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Familien von Flüchtlingen : Die Nächsten im Krieg

Alltag in Raqqa: Kämpfer des IS patrouillieren in den Straßen und überwachen die Einhaltung ihrer Gesetze.

Almalki hoffte, in der Türkei Arbeit zu finden. Er hat im Ausland studiert, ist ein hochspezialisierter Ingenieur. Er spricht Arabisch, Russisch und Englisch. Doch in der Türkei sind inzwischen mehr als eine Million syrischer Flüchtlinge. Ihre Situation ist schwierig, eine Arbeitserlaubnis für sie kaum zu bekommen. Auf keine seiner Bewerbungen erhielt Almalki eine Antwort. Nach ein paar Monaten ging das Geld aus. Zudem warnten ihn Freunde vor IS-Sympathisanten in der Türkei. Da beschloss Almalki, sich auf den Weg nach Deutschland zu machen. Er verkaufte den letzten Schmuck seiner Frau, lieh sich Geld. 7000 Euro sollte ihn die Reise bis München am Ende kosten. Knapp fünf Monate war Almalki unterwegs - in einem Boot über das Meer nach Griechenland, eingesperrt in Auffanglagern, zu Fuß im Schnee durch mazedonische Berge, eingepfercht in Autos, Schlepperbanden und Betrügern ausgeliefert. Immer wieder war er dem Aufgeben nah. Niemals, sagt er, wäre diese Odyssee mit Familie möglich gewesen.

Weil sie sich das Leben in der Türkei nicht mehr leisten konnten, reiste die Frau mit den Töchtern in der Zwischenzeit zurück nach Syrien, nach Raqqa, wo Almalkis betagte Eltern leben. Sie mussten sich schwarze Vollschleier kaufen, nicht einmal die neunjährige Soraya darf ohne einen solchen raus auf die Straße. Ein männlicher Verwandter muss die Frauen immer begleiten. Die Dschihadisten des IS setzen die angeblich islamischen Gesetze ihres Kalifats mit brutaler Gewalt durch. Almalkis Familie fürchtet sich vor ihnen genauso wie vor den Bomben, die schon weite Teile Raqqas verwüstet haben.

Den Visumstermin für seine Familie musste Almalki wie alle Antragsteller in der Türkei bei einem privaten Dienstleister beantragen. Idata heißt der. Ehrenamtlich engagierte Nachbarn im Allgäu halfen ihm dabei. Zwei Wochen lang riefen sie immer wieder bei Idata an. Jedes Mal wurden sie unter Verweis auf „Systemaktualisierungen“ vertröstet. Erst nach mehreren E-Mails und einem drängenden Anruf beim Generalkonsulat kamen sie durch - und mussten gleich einmal eine Kreditkartennummer angeben. Fünf Euro kostet die Terminbeantragung pro Person. „Es gibt so viele Kleinigkeiten, die große Probleme machen können“, sagt Merle Neubauer, die seit August 2014 in einer Rechtsanwaltskanzlei in Ankara arbeitet und dort Syrer und Iraker bei der Visumsbeantragung unterstützt. „Viele Flüchtlinge scheitern schon daran.“

Trotz aller Hürden steigt die Zahl der Anträge auf Familiennachzug immer weiter, die die deutschen Vertretungen bearbeiten müssen. Seit 2012 hat sich die Zahl der Anträge in der Türkei laut Auswärtigem Amt fast verdoppelt. Mehr als 10.000 Termine müssen die drei Visastellen in Ankara, Istanbul und Izmir bis Anfang 2016 abarbeiten. Und ständig kommen neue hinzu.

Als Reaktion auf den Ansturm hat das Auswärtige Amt die Zahl der Mitarbeiter in den Konsularabteilungen in der Türkei seit Herbst 2012 um rund 25 erhöht. Visaschalter sind im Schichtbetrieb besetzt, Überstunden Alltag. Außerdem werde laufend Verstärkung aus Berlin und anderen Auslandsvertretungen entsandt, heißt es. Doch die Prüfung der notwendigen Dokumente - Aufenthaltstitel des Angehörigen in Deutschland, Reisepass, Ehe- beziehungsweise Geburtsurkunde - ist schwierig, da sie in der Regel auf Arabisch sind oder im Krieg vernichtet wurden. Daher reichen all die Maßnahmen bei weitem nicht aus. Die Wartezeiten haben sich nicht verringert. Im Gegenteil: Seit vergangenem Sommer, sagt Merle Neubauer, seien sie von etwa drei auf mehr als zehn Monate gestiegen.

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