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Berliner Flughafen : Die geheime Mängelliste

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Nichts funktioniert am Flughafen Berlin Brandenburg. Die Eröffnung liegt in ferner Zukunft. Aber was genau funktioniert nicht? Eine Übersicht.

          Chaotische Planung

          Dauernd Änderungswünsche

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine wichtige Ursache des Debakels waren „gravierende Eingriffe“ und „massive Änderungen“ in der Planung durch die Flughafenbetreiber - seit 2010 ganze 500 - monieren Gutachter der Unternehmensberatung Ernst & Young. Der Bauherr wollte beispielsweise mehr Ladenfläche, oder zusätzliche Flugsteige oder weitere Flächen für die Gastronomie. Das bedeutete ein ständiges Umplanen und „wesentliche Störungen“ (Ernst & Young) auf der Baustelle.

          Hektik beim Bau

          Der ursprünglich geplante Eröffnungstermin im Juni 2012 sorgte in den letzten Monaten davor für hektische, unkoordinierte Bauaktivitäten, die von den ursprünglichen Planungen und der Baugenehmigung abwichen. Dadurch funktionieren einige Systeme nicht und es entstanden Sicherheitsbedenken.

          Generalplaner gefeuert

          Nachdem der Eröffnungstermin Juni 2012 geplatzt war, wurde die „Projektgruppe BBI“ um die Architekten-Büros Gerkan Marg und Partner sowie JSK als Generalplaner und Objektüberwacher entlassen. Sie nahmen Unterlagen mit und wurden nicht durch kompetente Kräfte ersetzt. Es folgte ein „Projektstillstand über mehrere Monate“, schrieb Technikchef Horst Amann am 4. Januar an die Flughafengesellschafter Berlin, Brandenburg und den Bund. Die Folgen „für Termine und Kosten wurden nicht hinreichend erfasst, bewertet und kompensiert“.

          Chaotisches Management

          Eine Sonderkommission (SoKo) des Bundesverkehrsministeriums hat den Flughafen Mitte Dezember besucht. Im Protokoll wird gerügt, die Arbeit der Betreibergesellschaft zeige „keine Struktur beziehungsweise Zielführung“ - das Management falle durch „permanente Schlechtleistung“ auf. Die vorgelegten Terminpläne für den Starttermin von Oktober 2013 seien „bislang gänzlich ungeeignet gewesen“.

          Dauerbrenner Brandschutz

          Sehr komplexe Brandschutzanlage

          Die Brandschutzanlage des Flughafens ist eine der größten der Welt und sehr komplex. Sie erstreckt sich über mehrere Geschosse und muss 75 000 Sprinklerköpfe, etwa 16 000 Brandmelder, 3400 Klappen in Zu- und Abluftkanälen sowie 81 Ventilatoren koordinieren. Im Brandfall muss die Anlage in einer Viertelstunde eine rauchfreie Zone von 2,5 Metern über dem Boden schaffen, dafür muss sie in der Stunde 3,4 Millionen Kubikmeter Luft bewegen können.

          Anlage nicht steuerbar

          Laut dem jüngsten Controlling-Bericht der Flughafengesellschaft gibt es Mängel in der „Verkabelung, Programmierung und Einregulierung“ der Anlage. Die zentrale Computer-Steuerung kann die Daten aus den Teilbereichen - Brandmeldung, Brandbekämpfung, Rauchentfernung - nicht koordinieren. So ist weder gesichert, dass der Computer im Brandfall die Sprinkler anweist, wo sie wie viel Wasser sprühen sollen, noch, dass sich die Klappen der Entrauchungskanäle korrekt öffnen und schließen, noch, dass Warnungen über Lautsprecher ausgelöst werden. Für manche Komponenten der Anlage ist auch die Betriebszulassung schon wieder abgelaufen.

