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Flüchtlingspolitik : Karawane der Hoffnung

  • -Aktualisiert am

Kannst du „jetzt“ sagen?: Flüchtlinge in Oberrimsingen Bild: Eilmes, Wolfgang

Im Südwesten Deutschlands kommen immer mehr minderjährige Flüchtlinge alleine an – ohne Rucksack, ohne Pässe, und oft ohne Hoffnung. Die Kommunen stellt das vor große Herausforderungen.

          7 Min.

          Sie kommen aus Algerien und steigen in Freiburg aus dem ICE. Sie kommen ohne Rucksack und ohne Pässe. Nur ein Smartphone haben sie immer dabei. Das brauchen sie, um Kontakt zu halten. Zur Familie in Afghanistan oder Eritrea. Vielleicht auch, weil sie manchmal Anweisungen von den Schleppern bekommen, denen ihre Familien mehrere tausend Euro bezahlt haben. Irgendwo in Sizilien sind sie an Land gegangen. Dann haben sie sich in einen Fernzug gesetzt. Die italienischen Carabinieri und die Schweizer Zollbeamten wollen keinen Ärger. Deshalb schauen sie häufig weg, wenn sie im Zug die minderjährigen Flüchtlinge aus dem Maghreb, aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan, die jungen Männer mit schmutzigen T-Shirts und ängstlichem Blick sehen. Die Beamten der deutschen Bundespolizei schauen nicht weg, sie machen ihre Arbeit. Deshalb stehen viele der Jugendlichen irgendwann in Freiburg vor dem Münster. Für die Flüchtlinge aus dem Süden ist Freiburg der erste ICE-Halt mit Bundespolizei-Station.

          Rüdiger Soldt
          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Bis vor vier Jahren waren die minderjährigen Flüchtlinge eine für Städte und Landkreise ziemlich beherrschbare Rarität. Nach Freiburg kamen im gesamten Jahr 2010 nur 30 jugendliche Flüchtlinge. Seither stiegen die Zuzugszahlen in den betroffenen Landkreisen um bis zu 40 Prozent. In Freiburg wurden allein im ersten Halbjahr 2014 insgesamt 80 „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“, im Bürokratendeutsch „UMF“, in Obhut genommen. Die Aufnahme der Flüchtlinge ist eine Pflichtaufgabe der Kommunen, innerhalb von wenigen Tagen muss für sie ein Betreuungsangebot organisiert werden: ärztliche Untersuchungen, häufig Operationen, Bestellung eines Vormunds durch das Familiengericht, manchmal die Überprüfung des Alters, Unterbringung in einer Wohngruppe, psychiatrische Betreuung, erste Sprachkurse. Die Fluchtursachen sind offenkundig: die Bürgerkriege im Irak und in Syrien, das Militärregime in Eritrea, die Gewalt der Taliban in Afghanistan.

          Das „KL-Wohnheim“ war einmal ein bundesrepublikanischer Plattenbau mitten in Freiburg. Jetzt hat das kleine Hochhaus eine Solarstrom-Multifunktionsfassade. Der Blick geht auf die Ganter-Brauerei und den Schwarzwald. Das Haus ist noch immer ein Lehrlingswohnheim des katholischen Christophorus-Werks, doch in der vierten Etage gibt es seit zwei Jahren eine „vollstationäre UMF-Wohngruppe“ – die „WG Sankt Martin“. Der Heilige Martin ist der Schutzheilige der Flüchtlinge. „Karawane der Hoffnung“ steht auf einem Filmplakat, es ist ein Projekt der jugendlichen Flüchtlinge.

          Über Facebook Kontakt nach Hause

          Im kleinen Aufenthaltsraum steht ein Flachbildfernseher und ein alter Computer. Senafa und Emran, die wie alle Flüchtlinge in diesem Artikel anders heißen, sitzen vor dem Bildschirm. „Facebook und Youtube, das ist ihr Kontakt nach Hause“, sagt Sozialarbeiter Stefan Hessel-Iser. Beide seien aus Furcht vor der Zwangsrekrutierung geflohen. Senafa ist 17 Jahre, sein Bruder erst 12 Jahre alt. „Denkt dran, das hier ist kein Hotel, ihr müsst euch schon abmelden“, ruft der Sozialarbeiter zwei anderen Jugendlichen zu, die sich gerade in die Freiburger Innenstadt aufmachen wollen. In afrikanischen Ländern haben diese Kinder unter Umständen nur überlebt, weil sie sich bestimmten Regeln entzogen, hier müssen sie ihr Misstrauen gegenüber dem Staat aufgeben und lernen, dass Regeln auch etwas Positives sein können.

          Morgens stehen die Betreuer häufig vor leeren Betten, denn viele der Jugendlichen bleiben nur kurze Zeit in den Betreuungseinrichtungen und Wohngruppen. Nur etwa 15 Prozent der Flüchtlinge bleiben dauerhaft in einer Wohngruppe, 45 Prozent verweilen wenige Tage. 40 Prozent der Flüchtlinge sind Schätzungen zufolge wahrscheinlich gar nicht mehr minderjährig.

