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Flüchtlingspolitik : Nicht in meiner Nachbarschaft

  • -Aktualisiert am

Winden schlecht angeschlossen

Der Schreiner Klein hat einen Plan für die Flüchtlingsunterkunft vorliegen, der angeblich von dem Investor stammt. Darauf sind kleine Zimmer mit vielen Betten zu sehen. „Unmenschlich“ nennt das Klein. Je weniger Menschen untergebracht würden, desto eher könne man die Unterkunft so umbauen, dass sie einigermaßen darin leben könnten, sagt Klein. Aber grundsätzlich gebe es doch sicherlich Orte, die sich besser eigneten – schließlich sei Winden schlecht angeschlossen an die Umgebung. Der Bus fahre selten, das nächste Geschäft sei fern.

„Wenn sie irgendein Dorf fragen, ob es 130 Asylbewerber will, werden Sie überall ein Nein hören“, sagt Michael Franken, der Bürgermeister vom Markt Reichertshofen. Von Winden fährt ein Bus jede Stunde in die nächstgelegenen Ortschaften, die Fahrkarte kostet – subventioniert von der Gemeinde – nur 50 Cent. Franken ist seit 2008 Bürgermeister des Marktes Reichertshofen, er ist parteilos und pragmatisch. Windens Infrastruktur sei nicht schlecht, sagt er, sonst würden dort nicht 830 Menschen leben. Seit den siebziger Jahren habe sich die Einwohnerzahl Reichertshofens verdoppelt. Zurzeit kämen – aufgrund des Wirtschaftswachstums in der Region – viele Menschen aus den neuen Bundesländern. Zudem gebe es in der Region seit Jahrzehnten Flüchtlinge: aus dem Krieg, aus Ungarn, später Russland- und Rumäniendeutsche und zuletzt die Flüchtlinge vom Balkan in den neunziger Jahren.

In der Stadt Reichertshofen mit rund 8000 Einwohnern leben knapp 80 Flüchtlinge. Auch hier gab es Proteste, als das Landratsamt Anfang 2013 ankündigte, Asylbewerber im Ort unterzubringen. Auf Flugblättern hieß es, nun seien die Frauen im Ort nicht mehr sicher. Franken sagt, er habe dann den Landrat gebeten, die Asylbewerber so schnell wie möglich herzubringen. „Dann sieht man, wie nett die sind.“ Die Menschen aus Winden sollten sich doch einmal ein Bild von den Unterkünften machen. Da sei es nicht dreckig, und klauen würde auch niemand. In Reichertshofen habe es bisher keine Probleme mit Flüchtlingen gegeben, sagt Franken.

Ehrenamtliche übernehmen Betreuung

Zum Beweis läuft er zusammen mit einer der vielen ehrenamtlich Engagierten aus der Stadt durch eine Unterkunft. 35 Menschen sind hier in einem ehemaligen Gasthof untergebracht, draußen hängt noch das Schild „China Restaurant“. Im Erdgeschoss putzen zwei Männer aus Syrien ihr Wohnzimmer. Im ersten Stock lebt der Hausbesitzer mit seiner Familie, nebenan acht junge Männer aus Afghanistan. Die kochen gerade und bitten höflich zum Gespräch ins Wohnzimmer. Um die Flüchtlinge kümmert sich ein Sozialarbeiter der Caritas im Auftrag des Landkreises. Der sei „überfordert“, heißt es im Ort, schließlich sei er für rund 150 Flüchtlinge zuständig. Also übernehmen Ehrenamtliche die Betreuung – so wie in Tausenden anderen Orten in Deutschland. Auch in Reichertshofen gibt es Patenschaftsprogramme, Hilfe bei Behördengängen, bei der medizinischen Versorgung, bei rechtlichen Angelegenheiten, es gibt Sprachkurse, Schulprojekte und vieles mehr. „Wenn sich in Winden zwölf Ehrenamtliche finden, wird das kein Problem sein“, sagt Franken.

Entscheiden kann er in der Sache nichts. Je nach Größe der Unterkunft ist in Bayern entweder die Bezirksregierung oder der Landkreis zuständig. Reichertshofen sei „ausführendes Organ“, sagt der Bürgermeister, ihm bleibe nur das Wort, um Konflikte zu entschärfen. In der Argumentation müsse man vorsichtig sein und die Sorgen der Bürger ernst nehmen. Doch die Flüchtlinge kämen nun einmal, und man sei verpflichtet, sie unterzubringen. Das sei immer wieder ein „Tanz auf Messers Schneide“, sagt Franken.

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