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Frankfurt und Petra Roth : Die Stadt der Frau

Zu Roths Favoriten zählt auch der Kulturmanager Max Hollein. Der Kunsthistoriker und Betriebswirt wurde an die Spitze der Schirn Kunsthalle und später auch des Städels und des Liebieghauses geholt und wickelt mit seinem Wiener Charme den örtlichen Geldadel um den Finger. Die Resonanz in den überregionalen Medien auf seine Ausstellungen ist riesig. Das ruft Neid unter Kollegen hervor, aber der Erfolg Holleins hat auch viele angespornt. Ob Oper oder das Museum für Moderne Kunst: Die Frankfurter Kulturlandschaft ist erblüht. Auch wenn Roth dabei nur selten für die Auswahl des Personals verantwortlich war, so machte sich die Begeisterung der Oberbürgermeisterin für Kunst doch bemerkbar. Sie ist zwar Instinktpolitikerin und keine Intellektuelle, Kultur ist für Roth aber Chefsache. Und sie hat es vermocht, dramatische Kürzungen des Kulturetats in schwierigen Zeiten zu verhindern.

Sie übt das Amt rund um die Uhr aus

Roths Identifikation mit dem Amt könnte größer nicht sein. „Ich als Stadt Frankfurt“ ist eine Wendung, die sie in ihren Reden häufiger verwendet. Seit 1994 ist sie verwitwet, sie übt das Amt beinahe rund um die Uhr aus. Da war es nicht selbstverständlich, dass Roth den richtigen Zeitpunkt für ihren Abschied finden würde. Anfang November hat sie ihren vorzeitigen Rückzug angekündigt und gleichzeitig bestimmt, dass Rhein ihr Nachfolgekandidat werden solle. Das wäre er wohl auch ohne ihr Zutun geworden, doch so hat Roth noch einmal den Eindruck erweckt, die Zügel in der Hand zu halten.

Als Roth ihren Abschied verkündete, konnte sie noch nicht wissen, wie heftig die Auseinandersetzungen um die Lärmbelastung durch die neue Landebahn des Flughafens noch werden würden. Nun muss sich Rhein der Wut der gutbürgerlichen Kreise in den südlichen Stadtteilen Niederrad und Sachsenhausen stellen. Dagegen wusste Roth genau, dass sich die Haushaltslage verschlechtert. Das findet zwar auf einem Niveau statt, von dem andere Kommunen nur träumen können, macht die Debatten in Frankfurt jedoch nicht einfacher.

So hatte sich Roth einst mit Blick auf das, was bleiben könnte, an die Spitze jener gesetzt, die das alte Universitätsareal in Bockenheim zu einem Kulturcampus machen wollen. Doch die Sparzwänge drohen auch dieses Projekt zunichte zu machen. Und leichtfertig setzt die schwarz-grüne Koalition nun auch noch die Wiederherstellung der Altstadt zwischen Dom und Römer aufs Spiel, indem ein elementarer Teil des Projekts entfallen soll. Die Bilder von der Grundsteinlegung für den Wiederaufbau könnten bald für die Illustration sarkastischer Artikel zur Frankfurter Planungspolitik taugen. Dass es überhaupt so weit kommen konnte, zeugt vom Machtverfall Roths.

Es fehlt das Hauptthema

An den beginnenden Sparrunden nimmt Roth schon nicht mehr teil. Sie treibt der Gedanke um, was von ihr in Erinnerung bleiben wird. Es fehlt ihren Jahren die einprägsame Überschrift, das Hauptthema. Die Befürchtung, dass Verdienste um die weichen Standortfaktoren leichter in Vergessenheit geraten als Bauwerke, ist nicht von der Hand zu weisen. Ihr Büroleiter hat eine Biographie geschrieben, sie soll noch erscheinen, bevor Roth im Sommer ihr Büro räumen muss. In dem Buch dürften auch die Stunden vor gut zwei Wochen Erwähnung finden, in denen Roth offenbar ernsthaft für das Amt des Bundespräsidenten im Gespräch war. Wer auch immer in ihr Büro ziehen darf, wird lange auf eine ähnliche Auszeichnung warten müssen.

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