https://www.faz.net/-gpf-98myc

Fraktur : Westliche Werte

Wertewandler: Donald Trump Bild: Reuters

In diesen unübersichtlichen Zeiten sind sie besonders wertvoll. Nicht nur in Seehofers neuem Männerreich.

          Dass die westlichen Werte nicht immer das unerschütterliche christlich-abendländische Bollwerk waren, als das man sie uns heute präsentiert, werden die wenigen, die zuletzt in der Kirche waren, beim Verlesen der Leidensgeschichte Jesu Christi bemerkt haben. Da ist dieser Pontius Pilatus, der als Römer auch unter den strengen Augen Alexander Dobrindts eindeutig als Abendländer durchgehen dürfte. Selbiges gilt für die jüdischen Schriftgelehrten und ihre Anhänger sowie am Ende wohl sogar für Jesus Christus selbst, obwohl der sich im Johannes-Evangelium mit dem Satz, er sei ein König und sein Reich sei nicht von dieser Welt, als Anhänger einer autoritären Regierungsform und damit schon fast als Russe oder Chinese zu erkennen gibt.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Es gleicht einem Wunder, wie sich aus dieser komplizierten Gemengelage je die unverwechselbaren gemeinsamen Werte des Westens entwickeln konnten. Umso sorgsamer sollten wir nun mit ihnen umgehen. Das weiß auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, der in dieser Woche im Konflikt mit Russland um den vergifteten ehemaligen Doppelspion von einer „moralischen Führung“ des Westens sprach. Die besteht im Moment vor allem darin, durch die Ausweisung von russischen Diplomaten Stärke zu zeigen. Stärke zeigen ist zwar kein genuin westlicher Wert - wir versuchen es normalerweise mit Dialog und dem diskreten Zursprachebringen der Menschenrechte. Aber um das Dialogische zu erhalten, muss man eben manchmal auch Stärke zeigen. Ganz wichtig für den Westen ist nach Ansicht des stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Ralf Stegner auch, dass „Anschein und Plausibilität allein zu einer Verurteilung nicht reichen“. Da hat er einerseits recht. Andererseits ist das ein juristisches Prinzip, und es gehört, wie man zurzeit am Fall Puigdemont sieht, zu den unverhandelbaren Prinzipien des Westens - Gewaltenteilung! -, dass die Politik die Unabhängigkeit der Justiz respektiert.

          Westliche Werte geraten immer mal wieder in Konflikt miteinander. Wir wollen einerseits keinen Krieg, andererseits unsere heimische Rüstungsindustrie auf Weltniveau halten, um den Potentaten der Dritten Welt zu zeigen, dass moralische und wirtschaftliche Überlegenheit Hand in Hand gehen. Wir kümmern uns sehr um die Flüchtlinge, aber eben auch um Erdogan, der sie uns vom Leib hält, damit der bewunderte Zusammenhalt unserer Gesellschaften nicht leidet. Dass der Westen diese Widersprüche nicht auflöst, hat aber nichts mit Verlogenheit zu tun, das würde sich mit unseren aufklärerischen Wurzeln ja gar nicht vertragen. Es zeigt vielmehr, dass er die Welt in ihrer Komplexität akzeptiert und nicht versucht, wie Diktatoren alles auf eine einfache Wahrheit zu reduzieren.

          Nehmen wir das Beispiel Freihandel - ein extrem westlicher Wert. Aber der Westen hat im Gegensatz zu anderen Weltgegenden seine Lektion aus der Geschichte gelernt: Dogmatismus und Ideologie führen in die Katastrophe! Es muss also auch Ausnahmen geben. Das gilt auch für die Emanzipation, ohne die der Westen denkunmöglich wäre. Zur Emanzipation gehört ganz zentral, dass Frauen gleichberechtigt sind. Aber auch hier kann eine saubere Abwägung in der Tradition des westlichen Rationalismus zum Ergebnis führen, dass weniger Emanzipation mehr ist: Wenn im Bundesinnenministerium neun erfahrene Spitzenmänner notwendig sind, um Europa vor dem frauenverachtenden Islam zu schützen, dann ist das so. Im Westen geht es eben zuvorderst um Kompetenz, nicht um Hautfarbe, Herkunft oder Geschlecht. Wem das nicht passt, dem steht es jederzeit frei zu gehen. Denn so sind wir im Westen: Freiheit, vor allem die der Andersdenkenden, steht an erster Stelle.

          Wenn überhaupt, dann kommt da nur noch die Demokratie heran. Alles wird bei uns demokratischen Prozessen unterworfen, selbst die Frage, ob ein harmloses Gedicht an einer Hauswand den Werten des Westens entspricht oder nicht. Auch darin zeigt sich unsere moralische Überlegenheit, mit der andere allerdings immer größere Schwierigkeiten haben, weil sie ihnen ihr eigenes Versagen vor Augen führt. Dass die westlichen Demokratien Leute wie Donald Trump hervorgebracht haben, ist daher kein Zeichen von Degeneration, sondern von christlich-abendländischer Rücksichtnahme.

          Weitere Themen

          Die Schrecken der Fremdheit und des  Unverstandenseins

          Kulturkritik : Die Schrecken der Fremdheit und des Unverstandenseins

          Frank Böckelmanns Buch „Die Gelben, die Schwarzen, die Weißen“ ist vor zwanzig Jahren schon einmal erschienen, in Enzensbergers Anderer Bibliothek. Jetzt erscheint es mit einem neuen Vorwort im rechten Manuscriptum-Verlag.

          Topmeldungen

          Urheberrechtsnovelle : Bereit, das Recht zu opfern

          Die Gegner der Reform des Urheberrechts wollen, dass im Netz der Wilde Kopierwesten herrscht. Ist das geistige Eigentum von Künstlern, Autoren und Musikern etwa nicht so wichtig?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.