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Krawallmacher vom Opernplatz : Sie sind jung und polizeibekannt

Aufräumarbeiten am Opernplatz am Sonntag nach der Krawallnacht Bild: dpa

Drei Viertel der auf dem Frankfurter Opernplatz Festgenommenen waren aus dem Umland angereist. Der „überwiegende Teil“ von ihnen war der Polizei schon bekannt – wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung oder Diebstahl.

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          Die Alte Oper in Frankfurt ist ein beeindruckendes Gebäude, die Architektur ist anmutig und leicht zugleich. Die Oper ist dem „Wahren Schönen Guten“ gewidmet. So lautet die Inschrift im Fries, hoch oben an der Fassade. Doch was sich am Wochenende vor den Augen dieses Gebäudes abgespielt hat, hatte nichts mit Schönheit zu tun.

          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.
          Katharina Iskandar
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          In der Nacht zum Sonntag kam es auf dem Opernplatz ohne ersichtlichen Grund zu schweren Ausschreitungen. Dutzende junge Leute randalierten. Sie gingen auf die herbeigerufene Polizei los. Videos im Internet zeigen die aufgeheizte Stimmung und halten das Gebrüll der Krawallmacher fest. Ein Film dokumentiert, wie die Glasscheibe einer nahegelegenen Bushaltestelle zerspringt, nachdem ein junger Mann mit voller Wucht dagegen tritt. Ein weiterer zeigt, wie ein anderer einen Gegenstand auf Polizisten wirft. Die Tonspur eines dritten Ausschnitts verrät, wie es gewesen sein muss in dieser Nacht auf dem Opernplatz: So wie es klingt, war kaum ein Schritt mehr möglich, ohne in Glasscherben zu treten. Es sind Bilder der Zerstörung, der Enthemmung.

          Eine erste Bilanz der Krawalle lag am Sonntag vor. Demnach wurden mehrere Polizisten verletzt, 39 Tatverdächtige vorläufig festgenommen. Das Ausmaß der Ausschreitungen war so groß, dass sich am Montag Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) dazu äußerte. Polizei und Justiz müssten nun entschlossen vorgehen, die Täter müssten empfindlich bestraft werden: „Die Strafandrohung ist ein Modul, es geht aber auch darum, den Strafrahmen auszufüllen. Es darf da keine Toleranz geben“, sagte Seehofer der Zeitung „Münchner Merkur“. Der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei Jörg Radek sagte im Deutschlandfunk: „Wir haben erlebt, dass unter Jubel abgefeiert wurde, wenn Glasflaschen auf Polizisten geworfen werden.“

          Feiern bleibt erlaubt

          Für die Stadt Frankfurt stellt sich die Frage, welche Konsequenzen sie aus den Geschehnissen zieht. Am Sonntag äußerte sich zunächst der Frankfurter Sicherheitsdezernent Markus Frank (CDU), der seit mehreren Wochen das Geschehen auf dem Opernplatz beobachtet hat – bisher allerdings eher im Hinblick auf die Vermüllung der Stadt. Weil die Clubs wegen der Corona-Pandemie geschlossen sind, treffen sich die jungen Leute abends an der Alten Oper. Werktags sind viele Berufstätige dort, es herrscht Afterworkstimmung. Am Wochenende wird der Platz um den markanten Springbrunnen ein Treffpunkt für alle möglichen Feierlustigen aus dem Rhein-Main-Gebiet. Frank sagte der F.A.Z., man müsse „feststellen, dass es offenbar eine Problemklientel gibt, die in den Städten auftaucht und sich kriminell verhält“. Um die müsse man sich kümmern.

