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Flutkatastrophe im Ahrtal : Landrat Pföhler schweigt, viele Zeugen reden

Jürgen Pföhler (CDU, l), ehemaliger Landrat des Kreises Ahrweiler, ist am Freitag mit seinem Anwalt Olaf Langhanki auf dem Weg in den Untersuchungsausschuss des Landtags Rheinland-Pfalz zur Flutkatastrophe, wo er als Zeuge geladen ist. Bild: dpa

Der Landrat von Ahrweiler macht keine Aussage, aber viele äußern sich über ihn. Es entsteht das Bild von einem, der vor allem sich selbst retten wollte. Und der seinen Porsche rechtzeitig umparkt.

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          Die Aussage verweigern musste Jürgen Pföhler selbst. Sein Anwalt hatte gesagt, dass es bei der Ankündigung an den Untersuchungsausschuss bleiben würde, vom Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch zu machen. Der Vorsitzende Martin Haller (SPD) entgegnete: „Das muss Herr Pföhler selbst sagen. Bleibt es dabei?“ - „Ja“, sagte der ehemalige Landrat von Ahrweiler vor dem Untersuchungsausschuss zur Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz. Genau fünf Minuten dauerte sein Auftritt.

          Timo Steppat
          Redakteur in der Politik.

          Gegen ihn und den ehrenamtlichen Leiter der Technischen Einsatzleitung (TEL) im Kreis Ahrweiler laufen seit dem vergangenen Jahr Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung. Die Männer sollen die Bevölkerung zu spät gewarnt und Evakuierungen eingeleitet haben. 134 Menschen starben in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli im Ahrtal.

          Fast ein Dutzend Zeugen malen ein umfangreiches Bild

          Auch ohne Pföhlers Aussage ist durch fast ein Dutzend Zeugen, Ermittler des Landeskriminalamtes (LKA) und Nachbarn, in der Ausschusssitzung am Freitag ein umfangreiches Bild dessen entstanden, was der ehemalige Landrat am 14. Juli getan hat – und was nicht.

          Zweimal war er am 14. Juli jeweils für relativ kurze Zeit in der Kreisverwaltung: am frühen Nachmittag und am Abend, als der Innenminister von Rheinland-Pfalz um 19:20 Uhr den Krisenstab im Keller der Kreisverwaltung besuchte. So schilderte es Uwe Gebert, Kriminalhauptkommissar beim LKA in Mainz. Seine Zeugenaussage am Freitagmittag war auch ein Abgleich dessen, was die Ermittlungsbehörden wissen und was der Untersuchungsausschuss von nunmehr fast 150 Zeugen in den vergangenen Monaten erfahren hat.

          Dringende Bitte, den Katastrophenalarm auszurufen

          Gegen 14:00 Uhr informierte Erich Seul, ein Mitarbeiter der Kreisverwaltung, Pföhler über die Lage in Adenau, einer Gemeinde im Landkreis. Es seien schon viele Feuerwehrkräfte im Einsatz. Seul, der als Pföhlers rechte Hand beschrieben wird, ist während der Flut dessen Verbindung in seine Verwaltung. Pföhlers Frau hatte gegenüber der Polizei ausgesagt, dass ihr Mann mit wenigen Ausnahmen den ganzen Tag zuhause gewesen sei.

          Von Seul erfährt Pföhler am Nachmittag, dass zwei Impfzentren im Kreis vom Hochwasser betroffen sind und Termine abgesagt werden. Gegen 17:00 Uhr wird der Landrat über die dramatischen Hochwasserwarnungen des Landesamtes für Umwelt (LfU) informiert, „unglaubliche fünf Meter“ sollten laut der Prognosen erreicht werden. Auch von der dringenden Bitte einer Bürgermeisterin, den Katastrophenalarm auszurufen, erfährt Pföhler am Nachmittag.

          Völlig zerstört ist diese Brücke über die Ahr in Ahrweiler im Juli 2021 nach der Flutkatastrophe.
          Völlig zerstört ist diese Brücke über die Ahr in Ahrweiler im Juli 2021 nach der Flutkatastrophe. : Bild: dpa

          „Er wusste, dass die Hochwassergefahr sehr sehr groß ist“

          Immer wieder reichte Seul, wie er schon vor einer Woche aussagte, das Telefon an den ehrenamtlichen Brand- und Katastropheninspekteur (BKI) Michael Zimmermann weiter, er leitete die TEL. Der Handyempfang in den Kellerräumen, wo die TEL am Nachmittag Stellung bezogen hatte, war miserabel. Was genau Zimmermann und Pföhler besprachen, ist nicht bekannt – beide Beschuldigte äußerten sich weder bei der Polizei noch vor dem Ausschuss.

          Nachdem Pföhler und Zimmermann dem Innenminister von Rheinland-Pfalz, Roger Lewentz (SPD), bei dessen Besuch um 19:20 Uhr die Lage schilderten, ging der Landrat offenbar in sein Büro und nahm eine Pressemitteilung ab, die vorbereitet worden war. Sein Kenntnisstand gegen 20:00 Uhr war, dass hunderte Einsatzkräfte im Einsatz waren und dass die Menschenrettung teilweise nicht mehr möglich war. „Er wusste, dass die Hochwassergefahr sehr sehr groß ist“, so Ermittler Gebert. Es hatte aber keine Konsequenzen.

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