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Forderung nach Sputnik V : „Jeder Impfstoff willkommen“

In Ungarn wird Sputnik V bereits eingesetzt: Eine Palette mit dem russischen Impfstoff im März in einem Warenhaus in Budapest Bild: AP

Drei ostdeutsche Ministerpräsidenten und die Senioren-Union fordern einen vorurteilsfreien Einsatz des russischen Impfstoffs. Die Bundesregierung lehnt eine Bestellung vor der Zulassung ab.

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          Angesichts der Probleme mit dem Vakzin von Astra-Zeneca sowie den Lieferschwierigkeiten der Hersteller anderer bereits in der EU zugelassener Impfstoffe haben sich die Ministerpräsidenten von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie die Senioren-Union der CDU dafür ausgesprochen, den russischen Impfstoff Sputnik V schnellstmöglich zuzulassen. „Russland ist ein großes Land der Wissenschaft, und ich habe nicht die geringsten Zweifel, dass die dortige Wissenschaft imstande ist, einen leistungsfähigen Impfstoff herzustellen“, sagte Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) der Funke-Mediengruppe. „Im Kampf gegen Corona ist uns jeder Impfstoff willkommen, der sicher ist und wirkt und uns hilft, die Pandemie zu überwinden“, sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU). Wenn es um die Gesundheit der Menschen gehe, dürfe die Herkunft des Impfstoffs keine Rolle spielen.

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.
          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Auch der Vorsitzende der Senioren-Union der CDU, Otto Wulff, forderte am Donnerstag in Berlin mehr Tempo bei der Zulassung von Sputnik V. „Wir dürfen uns nicht erlauben, Angebote aus politischen Gründen zu ignorieren“, sagte Wulff. „Auch der in Russland entwickelte Impfstoff muss eine Option sein.“

          Die Bundesregierung allerdings lehnt eine Bestellung von Sputnik V vor der Zulassung durch die europäische Arzneimittelbehörde (EMA) ab, obwohl sie alle anderen aussichtsreichen Impfstoffe bisher stets vor der Zulassung geordert hatte. Auf Nachfrage, ob es politische Vorbehalte gegen Sputnik V gebe, antwortete der Sprecher von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Mittwoch ausweichend. Auch konnte er keine Kriterien nennen, nach denen Impfstoff bereits vor oder erst nach der Zulassung bestellt werde.

          Er verstehe diese Zurückhaltung nicht, schrieb Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) daraufhin auf Twitter. „In EU-Staaten wird schon damit gearbeitet und Deutschland hat noch nicht einmal die Vororder abgegeben?“ Das sei „unglaublich“. Ramelow forderte, das Thema „mit Nachdruck zu bearbeiten“. Es dürfe dabei weder eine politische Zulassung, noch eine politische Ablehnung geben. Bisher impft Ungarn als einziges EU-Mitglied bereits mit Sputnik V. Die Slowakei hat den Impfstoff bestellt, und auch der tschechische Premier Andrej Babis will den russischen Impfstoff schnell einsetzen. Man könne nicht auf die EMA warten, sagte Babis. Die Zulassung der tschechischen Arzneibehörde sei ausreichend.

          Am Donnerstag meldete sich mit dem niedersächsischen Ministerpräsident Stephan Weil nun auch ein Regierungschef aus Westdeutschland zu Wort. Der SPD-Politiker sagte, er „erwarte von der Europäischen Union, auch von der Bundesregierung, dass man wirklich alle Impfstoffe vorurteilsfrei prüft und möglichst schnell auch an den Markt bringt“. Weil bezog sich dabei ausdrücklich auf das in Russland entwickelte Produkt. „Ich denke da an den Impfstoff Sputnik, der jetzt schon in einzelnen europäischen Ländern verimpft wird. Und da ist natürlich die Frage zu stellen. Warum geht das nicht bei uns?“ Die niedersächsische SPD wirbt schon seit Jahren für einen russlandfreundlicheren Kurs Deutschlands.

          Unklar ist allerdings, ob Russland überhaupt in der Lage wäre, schnell größere Mengen von Sputnik V in die EU zu liefern. Anfang März versprach Kirill Dmitrijew, der für die Auslandsvermarktung von Sputnik V zuständige Leiter des Russischen Direktinvestitionsfonds (RDIF), man könne der EU im zweiten Quartal 2021 hundert Millionen Dosen Sputnik V liefern, also genug Stoff, um 50 Millionen Menschen zu impfen. Auf Bedenken von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wegen Russlands im eignen Land nur langsam vorankommender Impfkampagne schränkte Dmitrijew ein, größere Lieferungen in die EU seien erst möglich, „wenn die großangelegte Impfung der Russen abgeschlossen ist“, was frühestens im Mai oder Juni der Fall sei.

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          Offen ist, ob Sputnik V dann noch in der EU benötigt wird und vor allem, ob Russland ausreichende Lieferkapazitäten hätte. Aussagen des RDIF erweisen sich regelmäßig als zweifelhaft. So behauptete der Staatsfonds am Montag, nach einer Zulassung durch die European Medicines Agency (EMA) könne Sputnik V in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien produziert werden; Vereinbarungen mit Unternehmen aus den vier Ländern über den Beginn der Herstellung seien schon erzielt worden.

          Die Regierungen Frankreichs und Spaniens wiesen die Darstellung zurück. Das Bundesgesundheitsministerium teilte der F.A.Z. am Donnerstagabend mit, über Gespräche zwischen Unternehmen lägen ihm keine Kenntnisse vor. Das Schweizer Pharmaunternehmen Adienne & Biotech SA, mit dem der RDIF eine Produktion in einem Werk nahe Mailand nach einer möglichen Zulassung durch die EMA vereinbart haben soll, äußerte sich nicht über entsprechende Medienberichte, am Donnerstag auch nicht auf Anfrage der F.A.Z. Auch der RDIF antwortete nicht auf eine Nachfrage der F.A.Z. zu den angeblichen Vertragspartnern.

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