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Frankfurt : Hessen verbietet zwei Clubs der „Hells Angels“

Offenbar war die jüngste Aktion in sehr kleinem Kreis aus dem Innenministerium heraus gesteuert worden. Dem Vernehmen nach hatten sich die Ermittler darauf verständigt, die beiden Frankfurter Clubhäuser sowie die Garagen und Lager nur mit wenigen Beamten zu durchsuchen, um zu verhindern, dass es abermals zu einer Situation wie im Oktober 2010 kommt: Seinerzeit war die Razzia an die Hells Angels verraten worden. Die Beamten rückten mit einem Großaufgebot an und fanden einen Zettel vor mit den Worten „Willkommen Polizei“.

Dieser Vorfall ist nach wie vor nicht aufgeklärt. Weiterhin ist unklar, wie tief die Hells Angels über die fünf Beamten hinaus, gegen die schon Verfahren laufen, in den Polizeiapparat eingedrungen sind. Aufmerksam wurden die Behörden, nachdem in jenem veröffentlichten Abhörprotokoll die Rede davon war, dass man auch im Innenministerium „recherchiert“ habe. Offenbar ging es um Termine für geplante Razzien. Zudem hatte im Frühsommer des vergangenen Jahres ein mutmaßliches Mitglied der Hells Angels gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft eine Aussage gemacht, dass er dafür bezahlt worden sei, Kontakte zu Polizisten zu knüpfen, wohl auch zu Beamten höheren Ranges. Eine eigens neu gegründete Arbeitsgruppe sollte diesem Verdacht nachgehen. Darüber hinaus gibt es im hessischen Landespolizeipräsidium eine Arbeitsgruppe, die sich seit Anfang des Jahres mit der Gefahr von Organisierter Kriminalität und den Themen Korruption und Kontaktaufnahmen von Beamten befasst. Nach Auffassung Rheins muss in der Polizei die Sensibilität dafür geschärft werden, „dass bei ersten Anzeichen mit den Personen gesprochen wird und Vorkehrungen getroffen werden“.

Kriminelle Einzel- oder Bandenaktivitäten

Rockervereine mit Verbindungen zur Organisierten Kriminalität beschäftigen seit längerem die Innenminister von Bund und Ländern. Neben den Aktivitäten der Gruppen und Banden im Rotlicht-, Drogen- und Wachschutzmilieu waren es in den vergangenen Jahren vor allem Bandenkriege zwischen den sogenannten Bandidos und den Hells Angels, die Staatsanwaltschaften und Politik auf den Plan riefen. Schon 2010 hatte die Innenministerkonferenz (IMK) über ein bundesweites Verbot beraten. Vertreter der Rockergruppierungen versuchten das abzuwenden, indem sie sich kurz vor Beginn der IMK-Sitzung in Hannover zu einem „Versöhnungstreffen“ einfanden. Selbst wenn dieser „Hannoveraner Rockerfriede“ hielte, blieben noch immer kriminelle Einzel- oder Bandenaktivitäten. Obwohl sich die Landesinnenminister im Prinzip einig sind, dass nur ein bundesweites Verbot die Vereinsstrukturen zerschlagen würde, kam es bisher nicht dazu. Stattdessen wurden etliche Einzelgruppierungen verboten: Schon in den achtziger Jahren erließen Hamburg und Baden-Württemberg Verbote. 2001 verbot das Innenministerium in Nordrhein-Westfalen das Hells-Angels-Charter Düsseldorf, 2009 wurden die „Chicanos MC Barnim“ durch das brandenburgische Innenministerium verboten, zuletzt löste das Innenministerium Niedersachsen 2010 per Verbot die „Bandidos Neumünster“ auf, in Niedersachsen ging man so gegen die „Hells Angels Flensburg“ vor, und in Baden-Württemberg wurden im Frühsommer 2011 die „Mongols MC Bremen“ und das Hells-Angels-Charter in Pforzheim verboten.

Brutal und faszinierend: Eine kurze Geschichte der „Hells Angels“

Von Timo Frasch

Das erste Charter (nicht „Chapter“ wie bei anderen Rockerbanden) der „Hells Angels“ wurde am 17. März 1948 im kalifornischen Fontana gegründet: von Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg, die sich nach einer Bomberstaffel der amerikanischen Luftwaffe benannten. In den folgenden Jahrzehnten spannten die Rocker ein engmaschiges Netz über sechs Kontinente, wobei die erste Vertretung in Deutschland im März 1973 in Hamburg entstand. Zwischenzeitlich sind daraus fast 50 Charter geworden, wobei das in Hannover als das größte auf der Welt gilt und sich dessen Präsident wegen seiner Tüchtigkeit auf einschlägigen Geschäftsfeldern und wegen seiner in Erinnerung bleibenden Persönlichkeit die Position eines inoffiziellen Deutschland-Chefs erworben hat.