          Rauch nicht ins Freie gepumpt

          Die Brandschutzanlage ist auch deshalb so komplex und fehleranfällig, weil Rauchschwaden unter dem Gebäude hindurch ins Freie geleitet werden sollen. Eine vergleichbare Anlage gibt es noch nirgends. Sie wurde gebaut, weil der Flughafen ein Flachdach hat, auf dem aus ästhetischen Gründen keine Schornsteine vorgesehen sind, und weil im Gebäude keine großen Rohre zu sehen sein sollen. Der Rauchabzug über das unterirdische Rohrnetz funktioniert noch nicht.

          Rauch nicht korrekt abgesaugt

          Die Brandschutzanlage muss ein Feuer nicht nur entdecken, melden und bekämpfen, sondern den Rauch auch absaugen. Die Entrauchungsanlage sollte jedes Geschoss getrennt absaugen, stattdessen saugt sie geschossübergreifend ab.

          Zu wenige Schutztüren

          Wenn es brennt, trennen Schutztüren den Flughafen in Brandabschnitte und bremsen die Ausbreitung des Feuers. Der Flughafen hat nicht genug Schutztüren.

          Bahnhof bei Brand abgemeldet

          Im Keller des Flughafenterminals liegt ein Bahnhof. Seine Brandmeldeanlage soll mit dem Flughafen verbunden sein, aber diese Verbindung funktioniert laut Protokoll des Verkehrsministeriums noch nicht. Auch seien bei den Bahnhofstreppen und Aufzügen die Dübel der Unterkonstruktion der Wandverkleidung nicht brandsicher.

          Gefährliche Schutzvorhänge

          Zwischen dem Flughafen und seinem Bahnhof sind keine Schutztüren vorgesehen, sondern Rauchschutzvorhänge aus hitzebeständigen Folien. Sie fahren bei Bränden von der Decke hinab bis etwa 2 Meter über dem Boden. So wird die Verbreitung von Rauch gebremst, ohne dass Fluchtwege blockiert werden. Die SoKo des Bundesverkehrsministeriums berichtet in ihrem Protokoll der Besichtigung des Flughafens, dass die Passagiere nicht vor einem ungeplanten Herunterfahren des Rauchschutzvorhangs geschützt seien. Es ergäbe sich zudem nach derzeitiger Lage eine akute Gefährdung des Eisenbahnbetriebs.
          Technische Mängel

          Großer Kabelsalat

          Die Verkabelung des Flughafens ist verkorkst: Mal ist im Bauwerk zu wenig Platz für Kabeltrassen, mal reicht der Platz in den Kabelschächten nicht für die vielen Leitungen. Mancherorts stecken daher zu viele Trassen in einem Schacht, anderswo gibt es verbotene Kabel-Kombinationen (Telefonleitungen neben Starkstromkabeln). Da wichtige Projektmitarbeiter kurzfristig gefeuert wurden, kann Technik-Geschäftsführer Horst Amann die Kabelplanung oft nicht nachvollziehen.

          Kühlung zu schwach

          Die zentrale Computeranlage ist nicht genug gegen Überhitzung geschützt: Die Kälteaggregate sind zu klein und müssen entweder nachgerüstet oder mit einer zusätzlichen Anlage verstärkt werden. Diese Aufträge müssten immerhin nicht noch einmal ausgeschrieben werden, beruhigt der Flughafen die Öffentlichkeit. Allerdings sind offenbar auch die kilometerlangen Kühlleitungen nicht ausreichend gedämmt. Da sie in Decke und Mauerwerk verlaufen, muss vermutlich einiges aufgerissen werden, um das nachzuholen.

          Rolltreppe zu kurz

          Die Rolltreppe aus dem Flughafenbahnhof im Keller ist um mehrere Stufen zu kurz. Es handelt sich offenbar um einen Planungsfehler, nicht einen Fehler des Lieferanten.

