ihr Büroleiter hat eine Biographie geschrieben, sie soll noch erscheinen, bevor Roth im Sommer ihr Büro räumen muss. In dem Buch dürften auch die Stunden vor gut zwei Wochen Erwähnung finden, in denen Roth offenbar ernsthaft für das Amt des Bundespräsidenten im Gespräch war. Wer auch immer in ihr Büro ziehen darf, wird lange auf eine ähnliche Auszeichnung warten müssen.

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