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Flüchtlingspolitik : Nicht in meiner Nachbarschaft

  • -Aktualisiert am

Im früheren Gasthof an der Hauptstraße in Winden ist eine Flüchtlingsunterkunft mit bis zu 130 Plätzen geplant, Anwohner protestieren dagegen. Landkreis Pfaffenhofen, Bayern. Bild: Julian Staib

In Bayern soll ein kleiner Ort mehr als 130 Flüchtlinge aufnehmen. Politiker bitten die 830 Bewohner von Winden um Verständnis. Die meisten Bürger antworten mit Nein.

          „Welcome“ steht auf einem Schild am Ortseingang, aber weiter drinnen im Dorf, in den Gärten der Einfamilienhäuser an der Hauptstraße, finden sich andere Botschaften: „Wir brauchen keine 131 Asylanten“ steht auf einem Schild, „Winden wehrt sich“ auf einem anderen. Daneben weht die bayerische Landesfahne, auch die des FC Bayern München ist zu sehen. Winden am Aign ist ein bayerisches Idyll südlich von Ingolstadt, eingebettet in eine Landschaft mit sanften Hügeln und Hopfenfeldern. Im Ortszentrum steht ein großes weißes Haus, eine frühere Gaststätte und Dorfdiskothek. Hier sollen nach dem Willen eines Investors, dem in Bayern noch weitere Unterkünfte gehören, 137 Flüchtlinge untergebracht werden. Ist das zumutbar für einen Ort mit rund 830 Einwohnern?

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Die meisten Windener antworten auf diese Frage mit Nein. Andere sind vorsichtiger, zeigen ihre Erschütterung angesichts der Nachrichten von Tausenden Toten im Mittelmeer. Jeder müsse seinen Beitrag leisten, sagen sie dann. Aber muss unser Beitrag so groß sein? Lokalpolitiker suchen händeringend Unterkünfte; in diesem Jahr kommen, je nach Schätzung, zwischen 300.000 und 500.000 Flüchtlinge nach Deutschland. Im vergangenen Jahr waren es 200.000. Rund 15 Prozent der Flüchtlinge kommen nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel nach Bayern. Der Freistaat verteilt sie dann wiederum nach bestimmten Schlüsseln auf die Regierungsbezirke und Landkreise.

          „Mit 40 bis 50 Flüchtlingen wären wir gut bedient“

          Derlei Zahlen und damit verbundene Nöte wurden den Windenern unlängst auf einer Versammlung in der örtlichen Vereinsgaststätte genannt. Die Politik warb um Verständnis. Auf einem Podium saßen der örtliche Landtagsabgeordnete, der Landrat sowie der Bürgermeister des nahe gelegenen Städtchens Reichertshofen, zu dessen Marktgemeinde auch Winden gehört. Die Versammlung wird von allen Beteiligten als „emotional“ beschrieben. „Wenn wir nichts gesagt hätten, hätten die uns die 130 reingepresst“, sagt Werner Klein. Er ist Schreiner und Sprecher einer Bürgerinitiative im Ort. „Mit 40 bis 50 Flüchtlingen wären wir gut bedient“, sagt er. Den auf der Versammlung vorgebrachten Kompromissvorschlag von 67 Flüchtlingen lehnt er ab. Auch wenn es eigentlich um Menschen gehe, pokere man nun um Zahlen. Klein behagt das nicht. „Aber wir wollen nicht die Quote der anderen erfüllen.“

          Andere im Ort formulieren das schärfer. Es sei eine Zumutung, dass „die Obrigkeit“ ihnen hier „so eine Masse“ reinbringen will, sagt Adolf Strzelbicki. Er ist Rentner und wohnt mit seiner Frau in der Nähe der geplanten Unterkunft. Die beiden bitten zum Gespräch in ihren Wintergarten, der Weg dahin führt durch einen Flur voll mit Jagdtrophäen an den Wänden und einem Dachsfell auf dem Fußboden. Alles selbst geschossen. Durch das offene Fenster des Wintergartens zwitschern Vögel, drinnen sitzt man auf Kissen mit Rosenmotiven. Strzelbicki, 1939 geboren und gelernter Maler, sagt, er gehe schon lange nicht mehr wählen. Er sei „kein Menschenhasser“. Doch habe er in Deutschland „keine Türken gebraucht, keine Italiener und auch keine Asylanten“. In Tröglitz, wo vor einigen Wochen eine zukünftige Asylbewerberunterkunft angezündet worden war, da hätten die Leute sich auch nicht alles gefallen lassen. „Adi“, sagt da seine Frau, der das Gespräch unangenehm wird, das interessiere doch niemanden.

          Im Dorf sorgen sich viele, dass solche Stimmen die Diskussion dominieren. Schon wenige Tage nach der Versammlung im Vereinshaus fanden die Einwohner Flugblätter von der NPD in ihren Briefkästen. Eine Frau stoppt ihr Fahrrad vor dem Haus, in dem die Flüchtlinge untergebracht werden sollen. Bevor die Menschen zu Tausenden im Mittelmeer stürben, sollten sie doch lieber zu ihnen kommen, sagt sie.

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