https://www.faz.net/-gpf-87bmp

Kommentar : Wir schaffen das!

Flüchtlinge werden nach ihrer Ankunft in Rosenheim kontrolliert. Bild: dpa

Die Zuwanderung stellt die Fähigkeiten jedes Einzelnen auf die Probe. Solange kein Weg gefunden wird, die innerdeutschen Probleme abzustellen, werden sich auch die europäischen Partner weigern, mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Diskutieren Sie mit unserem Autor.

          1 Min.

          Den vielen Beamten, Sozialarbeitern und Ehrenamtlichen, die seit Monaten „an der Front“ stehen und Einwanderer versorgen, wird es zwar eine Genugtuung gewesen sein, dass ihnen die Kanzlerin am Montag Mut zusprach und beteuerte: „Wir schaffen das.“ Dazu gehörte auch, dass sie Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit gegen Anfeindungen und Hasstiraden in Schutz nahm. Aber auf ein Zeichen der großen Koalition, dass sie ein Mittel gefunden hat, die Schwierigkeiten abzustellen, auf die schon vor Monaten hingewiesen wurde, müssen Länder und Kommunen wohl mindestens noch bis Ende September warten. Wir schaffen das, werden sich deshalb die Städte sagen. Aber ob es endlich auch die Koalition schafft?

          Zur innerdeutschen Debatte sprach Merkel ein wohltuendes Machtwort: Was trägt es zur Krisenbewältigung bei, wenn sich Regierungschefs darüber streiten, welcher Teil Deutschlands ausländerfeindlicher ist als andere? Nichts. Sie sollten sich lieber den sattsam bekannten Schwachstellen der Asylpolitik widmen. Auch von Merkel gab es dazu allerdings nichts Neues. Die größte dieser Schwachstellen ist nach wie vor die Erstaufnahme. Solange es Bund und Ländern nicht gelingt, das Asylverfahren hier abzuschließen und nur solche Flüchtlinge in die Kommunen weiterzuleiten, die wirklich Flüchtlinge sind, wird auf unzumutbare Weise improvisiert. Nur wenn die Erstaufnahme dem Andrang gerecht wird, lassen sich Wohnungsfrage, Arbeitsmarkt und Ausbildung in akzeptable Bahnen lenken. Aber auch so wartet auf die Deutschen eine menschliche, wirtschaftliche und kulturelle Herausforderung, die nicht nur die Fähigkeiten des Staates, sondern jedes Einzelnen auf die Probe stellt.

          Wir schaffen das - während die Bundeskanzlerin auf diese Weise eine schier grenzenlose Aufnahmewilligkeit Deutschlands betont, gehen andere EU-Länder, von Großbritannien bis Ungarn, aus welchen innenpolitischen Gründen auch immer, ganz andere Wege. Der Zaun, den Ungarn zu Serbien errichtet hat, ist dafür zum Symbol geworden. Er ist nicht der eiserne Vorhang, zu dem er gemacht wird, sondern allenfalls der Limes, der dazu dient, der Erstaufnahme Herr zu werden - und damit ein Symbol für die Frage an Deutschland: Wenn nicht einmal die Deutschen zurechtkommen, warum sollten dann wir? Solange die Deutschen darauf keine Antwort haben, wird es aus der EU heißen: Ihr schafft das, wir nicht.

          Was folgt aus der Flüchtlingskrise? Lesen Sie unsere Debatte in der Desktop-Version von FAZ.NET.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Mundschutzpflicht in Supermärkten nicht nötig Video-Seite öffnen

          Robert Koch Institut : Mundschutzpflicht in Supermärkten nicht nötig

          Lothar Wieler sieht derzeit keine Notwendigkeit für eine Mundschutzpflicht beim Einkaufen. Eine solche Pflicht existiert bereits in Österreich. Für Infizierte könne ein Mundschutz dagegen sinnvoll sein, so der RKI-Präsident.

          Topmeldungen

          Ein Transportflugzeug mit medizinischer Ausrüstung aus der Tschechischen Republik wird auf dem Militärflughafen von Torrejon de Ardoz entladen.

          EU antwortet nicht : Die Nato kommt Spanien und Italien zur Hilfe

          Die EU-Staaten haben sie bislang vergeblich um Hilfe durch den sogenannten Zivilschutzmechanismus gebeten. In der Allianz ist die Solidarität für Spanien und Italien offenbar größer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.