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Fraktur : Schrei nach Liebe

Denn Merkel weiß: Wo geliebt wird, fallen Spähne, wer immer auch den Sombrero in den Ring warf.

          Wenn – wie üblich – stimmt, was aus den Gremien der CDU kolportiert wird, dann hat die scheidende Vorsitzende bei Bekanntgabe ihres unergründlichen Ratschlusses ausdrücklich darum gebeten, „liebevoll“ um den Platz zu kämpfen, den sie demnächst räumt. Da rechnete sie also offenbar noch nicht damit, dass nicht nur Jens Spahn, sondern auch Friedrich Merz bekämpft werden muss. Der war dann aber der Erste, der den berühmten Hut in den Ring warf. Den hat, wie auch die anderen Kopfbedeckungen, die sich nun im Adenauerhaus türmen, zwar noch niemand zu Gesicht bekommen. Man sollte ihn sich aber jedenfalls nicht so neckisch wie das Pepitahütchen vorstellen, das einer unserer Korrespondenten trägt, sondern eher wie den größten Sombrero von ganz Mexiko. Obwohl Merz schon über sechzig ist und sich schon lange nicht mehr mit Merkel duelliert, jedenfalls nicht auf offener Straße, zieht er den Hut immer noch schneller als sein Schatten. Ganz ansatzlos, das ist in Hutmacherkreisen bekannt, erfolgte dieser Hutwurf aus der Hüfte nicht. Und doch ließ Merz selbst die Blitzkandidaturen von AKK und Spahn aussehen wie Hütchenspielen in Zeitlupe.

          Aber Geschwindigkeit ist in Zeiten der politischen Cholera nicht alles; es kommt immer mehr, da hat die Kanzlerin schon recht, auf die Liebe an. Die Grünen werden doch nicht plötzlich gewählt wie verrückt, weil sie aus jedem Piloten eines Heizölmaseratis einen E-Bike-Strampler machen wollen. Sie werden geliked und gewertschätzt, wie das heutzutage heißt, weil sie wieder einmal als Erste den neuen Megatrend erkannt haben und nun, wie damals Erich Mielke, den Bürgern zurufen: Wir lieben Euch doch alle! Die Leute hätten einfach keine Lust mehr, angeschrieen zu werden, verteidigte Robert Habeck die Seinen gegen den Vorwurf, die Grünen seien inzwischen schon ziemlich „cremig“. Cremig? Wir würden das jedenfalls im Falle Habecks eher unrasiert nennen.

          Leider sind solche Erlebnisse nicht jedem vergönnt

          Das Nicht-mehr-angeschrieen-werden-wollen gilt sicher auch für die Politiker selbst, die ja auch irgendwie Leute sind, jedenfalls vor den Wahlen. Im Grunde ist doch die ganze Politik nichts anderes als ein einziger Schrei nach Liebe und Anerkennung. Das kann man nicht nur bei Trump sehen, den Melania in dieser Hinsicht offenbar ziemlich kurz hält. Auch manche Chronik eines angekündigten Abschieds aus der Politik belegt dieses menschliche Urbedürfnis. Und das lässt sich, wenn man es so klug und geschickt wie unsere Kanzlerin anfängt, durchaus befriedigen. Denn wer den Rückzug frühzeitig genug ankündigt, wird dafür ja gleich zweimal geliebt: erst bei der Ankündigung und dann noch einmal beim Vollzug. Schon bei der Ankündigung war das Lob für Merkel von allen Seiten überschwänglich. Die Entscheidung sei „stark“, „würdevoll“, „nobel“, ja geradezu „überfällig“ gewesen. Wie werden die Liebeshymnen da erst bei ihrem endgültigen Abschied ausfallen! Um diese Elogen nicht zu gefährden – denn man weiß ja: Wo geliebt wird, fallen Spähne –, bekräftigte Merkel sogleich, dass sie nicht vorhabe, als politisch Untote auf die Brüsseler Bühne zu wechseln. Da war ihr sogar noch das Bedauern der AfD sicher.

          Leider sind, das Leben bleibt ungerecht, solche Erlebnisse nicht jedem vergönnt, wie der verwandte Fall Seehofer zeigt. Der hat ein ums andere Mal seinen Rücktritt angekündigt, ohne ein einziges Mal dafür gepriesen worden zu sein. Dabei hätte er als Gemütsmensch das doch nötiger gehabt als Merkel. Herrgott, ihr CSUler, nehmt euch doch ein Beispiel an der Weglobleitkultur der Schwesterpartei! Jetzt, da Merkel so gut wie weg ist, könnt ihr euch doch wieder liebhaben.

          Denn nun bleiben der CDU ja nur Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei – also eben Kramp-Karrenbauer, Spahn und Merz. Apropos Merz: Etwas nachträgliche Nächstenliebe verdient hätten auch Kauder, Schäuble, Lammert, Röttgen, Oettinger, Koch und gegenwärtig ganz besonders Wulff. Denn wie heißt es doch weiter im 1. Korintherbrief über die Liebe: Sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Ob Merkel wirklich bedacht hat, wie ermutigend die Bitte „make love, not war“ auf weitere potentielle Kandidaten wirken könnte, die von ihren momentanen Tätigkeiten nicht ganz ausgefüllt werden? Vielleicht hat sie ja aber Glück, und ihre Parteifreunde hören schon jetzt nicht mehr auf sie.

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