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Familien von Flüchtlingen : Die Nächsten im Krieg

Ankunft im Flüchtlingslager: Vor allem Männer wagen die riskante Flucht nach Deutschland; auf den Nachzug ihrer Familien müssen sie meist sehr lange warten. Bild: Felix Schmitt

Anerkannte Flüchtlinge haben das Recht, ihre Familien nach Deutschland zu holen. Für viele Syrer und Iraker aber bedeutet das banges Warten, denn die zuständigen Visastellen sind völlig überlastet.

          Den Kontakt zu seiner Familie in Raqqa, der Hochburg des „Islamischen Staats“, hält Chalid Almalki über Whatsapp. „Wie geht es euch?“, schreibt er in sein Handy, in einem Dorf im Allgäu. Und manchmal fügt er hinzu: „Seid ihr am Leben?“

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Ein paar Wochen erst ist es her, da schickte ihm Selma, die älteste seiner Töchter, ein Foto, das sie mit ihrem Handy aufgenommen hatte. Es zeigte Betontrümmer, darauf ein graues Skelett, die Überreste eines mehrstöckigen Wohnhauses. „Heute, an diesem Freitagmittag, gab es in unserer Straße einen Flugzeugangriff“, schrieb Selma dazu. Und fünf Tage später berichtete sie, dass nun auch der Kopf des Jungen gefunden worden sei, der bei der Explosion ums Leben gekommen war. Man habe ihn endlich zum Leichnam in den Sarg legen können. „Ich hoffe so sehr, dich wiederzusehen“, schrieb wenig später die neunjährige Soraya ihrem Vater.

          Schlimmer noch als die Nachrichten aus dem Alltag des Krieges aber sind für Almalki die Minuten, die Stunden, die Tage, in denen er keine Antwort von seiner Familie bekommt. Wenn im syrischen Raqqa der Strom ausfällt, quält ihn in seiner Unterkunft in einem ehemaligen Allgäuer Landgasthof die Ungewissheit. Und seit die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) die Stadt erobert hat, seit die Kampfflugzeuge des Assad-Regimes und der Amerikaner Bomben abwerfen, fällt der Strom länger aus, als dass er verfügbar ist. Almalki bleibt dann nichts anderes, als zu hoffen und zu beten.

          Kriegsalltag: nach einem Bombenangriff in Damaskus

          Seit Anfang Januar ist Almalki in Deutschland. Am 25. März hat er den Bescheid über die Anerkennung als Flüchtling bekommen und damit eine Aufenthaltserlaubnis für zunächst drei Jahre. Außerdem steht ihm laut Aufenthaltsgesetz das Recht zu, seine Familie, genauer: seine Frau und seine minderjährigen Kinder, zu sich zu holen. Dazu musste er innerhalb von drei Monaten einen Antrag bei der Ausländerbehörde stellen. Almalki tat das sofort - schließlich will er seine Familie so schnell wie möglich aus dem Krieg holen. Um aber nach Deutschland einreisen zu dürfen, brauchen die Ehefrau und die Töchter ein Visum. Sie müssen persönlich bei einer deutschen Botschaft oder einem deutschen Konsulat vorsprechen. Der Termin, den sie dafür im Generalkonsulat in Istanbul bekommen haben, ist der 11. Januar 2016.

          Die deutsche Botschaft in Damaskus ist wegen des Kriegs in Syrien seit Anfang 2012 geschlossen. Syrer müssen in den Libanon, nach Jordanien oder in die Türkei reisen, um Visa beantragen zu können. Durch den Ansturm an Flüchtlingen sind die deutschen Vertretungen dort aber völlig überlastet. Vor allem in der Türkei werden die Wartezeiten immer länger.

          Als der IS die nordsyrische Stadt eroberte, in der Almalki arbeitete und mit Frau und Töchtern lebte, floh die Familie in die Türkei. Almalki war leitender Ingenieur in einem Staatsbetrieb und wurde von den IS-Kämpfern deshalb verdächtigt, ein Anhänger Assads zu sein. Aus Angst um seine Familie will Almalki nicht, dass Details dazu in der Zeitung stehen. Auch sein Name ist geändert. Seit seiner Flucht werde er vom IS gesucht, sagt Almalki. Einen Kollegen, der ihm damals aus der Stadt geholfen habe, hätten die Terroristen kurz darauf vor den Augen der übrigen Belegschaft ermordet.

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