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Frank-Walter Steinmeier : Kaum dabei, schon Nummer zwei

Außenminister und Wahlkämpfer: Frank-Walter Steinmeier Bild: REUTERS

Im Zeitraffer wird der Außenminister zum Machtfaktor in der SPD. Die Kanzlerin sieht sich auf einmal mit einem Stellvertreter konfrontiert, der noch Ambitionen hat. Steinmeiers jüngste Auftritte nähren in der Union die Sicht, da laufe sich jemand für alle Eventualitäten warm.

          Der Mann mit dem weißen Haar federt in den Knien, lacht und winkt. Die Leute klatschen im Takt, die Blaskapelle schmettert „Go West“. Dahin zieht es Frank-Walter Steinmeier. Seit Tagen fährt oder fliegt der deutsche Außenminister fast täglich von der Hauptstadt Richtung Westen, nach Kassel und Ranstadt, Frankfurt und Bensheim, Oldenburg, Göttingen und Goslar. Durch Hessen und Niedersachsen tourt er, als hänge es an ihm, ob die SPD die Landtagswahlen am kommenden Sonntag gewinnt. An diesem grauen Mittwochnachmittag spricht er im „Business-Bereich der VW-Halle“ in Braunschweig, einem Glas-Beton-Bau mit Linoleumboden und Metallklappstühlen.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Vierhundert meist ältere SPD-Anhänger sind gekommen. „Ganz besonders freue ich mich, den beliebtesten Politiker Deutschlands bei uns zu haben!“, begrüßt ihn eine Genossin, und Steinmeier bedankt sich lächelnd mit einer angedeuteten Verbeugung. Der Außenminister, der Quotenliebling, der Vizekanzler - ein bisschen Kult tut gut in einer Zeit, in der die SPD wenig davon zu bieten hat.

          Steinmeier spricht laut. Er hat lange hier gearbeitet, in Hannover als Kanzleichef von Gerhard Schröder, und deshalb zieht er die Ich-bin-ein-Niedersachse-Karte, nennt das Land seine zweite Heimat, die ihm zu schade sei, nur verwaltet zu werden. „Deshalb muss die SPD wieder ans Ruder!“, dröhnt er.

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          Steinmeier kann auch Wahlkampf

          Für Steinmeier ist es das erste Mal, dass er ganz vorne steht, vor Hunderten, oft mehr als tausend Zuschauern. Es ist das erste Mal, dass er es mit den schlichteren Sätzen probiert. Das war bisher nicht sein Ding. Aber es klappt zu seiner eigenen Überraschung ganz gut - in Hessen, weil die Stimmung dort so aufgeheizt ist, dass er geradezu alles erzählen könnte, um die Genossen zum Jubeln zu bringen; und in Niedersachsen, weil man ihn dort kennt. Nicht dass er aufblüht im Wahlkampf, wie Schröder es tat. Mitunter sitzt eine Pointe nicht, fällt er zurück in die komplizierten Sätze, die er mag. Doch Steinmeier ist ein lernendes System. Er kann auch Wahlkampf.

          Dass dieser neue Zug an ihm von den Medien so kritisch beäugt wird, weil er doch der Außenminister ist, will er nicht akzeptieren. „Auch meine Vorgänger im Amt des Außenministers, etwa Joschka Fischer oder Hans-Dietrich Genscher, haben immer sehr engagiert Wahlkampf gemacht. Das galt als selbstverständlich. Es überrascht mich, dass das jetzt anders gesehen wird“, sagt er. Das stimmt, aber auch wieder nicht. Fischer war schon lange Ober-Grüner und begnadeter Wahlkämpfer, bevor er oberster Diplomat wurde. Und Genscher war jahrelang das Synonym für die FDP.

          Vom Strippenzieher zur unumstrittenen Nummer zwei

          Steinmeier aber war bis vor zweieinhalb Jahren Beamter, ein eminent politischer freilich, ein Strippenzieher, der kalt entscheiden konnte, für den Wahlkämpfer Schröder 2002 die Anti-Irak-Krieg-Kampagne steuerte und drei Jahre später den Feldzug gegen den „Professor aus Heidelberg“ erfand. Doch erst vor kurzem hat er sich als öffentlicher Politiker in die Partei aufgemacht, in der er nun schon als unumstrittene Nummer zwei gilt. Was andere über Jahre, gestählt in innerparteilichen Schlachten, erreicht haben, das macht er im Zeitraffertempo. Zunächst ins Amt gebracht, schaut er sich jetzt seine Basis an.

          Und so steht er da vorne und spricht davon, dass der Aufschwung sich in den Lohntüten niederschlagen müsse, Studiengebühren unsozial seien und Stammtische klüger seien als der Wahlkampf der Union - Dinge, die von ihm bisher kaum gehört wurden.

          Wo ist da der leise, nüchterne, seriöse Minister des Äußeren? Der Mister Effizienz? Dass er als korrekter Beamter beschrieben wurde, der nie ein Politiker werden könne, das hat Steinmeier gewurmt. Jetzt kann er allen zeigen: Ich bin anders. Und er lässt nicht gelten, wenn ihm das Anderssein zur Last gelegt wird. „Ich habe oft gehört: Der Steinmeier kann Wahlkampf nicht“, sagt er. „Jetzt höre ich die Kritik: Der Steinmeier redet ja ganz anders als ein Diplomat. Da müssen sich die Kritiker schon entscheiden, welcher Vorwurf denn nun richtig sein soll.“

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