          Wer damit gemeint ist, wurde am Montag etwas klarer. Nachdem sich Stadt und Polizei zu einer Sicherheitskonferenz getroffen hatten, sprach der Frankfurter Polizeipräsident Gerhard Bereswill von 39 Personen, die noch während der Krawalle festgenommen worden sind. Zehn von ihnen kommen aus Frankfurt, die anderen aus Offenbach, Hanau, Darmstadt, Limburg und Heidelberg. Der „überwiegende Teil“ von ihnen war schon polizeibekannt wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung oder Diebstahl. Der Großteil der Festgenommen hat einen Migrationshintergrund, viele kommen aus Syrien, der Türkei, Marokko und Spanien. Bereswill sagte, bei einigen werde derzeit der Aufenthaltsstatus geprüft. Dazu gibt es eigene Ermittlungen. Frank forderte im Anschluss an die Sicherheitskonferenz am Montag, sich die Lebensläufe der festgenommenen Personen näher anzuschauen. Es sei „wichtig, dass man weiß, woher jemand kommt, wie jemand aufgewachsen ist. Wenn man diesen Vorfall aufklären will, muss man sich diese Fragen stellen“, sagte er. Darüber hinaus gehöre es „zu einer offenen Gesellschaft dazu, auch über Defizite zu sprechen, wenn man weiß, dass man diese angehen muss“.

          Offenbar, so lautet die bisherige Bilanz, sind die jungen Männer am späten Samstagabend gezielt nach Frankfurt gekommen. Der Opernplatz hatte sich im erweiterten Umland als neuer Szenetreff herumgesprochen. Ein Ort, an dem unbehelligt getrunken werden konnte, bis in den frühen Morgen hinein. Die Randalierer kamen den Erkenntnissen zufolge erst nach Mitternacht. Um ein Uhr morgens kippte die Stimmung. Andere, die bis dahin friedlich gefeiert hatten, verließen den Platz. Zwei Frauen berichteten später, sie seien auch gegangen, weil ihnen „die Stimmung nicht mehr gefallen hat“. Zurück blieben 800 Feiernde mit viel Alkohol im Blut – und die Randalierer. Nicht ausgeschlossen ist, dass es eine kalkulierte Randale war.

          Sperrstunde für den Opernplatz

          Die Stadt wird weitere Feiern vor der Alten Oper in den nächsten Wochen dennoch erlauben. Eine generelle Sperrung des Platzes würde auch die Menschen treffen, die sich dort friedlich versammeln. Stattdessen will die Stadt eine Sperrstunde verhängen. Von Mitternacht an darf niemand mehr auf den Platz. Um ein Uhr muss er leer sein. Zudem soll verstärkt kontrolliert werden. Gegen die Randalierer, die aus dem Umland gekommen sind, versucht die Polizei nun Aufenthaltsverbote zu erwirken, so dass sie in den nächsten Wochen nicht mehr in die Stadt kommen dürfen. Dazu braucht sie allerdings die Justiz, es geht nicht ohne einen richterlichen Beschluss. Frank sagte, er wünsche sich, dass die Justiz „ein Signal setzt“. Sie dürfe „nicht kleinreden, was in dieser Nacht passiert ist“.

          Es ist das zweite Mal innerhalb von vier Wochen, dass in einer deutschen Großstadt unvermittelt Gewalt ausbricht. Ende Juni kam es in Stuttgart zur Eskalation, auch dort war die Polizei zunächst machtlos, auch dort dokumentierten die Randalierer ihre Taten auf Video und stellten sie ins Netz. Ein Film zeigt, wie die Jugendlichen ein abgestelltes Polizeiauto verwüsten, ein Mann im Hintergrund kommentiert erstaunt: „Alter, leck mich!“ Die Gewalt in Stuttgart ging von den Feiernden im Schlossgarten aus. Auch dort steht ein Opernhaus und davor der sogenannte Schicksalsbrunnen. Von dessen Inschrift, als Blockreim gedichtet, dürfte sich so mancher Polizeibeamte seitdem ungewollt angesprochen fühlen: „Aus des Schicksals dunkler Quelle rinnt das wechselvolle Los, heute stehst du fest und groß, morgen wankst du auf der Welle.“

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