          „Die meisten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge sind pubertierende Jungs. Sie begegnen uns als anlehnungs- und schutzbedürftige Menschen“, sagt Thomas Köck, Erziehungsleiter des Christophorus-Werks. Von 16 Wohngruppenplätzen sind derzeit 15 belegt. In manchen Nächten entdeckt die Bundespolizei fünf neue Flüchtlinge in den Zügen. Köck will in diesem Jahr in Freiburg deshalb eine zweite Wohngruppe gründen. Senafa und Emran schauen sich ein Youtube-Video an, es zeigt ein klappriges Flüchtlingsboot auf dem Mittelmeer. „Die brauchen diese Filme zur Trauma-Aufarbeitung“, sagt Köck.

          Smartphones im Visier der Flüchtlinge

          Traumatisiert waren bis vor ein paar Wochen auch die Anwohner des Stühlinger Kirchplatzes in Freiburg. Der Platz ist eher der Hinterhof der Hansjakob-Realschule: große Kastanien, Sitzblöcke aus Beton, zwei kaputte Einkaufswagen. Hier nahm vor gut drei Monaten eine Diskussion ihren Anfang, die die badische Universitätsstadt aufwühlte, bis hin zu heftigen Debatten in allen Ratsfraktionen. Plötzlich standen die jugendlichen Flüchtlinge im Mittelpunkt. Etwa 40 minderjährige Flüchtlinge aus Nordafrika hatten Anwohner und Passanten des Platzes regelrecht terrorisiert. Sogar erfahrene Polizisten waren von der Brutalität der Trickdiebe überrascht. Die Jungs hatten es auf Smartphones abgesehen. Gab das Opfer sie nicht her, wurden die Jugendlichen rabiat. 232 Straftaten zählte die Freiburger Polizei von Januar bis Mitte Mai am Stühlinger Kirchplatz, gegen 42 Flüchtlinge gab es Ermittlungsverfahren. Seitdem zwölf inhaftiert sind, hat sich die Lage beruhigt.

          Rechtsanwalt Harald Schandl ist spezialisiert auf Ausländerrecht, er kennt die minderjährigen Flüchtlinge seit vielen Jahren. Aus Schandls Sicht war die Diskussion in Freiburg „hysterisch“. Fahrraddiebstähle, Schwarzfahren, auch mal rassistisch aufgeladener Streit zwischen Jugendlichen aus Nord- und Schwarzafrika, das komme unter den minderjährigen Flüchtlingen schon vor, aber die Brutalität am Stühlinger Kirchplatz sei untypisch gewesen. „Der überwiegende Teil will begierig etwas lernen“, sagt Schandl. Am Stühlinger Kirchplatz waren vorwiegend Halbstarke aus Marokko, Tunesien und Algerien; Jugendliche aus diesen Ländern sind den Soziarbeitern schon häufiger unangenehm aufgefallen. Ihr Fluchtmotiv sei lediglich, ein „großes Stück vom Kuchen“ abzubekommen, gelinge das nicht, neigten sie zur Gewalt. In Freiburg haben die nordafrikanischen gewalttätigen Straßenkids den minderjährigen Flüchtlingen, die aus Afghanistan oder Syrien vor den Taliban oder dem Bürgerkrieg geflohen sind, das Leben erschwert.

          Berufsschulen sind überfordert

          Fast alle Flüchtlinge aus der Wohngruppe des Lehrlingsheims fahren jeden Tag nach Oberrimsingen. Der kleine Vorort von Breisach liegt am Jakobsweg und ist Sitz der Erich-Kiehn-Schule, die ebenfalls zum Christophorus-Werk gehört. Für die Flüchtlinge ist die Schule ein Glücksfall. Jüngere minderjährige Flüchtlinge werden von den Jugendämtern zumeist auf die Vorbereitungsklassen an den öffentlichen Schulen geschickt. Viele minderjährige Flüchtlinge sind aber 16, 17 oder 18 Jahre alt, für sie fehlt ein passendes Schulangebot, denn die Berufsschulen sind mit ihnen überfordert und zudem überbelegt. Das Christophorus-Werk bietet ihnen eigenen Unterricht, es geht um Alphabetisierung, Grundlagen der deutschen Kultur, Berufsorientierung. Zudem bietet der Unterricht eine Struktur für das Leben der Flüchtlinge.

          Für die Lehrer sind die sehr heterogenen Gruppen, deren Zusammensetzung sich manchmal täglich verändert, eine große pädagogische Herausforderung. Dass die Schüler um 7.30 Uhr brav auf den Stühlen sitzen, erwarten die Lehrer gar nicht. Die Schüler bekommen ein Sprachbad, machen anschließend Praktika in den Werkstätten des Christophorus-Werks. Sogar ein spezielles Fernschulprogramm für die Flüchtlinge wird gerade entwickelt. „Wenn wir Delinquenz verhindern und Steuerzahler aus ihnen werden, ist das ein ungeheurer Erfolg“, sagt Norbert Scheiwe, Leiter des Christophorus-Werks.