Der Schriftsteller Hunter S. Thompson, der die Hells Angels als erster Journalist Mitte der sechziger Jahre für einige Monate begleitete, beschrieb sie, wenn er gerade nicht von ihnen fasziniert war, als gelangweilt, dumpf, perspektivenlos. Das Einzige, was ein Angel wirklich beherrsche, sei sein Motorrad - eine Fähigkeit, über die heute längst nicht mehr alle verfügen sollen. Manche Künstler und Linksintellektuelle, die sich an der amerikanischen Westküste zusammengefunden hatten, störte das - bestenfalls - Unzivilisierte zunächst nicht. Im Gegenteil: Sie sahen in den Hells Angels die Verkörperung ihrer Konzepte der Entfremdung und Revolte. Nebenbei waren die Rocker spektakuläre Partygäste. In seinem Buch „The Electric Kool-Aid Acid Test“ erinnert sich Tom Wolfe, wie sie 1965 einer Urgewalt gleich über eine Party hereinbrachen. Draußen lauerte die Polizei, drinnen hatte man Spaß - oder was man damals dafür hielt. Die Anerkennung durch die Gesellschaft blieb den selbsternannten Outlaws fortan durchaus wichtig: Sie umgaben sich mit Prominenten wie John Belushi oder Sylvester Stallone. Zu größerer Bekanntheit hatte ihnen aber ausgerechnet die Nachricht von einer angeblichen Vergewaltigung zweier minderjähriger Mädchen im Jahr 1964 verholfen, wobei die Ermittlungen den Verdacht gegen die Hells Angels nicht erhärten konnten. Derlei Unbehaglichkeiten sollten keine Seltenheit bleiben.

Ein verbrecherisches Imperium

Linke waren die Hells Angels gewiss nie. Als Ende 1965 in Berkeley gegen den Vietnamkrieg protestiert wurde, sprengten einige von ihnen die Kundgebung und droschen auf die verdutzten Hippies ein, die in ihnen Verbündete vermutet hatten. Der endgültige Bruch mit der linken Szene kam 1969 auf dem Rolling-Stones-Konzert in Altamont, bei dem der Schwarze Meredith Hunter vor der Bühne erstochen wurde. Die Angels, die für Bier im Wert von 500 Dollar als Sicherheitspersonal engagiert worden waren, sagten, es habe sich um Notwehr gehandelt. Hunter, so die Behauptung, habe auf einen Angel geschossen und eine Waffe auf Mick Jagger gerichtet. Andere sagten, die Angels hätten gegen Hunter gepöbelt, weil er als Schwarzer mit einem weißen Mädchen zum Konzert gekommen war. Hunter habe sich bedroht gefühlt und deshalb eine Waffe gezogen. Die Sache endete mit Freispruch. Auch Ralph „Sonny“ Barger, so etwas wie der Säulenheilige der Bande, war in Altamont dabei. In seiner Autobiographie, in der er in anekdotischer Form Gewaltorgien und Schwerverbrechen zum Besten gibt, schreibt er, Keith Richards habe ihm beim Konzert gesagt, entweder die Angels kämen zur Ruhe oder er höre sofort auf zu spielen. Daraufhin habe er Richards den Lauf seiner Pistole zwischen die Rippen gepresst und ihn aufgefordert weiterzuspielen. Das habe er dann auch getan, „wie ein Motherfucker“.

Es gibt Aussteiger und Undercover-Ermittler, die glaubhaft behaupten, die Hells Angels hätten zumindest in manchen Ländern ein verbrecherisches Imperium aufgebaut, das es - bei aller gewieften Imagepflege und allem sozialen Pseudoengagement - etwa im Drogenhandel durchaus mit der italienischen Mafia aufnehmen könne. Trotzdem oder gerade deshalb treiben die Hells Angels wie auch konkurrierende Clubs (etwa die Bandidos) nach wie vor ihr Unwesen. In Deutschland wurden bisher lediglich einzelne Charter nach dem Vereinsrecht verboten. Im Fall des Flensburger Verbots 2010 hieß es etwa zur Begründung, die Hells Angels dort stellten sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung, ihr Zweck sei es, mit Waffengewalt kriminelle Macht zu entfalten. Um freilich ein bundesweites Verbot zu erreichen, müsste für jedes einzelne der - formal unabhängigen - Charter der Nachweis erbracht werden, dass es sich um eine kriminelle Vereinigung handelt. Das gilt nach wie vor als äußerst schwierig.

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