https://www.faz.net/-gpf-82oqn

Flüchtlingspolitik : Nicht in meiner Nachbarschaft

  • -Aktualisiert am

Es werde zunehmend schwer, in den Gesprächen mit den Bürgern auf eine konstruktive Ebene zu kommen, sagt der Landrat des Landkreises Pfaffenhofen, Martin Wolf (CSU). Wolf verhandelt momentan mit dem Besitzer der Immobilie in Winden über die Zahl der Flüchtlinge. Sollte der Kompromissvorschlag realisiert werden, würde der Investor wohl deutlich weniger verdienen. Der Landkreis will ihm nun beim Mietpreis entgegenkommen. Noch ist nichts entschieden.

Wenn der Investor abspringen und der Kreis die Unterkunft verlieren würde, wäre das der „worst case“, sagt der Landrat. Schlimm wäre auch, wenn die Regierung von Oberbayern die Unterbringung einfach entscheiden würde. „Ich will den Konsens mit der Bevölkerung. Solange es irgendwie geht“, sagt Wolf. Bis Jahresende werden im Landkreis 1200 Flüchtlinge erwartet, momentan sind es rund 800. Es fehlen also noch 400 Plätze. Winden sollte ein Teil der Lösung sein. Jede Woche müssen derzeit 20 neue Asylbewerber untergebracht werden. „Dieses Tempo halten wir nicht mehr lange durch“, sagt Wolf.

Was tun mit den Flüchtlingen?

Aus Sicht des Landkreises, der zwischen den boomenden Polen München und Ingolstadt liegt, ist die Unterbringung der Flüchtlinge nicht so sehr ein finanzielles Problem. Der Haushalt hat einen Etat von rund 100 Millionen Euro, etwa 500.000 Euro legt der Kreis als Unterstützung für die Betreuung und Unterbringungen der Flüchtlinge zu den 4,5 Millionen Euro vom Freistaat dazu. Natürlich sei die Diskussion, wie viel der Bund und wie viel die Länder zahlen müssten, wichtig, sagt Wolf. Aber entscheidend sei doch die Frage: Was machen wir mit den Flüchtlingen?

In der Region herrscht Fachkräftemangel, es gibt praktisch keine Arbeitslosigkeit. Die Wirtschaft sei sehr engagiert, es gebe Praktika, Ausbildungsangebote und Möglichkeiten für Hilfsarbeitertätigkeiten für Flüchtlinge, sagt Wolf. „Aber die Leistung, die erwartet wird, kann maximal jeder zweite Flüchtling erbringen.“ Zudem blieben viele bald weg von der Arbeit. Viele Flüchtlinge seien traumatisiert, hätten keinen geregelter Tagesablauf, seien frustriert von dem oft jahrelangen Warten auf die Entscheidung über ihr Asylgesuch. „Die erwarten etwas völlig anderes“, sagt Wolf. Je kleiner die Flüchtlingsunterkünfte, desto besser gelinge die Integration. Daher versuche der Landkreis, die Flüchtlinge überwiegend in „dezentralen Objekten“ unterzubringen, in Häusern mit bis zu 30 Menschen. Aber davon gibt es immer weniger.

Für Flüchtlingsunterkünfte werden ortsübliche Mieten gezahlt. Es gebe daher heute schon Probleme, sozial Bedürftige und Facharbeiter mit Wohnungen zu versorgen, sagt Wolf. „Wir müssen akzeptieren, dass sich die Nachbarschaft für jeden Einzelnen verändert.“ Die momentane Unterbringung lasse sich vielleicht noch im Jahr 2015 durchhalten. Danach werde eine Unterbringung entstehen, die „kollabieren könnte“. Sollte es keine Wohnungen mehr geben, wird der Kreis Sporthallen belegen. Dann würde die Sportnutzung für die Schulen und für die Vereine entfallen, sagt Wolf. Er werde oft gefragt, wie das weitergehe – und er habe keine Antwort. „Wir wissen nur, es kommen im Moment immer mehr Flüchtlinge“, sagt Wolf. „Wir wissen nicht, ob es zehn, zwanzig oder alle Turnhallen sein werden.“ In den Hallen werde dann mit Bauzäunen und Planen eine „Zimmersituation simuliert“, ein „Notquartier“. Was der Politik stets die Diskussion einbringe, ob das menschenwürdig sei. Und die Flüchtlinge fragten dann: Ist das jetzt mein Zuhause? Wann ändert sich das? „Das sind existentielle Fragen – und wir haben keine Antwort“, sagt der Landrat.

Weitere Themen

Topmeldungen

Wird er der nächste Tory-Vorsitzende? Boris Johnson bei einem Fototermin in einer Baumschule

Wahl zum Tory-Parteichef : „Boris gewinnt ja sowieso“

Die 160.000 Mitglieder der Konservativen Partei wählen gerade den nächsten britischen Premierminister. Sie sind alt, melancholisch und ein bisschen rebellisch – und sehnen sich nach der guten alten Zeit.
Von ihren Soldaten hat sie sich verabschiedet. Was folgt für Ursula von der Leyen (CDU)?

FAZ Plus Artikel: Ursula von der Leyen : Wenn Weber es kann

Ursula von der Leyens Rücktritt ist ein geschickter Zug. Doch wird es für sie reichen? Die SPD erweist sich weiter als führungs- und orientierungslos.
Roger Federer nach seiner Niederlage am Sonntag in Wimbledon

Tennis-Ikone : Wie Roger Federer zum erfolgreichen Unternehmer wurde

Roger Federer zählt zu den Spitzenverdienern in der Welt. Daran ändert auch die Niederlage in Wimbledon nichts: Denn so erfolgreich wie auf dem Platz ist der Schweizer auch in geschäftlichen Dingen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.