          „Und wie heißt es auf Tigrinya?“

          Muhamed aus Syrien, Omer aus Eritrea, Ali aus Algerien und Khalid aus Somalia sitzen im Klassenzimmer, ein Lehrer und ein Sozialpädagoge kümmern sich um sie. Mehrere fehlen heute, es ist Ramadan. Eine Ärztin hat einigen Jugendlichen deshalb ein Attest ausgestellt. „Kannst du ‚jetzt‘ sagen, Omer?“, fragt der Lehrer Axel Schnieber. „Now“, sagt Khalid. Dann soll er sagen, er sei jetzt hier. „Ici, here“, sagt Khalid. Und wie heißt es auf Tigrinya? „Hetija“. Als die ersten Flüchtlinge aus Eritrea kamen, wussten die Lehrer gar nicht, dass es die Sprache Tigrinya gibt. Es existiert auch kein Deutsch–Tigrnya-Wörterbuch. Zum Glück fand sich im Internet ein Lernprogramm. Die Jugendarbeiter und Lehrer müssen oft auf die Hilfe von Übersetzern zurückgreifen. Wenn ein jugendlicher Flüchtling psychiatrische Hilfe in seiner Stammessprache braucht, sind sie aber hilflos.

          Zur Kiehn-Schule gehören auch Ausbildungswerkstätten, eine Zimmerei, Fahrradwerkstätten, eine Schlosserei, eine Lernküche. Heissam ist 17 Jahre alt. In Afghanistan wurde seine Familie von Taliban verfolgt. Mit 14 Jahren kam er nach Deutschland, lernte schnell Deutsch und macht jetzt einen Berufsvorbereitungskurs. Gerade poliert er zwei Stahlösen an der Werkbank. „Ich würde gern in zwei Monaten eine Ausbildung bei einem Schlosser beginnen“, sagt Heissam.

          Wenn die Bundespolizisten die jungen Flüchtlinge in den ICEs nicht kurz nach dem Grenzübertritt in Freiburg aus dem Zug holen, werden sie eine halbe Zugstunde später im badischen Offenburg entdeckt. Der rasante Anstieg der Flüchtlingszahlen überfordert auch das dortige Jugendamt. Für stationär betreute Jugendliche fallen Jugendhilfe-Tagessätze zwischen 140 und 220 Euro an. „Im Jahr 2002 hatten wir vier minderjährige Flüchtlinge, 2011 waren es dann 57, jetzt sind es allein in den ersten sieben Monaten schon 146“, sagt Andreas Linse vom Jugendamt des Landratsamts. Der Landkreis hat nur sechs Plätze für die vorübergehende Inobhutnahme und zehn Wohngruppenplätze. Deshalb fordern die Landkreise ein Verteilsystem, auch fernab der Grenze gelegene Jugendämter sollen künftig minderjährige Flüchtlinge aufnehmen.

          Junge Einwanderer verstehen Hilfesystem nicht

          Im wunderhübsch in der Rheinebene gelegenen Christlichen Jugenddorf musste das Haus „Lahr“ vor einigen Wochen komplett für die jungen Flüchtlinge freigemacht werden. Fahrid spricht nur Englisch. Er sitzt im Gruppenraum des Jugenddorfs, sein Weg nach Deutschland führte von Gambia über Senegal, Mali, Burkina Faso, Niger, Libyen, dann durch die Sahara, schließlich die von Schleppern organisierte Fahrt nach Italien. Er will über seine Flucht reden, es fällt ihm schwer, er vergräbt den Kopf in seinen Händen, neigt sich nach vorn, weint. „Mein Onkel hatte ein Problem mit der Regierung, die haben ihn geschlagen und sein Leben zerstört, ich hatte nur noch Angst.“ Dann zeigt er auf die breiten Narben an den Unterarmen und schweigt. In der Küche der Gruppenunterkunft steht Mesud aus Afghanistan, er ist in der Nähe von Kabul aufgewachsen, dann flüchtete die Familie nach Iran. 4000 Euro zahlten seine Eltern an einen Schlepper, der brachte ihn über die Türkei nach Griechenland. „Von Anfang an war Deutschland mein Ziel, Deutschland ist besser als alle anderen europäischen Länder.“

          „Denen wird erzählt, in Deutschland regnet es Geld. Die fragen schon am zweiten Tag nach Inlinern, Geld, Tablet-Computern, Handys, Kleidung, dann wollen sie auch noch Fußball spielen“, sagt Monika Delfosse vom Jugendamt des Ortenaukreises, die die Amtsvormundschaften verwaltet. Es fällt den jungen Einwanderern nicht leicht, das deutsche Jugendhilfesystem zu verstehen, das wahrscheinlich zu den besten der Welt gehört. Sie können auch nicht begreifen, warum sie für jede Reise eine Genehmigung brauchen. „Manchmal verstehen die erst, wie gut es ihnen geht“, sagt Delfosse, „wenn sie hier aus dem Jugenddorf Ausgang hatten und gesehen haben, wie die erwachsenen Flüchtlinge im Asylbewerberheim untergebracht sind.“

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