          Zu wenige Abfertigungsschalter

          Die Beratungsfirma Airport Research Center warnt in einem Gutachten für den Flughafen, der Flughafen habe in Stoßzeiten nicht genügend Gepäckbänder. Bei Hochbetrieb drohten Staus der Fluggäste an den Sicherheitskontrollen. Ein Gutachten des Flughafenplaners Dieter Faulenbach da Costa kritisiert, der Flughafen müsse statt der vorgesehenen 118 Abfertigungsschalter 224 haben, und statt acht Gepäckbändern 20. Der Flughafen betont, entscheidend sei, dass für den regulären Betrieb genug Kapazität für Abfertigung und Gepäck vorhanden sei - „direkt nach Eröffnung können im Bedarfsfall zusätzliche Gepäckausgabebänder realisiert werden“.

          Zu viele Rohbauten

          Im sogenannten „C-Riegel“ - der Fläche oberhalb der Sicherheitskontrollen, die für die Bundespolizei vorgesehen ist -, befindet sich das Terminalgebäude noch immer im völligen Rohbau. Insgesamt sind am Flughafen mehrere tausend Quadratmeter in diesem Zustand.

          Regen im Luftschacht

          Je nach Windrichtung läuft Regenwasser von der westlichen Terminal-Fassade direkt in die dort gelegenen Öffnungen des Lüftungssystems des Terminals.

          Falsche Schlüssel

          Die Schließanlagen an den Sicherheitstüren des Flughafens müssen auch einen Schlüsselzylinder haben, forderte die Aufsichtsbehörde. Tatsächlich funktionieren sie nur mit Chip-Karten.

          Tankanlage defekt

          Unter der 60 Zentimeter dicken Betonschicht des Rollfelds liegt eine komplexe „Unterflurbetankungsanlage“, die den Fliegern Treibstoff liefern soll. Das Rohrnetz ist kilometerlang, aber offenbar passen Bauteile nicht zusammen und müssen ausgetauscht werden. Es handele sich aber nur um wenige Teile, sagt Amann, und die Korrektur sei nicht „terminkritisch“. Die Anlage sei schon punktuell in Betrieb.

          Keine Ärzte

          Für mögliche Unfälle der täglich 60 000 Passagiere des Flughafens Berlin Brandenburg International gibt es keine eigene Krankenstation. Stattdessen sollen in Notfällen Ärzte im Umland zu Hilfe gerufen werden. Diese Lösung ist zulässig, aber Experten anderer deutscher Flughäfen warnen dennoch vor einer nicht ausreichenden Versorgung. Eine Krankenstation müsste komplett nachgeplant und gebaut werden.

          Kaputte Fußbodenfliesen

          Die Fußbodenplatten sind beschädigt. Während der Bauphase fehlte ihre Schutzabdeckung. So entstanden Risse, weil etwa Gabelstapler darüber gefahren sind.

          Bäume verpflanzt

          Die Planung sieht mehr als 1000 Bäume auf dem Gelände vor - aber auch hier lief offenbar einiges schief. Mal heißt es, die Bäume seien nur an der falschen Stelle eingepflanzt worden, anderswo ist zu hören, es seien von vorneherein die falschen Bäume eingepflanzt worden. Jetzt müssten vermutlich Hunderte Bäume umgepflanzt werden.

          Keine Informationsanlage

          Die SoKo des Verkehrsministeriums meldet in ihrem Protokoll, die Anlage zur Fahrgastinformation im Flughafenbahnhof könne in mehreren Etagen und Treppenhäusern nicht installiert werden. Denn es fehlten Vorarbeiten durch die Flughafengesellschaft. Einige schon aufgestellte Informationsterminals seien bereits beschädigt.

          Kein Internet

          Aus Aufsichtsratskreisen heißt es, der neue Flughafen habe zum ursprünglich geplanten Eröffnungstermin vom Juni 2012 kein funktionierendes WLAN-Netz gehabt.

          Nach Eröffnung: Stillstand

          Der Flughafen kann laut Protokoll des Verkehrsministeriums eröffnet werden, bevor alle Bauarbeiten abgeschlossen sind. Aber dann müsste bei Nachrüstungen „jeder Nagel einzeln“ durch die Sicherheitskontrolle getragen werden.

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