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Familien von Flüchtlingen : Die Nächsten im Krieg

Mal täglich, mal wöchentlich fliegt Assads Armee Luftangriffe auf Raqqa.

Im Nachtragshaushalt, dem der Bundestag Ende Mai zustimmte, sind noch einmal knapp 30 Stellen für die deutschen Vertretungen rund um Syrien vorgesehen. Doch selbst das Auswärtige Amt macht wenig Hoffnung auf eine schnelle Besserung: Wegen der Dimension der Flüchtlingskrise könne nicht garantiert werden, „der enormen und dramatisch wachsenden Nachfrage nach Visaterminen so schnell nachzukommen, wie es wünschenswert wäre“, heißt es auf Nachfrage. Etwas präziser wurde ein Vertreter des Auswärtigen Amtes Ende März im Innenausschuss des Bundestags: Man habe große Probleme, für die Visastellen in der Region Personal mit den entsprechenden Qualifikationen und vor allem Sprachkenntnissen zu finden, erklärte er. Außerdem gebe es bauliche Beschränkungen, so dass nicht beliebig viele neue Mitarbeiter eingestellt werden könnten.

Luise Amtsberg, die flüchtlingspolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, hingegen kritisiert, dass der politische Wille für eine massive Aufstockung des Personals fehle. Die vom Auswärtigen Amt angeführten Probleme will sie nicht gelten lassen. „Personal zu rekrutieren ist die ureigenste Aufgabe einer Behörde“, sagt sie. „Es kann nicht sein, dass Menschen ihr Leben verlieren, nur weil wir unsere Bürokratie nicht in Griff kriegen.“

Chalid Almalki sucht unterdessen nach Möglichkeiten, seine Familie schneller aus Raqqa zu holen. Bei der deutschen Botschaft in Beirut können anerkannte Flüchtlinge seit Kurzem per E-Mail Termine für ihre Familien beantragen. Das gehe schneller als über das bisherige Online-System, über das so gut wie nie Termine zu haben sind, hat Almalki von syrischen Freunden gehört. Vor gut drei Wochen hat er seine Dokumente eingescannt und abgeschickt. Auf eine Antwort wartet er noch immer.

Auch ist offen, wie seine Familie nach Beirut kommen soll. Der Landweg in den Libanon führt mitten durch umkämpftes Gebiet. Almalki hofft deshalb, sich noch mehr Geld von Verwandten und Bekannten leihen zu können, um seiner Familie Tickets von einem Flughafen in der Türkei nach Beirut kaufen zu können. Doch selbst dann blieben mehr Fragen als Lösungen - zum Beispiel, was seine Familie nach der Antragstellung machen soll. Schließlich dauert auch die Bearbeitung der eingereichten Dokumente noch ihre Zeit, zwei bis drei Monate in der Regel. So lange dürften sie nicht im Libanon bleiben.

Trotzdem klammert sich Almalki an die Idee. Bis zum offiziellen Visumstermin im kommenden Jahr will er auf keinen Fall warten. Jeden Tag, zwischen Integrationskurs in der Volkshochschule und lähmender Langweile im Landgasthof, wächst die Angst, dass seine Familie nicht so lange überleben könnte. Seine Frau hat sich sogar schon von ihm verabschiedet, so nahe kamen die Explosionen der Bomben in Raqqa. „Auf Wiedersehen“, las Almalki in seinem Handy. „Du musst wissen, dass wir dich lieben.“

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