https://www.faz.net/-gpf-7i85w

Fraktionsvorsitz : Kerstin Andreae strebt in die erste Reihe der Grünen

  • -Aktualisiert am

Die Grünen-Politikerin Kerstin Andreae. möchte, dass Wirtschaftspolitik in ihrer Partei wieder eine größere Rolle spielt Bild: dpa

Kerstin Andreae kandidiert für den Fraktionsvorsitz der Grünen. Ihrer Konkurrentin Katrin Göring-Eckardt hat sie dabei eines voraus: Sie gehörte nicht zum Spitzenpersonal, das den Wahlkampf der Partei in den Sand setzte.

          Die Welt der Grünen hat eigene Regeln. Eine besagt, dass es für den Fraktionsvorsitz im Bundestag zwei Plätze gibt: einen Frauenplatz und einen offenen Platz, der eigentlich ein Männerplatz ist, aber nicht so heißt. Hinzu kommt, dass einer dieser Plätze den Realos zusteht, der andere den Parteilinken, den „Fundis“. Die Kombination dieser Regeln führt dazu, dass an diesem Dienstagnachmittag ein linker Grünen-Mann und zwei Realo-Frauen für den Fraktionsvorsitz kandidieren, aber nur die beiden Frauen Konkurrentinnen sind. Anton Hofreiter hat niemanden, der ihm den Fraktionsvorsitz streitig macht. Die bisherige Spitzenkandidatin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, trifft dagegen auf die Wirtschaftspolitikerin Kerstin Andreae, seit 2012 Fraktionsvize.

          Kerstin Andreae ist gebürtige Schwäbin, politisch sozialisiert aber wurde sie im badischen Freiburg. Wenn sie in Berlin auf Podien diskutiert, Schülergruppen trifft oder mit Journalisten spricht, hört man weder das eine noch das andere wirklich heraus. Inhaltlich aber merkt man schnell, dass sie zur Gruppe der baden-württembergischen Grünen gehört. Zu jenen also, die es sich im Land von Daimler, Porsche und unzähligen Weltmarktführern aus dem Mittelstand gar nicht erlauben könnten, die Interessen der Wirtschaft zu ignorieren. Die 44 Jahre alte Volkswirtin ist politisch dort zu Hause, wo es auch die anderen prominenten baden-württembergischen Realos sind: Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der bisherige Grünen-Parteichef Cem Özdemir oder die Oberbürgermeister von Stuttgart und Tübingen, Fritz Kuhn und Boris Palmer. Andreae will Brücken zur Wirtschaft bauen und ist der Meinung, dass man die Unternehmer nicht nur mitnehmen muss auf dem Weg zu der von Grünen propagierten ökologischen Wende - sondern dass man sie braucht. Irgendjemand muss schließlich umweltfreundliche (Elektro-)Autos bauen, energieeffiziente Häuser und CO2-arme Fabriken.

          Eine Komplettrevision wird nicht angestrebt

          Es ist nicht so, dass Kerstin Andreae das gesamte Wahlprogramm der Grünen für Murks hält und eine Komplettrevision anstrebt. Auch Steuererhöhungen findet sie in Ordnung, wenn sie dem Schuldenabbau oder dringend notwendigen Investitionen dienen. Nicht in Ordnung aber findet sie, dass grüne Wirtschaftspolitik zuletzt kaum noch eine Rolle spielte im Wahlkampf. Dabei sieht selbst der Industrieverband BDI Schnittstellen zwischen Wirtschaft und Grünen - etwa bei Energie- und Effizienztechnologien, Konzepten für Gebäudetechnik oder einer nachhaltigen Mobilität.

          Kerstin Andreae, Mutter dreier Kinder und seit 2002 im Bundestag, hat ihrer Konkurrentin eines voraus: Sie gehörte nicht zum Spitzenpersonal, das den Wahlkampf der Grünen so gründlich in den Sand setzte. Weder den Linksruck noch die Ausrichtung auf Steuern und Soziales hat sie federführend zu verantworten. Allerdings hat sie, genau wie die Realos in den höchsten Ämtern, auch nicht laut genug auf den Tisch gehauen, als sie merkte, dass irgendetwas ganz gewaltig schiefläuft. Nun strebt sie, nach einem kurzen Zögern, doch noch in die erste Reihe. Ob sie es schafft, ist unklar. Es wird darauf ankommen, welche Realo-Frau mehr Linke für sich gewinnt. Ihr Mittelstandspreis wird Kerstin Andreae bei diesem Wettkampf jedenfalls wenig nutzen.

          Weitere Themen

          G7-Gipfel einigt sich auf Hilfe für Amazonas-Brandgebiete Video-Seite öffnen

          Noch keine konkreten Maßnahmen : G7-Gipfel einigt sich auf Hilfe für Amazonas-Brandgebiete

          Ungeachtet anhaltender Spannungen in wichtigen politischen Fragen haben sich die G7-Staaten bei ihrem Gipfel in Biarritz auf einen gemeinsamen Gegner einigen können: die Feuer im Amazonasgebiet. Die sieben westlichen Industriestaaten seien überein gekommen, den betroffenen Staaten „so schnell wie möglich“ Unterstützung zukommen zu lassen, sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

          Topmeldungen

          Es ist das erste Mal, dass Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel ausrichtet.

          G-7-Gipfel : Wer reden will, soll ruhig reden

          In Biarritz inszeniert Emmanuel Macron einen G-7-Gipfel voller Überraschungen. Er überrumpelt Trump und lässt den iranischen Außenminister einfliegen. Ganz offensichtlich hat der französische Präsident aus seinem Anfängerfehler gelernt.
          Die Union hat in Dresden die Kohle im Blick

          Union und Kohleausstieg : „Es gilt das, was vereinbart ist: 2038“

          Die Verunsicherung unter den Bergleuten war groß, als Bayerns Ministerpräsident Markus Söder jüngst einen Ausstieg aus der Kohle 2030 ins Spiel brachte. Annegret Kramp-Karrenbauer verspricht nun, am Kohle-Ausstiegstermin 2038 nicht mehr zu rütteln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.