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Frank-Walter Steinmeier : Der Empfindliche

Frank-Walter Steinmeier: Der SPD-Politiker wird in drei Monaten neuer Bundespräsident werden. Bild: Polaris/laif

Frank-Walter Steinmeier wird Bundespräsident. So kann er eine Niederlage vergessen machen, die ihn bis heute schmerzt.

          7 Min.

          Vor sieben Jahren überlegte der künftige Bundespräsident, aus der Politik auszusteigen. Es war nach der Bundestagswahl 2009. Frank-Walter Steinmeier war der Kanzlerkandidat der SPD gewesen. Er hatte sie zum historisch schlechtesten Ergebnis geführt: 23 Prozent. Überredet von den alten Kämpen der Schröder-SPD, griff der Wahlverlierer noch am selben Abend nach dem Fraktionsvorsitz. Sicherte sich Macht. Doch der Schein trog, dass da einer selbstverliebt und mit kalter Chuzpe einfach weitermachte. In Wirklichkeit fiel Steinmeier danach in ein Loch. „Man musste Angst haben, dass er nicht gleich aus dem Fenster springt“, sagt einer über Steinmeiers Zustand in den Wochen nach der Wahl.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Klar, es gab viele Gründe, warum das Ergebnis nicht nur an Steinmeier gelegen haben könnte. Die unbeliebte Rente mit 67; die fehlende Machtoption der SPD, nachdem die FDP sich auf die Union festgelegt hatte; der Wahlkampf gegen Angela Merkel, geführt vom Kabinettstisch einer großen Koalition. Doch Steinmeier kreidete sich das Ergebnis selbst an. Er hatte ja an der Spitze gestanden. Steinmeier ist ein empfindlicher Mann, überempfindlich, sagen manche. Viele in der SPD hatten seinen Wahlkampf kritisiert. Sie hatten zu wenig Kampf gesehen, zu viel Imitation von Gerhard Schröder, dem Steinmeier so lange gedient hatte. Sigmar Gabriel, der Parteichef wurde, gehörte zu den Kritikern. Hinzu kommt: Die Verantwortung für ein Versagen zuallererst und vor allem bei sich selbst zu suchen ist ein Wesenszug des Protestantismus. Und Steinmeier ist ein zutiefst protestantischer Mensch.

          Ungewollt Teil der Gabrielschen Troika

          Dazu gehören Arbeit und Pflicht. Steinmeier arbeitete sich aus dem Loch heraus. Fraktionsvorsitzender der SPD zu sein war nicht sein Traumjob. Aber er erfüllte die Pflicht. Zum gefühlten Oppositionsführer wurde er nicht. Das war Gabriels Beritt. Oder der von Gregor Gysi. Steinmeier aber hielt die oppositionelle SPD auf dem Kurs, der sie in Zukunft weiter zum Regieren befähigte. Und es gelang ihm, im Unterschied zu Gabriel, wieder schnell, zu den beliebtesten Politikern des Landes zu gehören. Schon bald galt er wieder als möglicher Kanzlerkandidat.

          Gabriel dachte sich 2012 die Troika aus: Steinmeier, Ex-Finanzminister Peer Steinbrück und Gabriel selbst. Einer von ihnen würde der nächste Kanzlerkandidat werden. Das Ganze war in Wirklichkeit nicht mehr als eine Show. Steinmeier gefiel die Lügengeschichte nicht, aber er machte mit. Gabriel zog sie in die Länge, die Medien machten Druck. Manche Journalisten glaubten, Steinmeier werde Kanzlerkandidat, er müsse nur noch Ja sagen. Warum aber zauderte er? Ist eben doch ein Zauderer, der Steinmeier, wurde geschrieben. An einem Abend mit Journalisten, an dem gegessen, getrunken und viel geredet worden war, beendete Steinmeier die Maskerade. Er gab den Journalisten zu verstehen, dass er gar nicht zur Verfügung stehe. Das brachte Gabriels Zeitplan durcheinander. Die SPD musste am nächsten Tag eilig Peer Steinbrück als Kanzlerkandidaten ausrufen. Dem gelang für die SPD trotz vieler Pannen ein etwas besseres Ergebnis als Steinmeier vier Jahre zuvor.

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