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Flüchtlinge sprechen über Köln : „Es war wie auf dem Viehmarkt“

Bild: F.A.Z.

Sie kamen aus unterschiedlichen Richtungen und unterschiedlichen Ländern. Dann wurden sie Teil der schockierenden Ereignisse in Köln. Auf FAZ.NET erzählen vier Flüchtlinge von der Silvesternacht, die Deutschland polarisiert.

          5 Min.

          Als Asad Noori noch mit seinem Bruder in einer Flüchtlingsunterkunft in Bocholt lebte, schauten sie sich manchmal Bilder der Stadt Köln an. Da wussten sie schon, dass sie kurz darauf an den Rhein verlegt werden sollten. Bei Google tippten sie „Köln“ ein, sahen die große Kirche, den großen Fluss, die große Brücke und den großen Bahnhof. Der Bahnhof war auch der Ort, den sie als erstes von der Stadt zu sehen bekamen. Von dort aus fuhren sie zu ihrer neuen Notunterkunft in den Kölner Norden, 20 Minuten mit der Straßenbahn und dann noch ein Stück zu Fuß. Dort leben sie nun mit 200 weiteren Flüchtlingen in der Turnhalle einer Gesamtschule. Andere, die schon länger dort waren, schwärmten von Silvester. Wieder suchte Noori im Internet: „Köln, Silvester“. „Das Feuerwerk über der Kirche war einfach wunderschön.“ Die beiden jungen Männer, die in Afghanistan geboren und aus dem Iran geflohen sind, beschlossen: Das müssen wir auch sehen, wenn wir schon in Deutschland, in Köln sind.

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Um 20 Uhr stiegen sie am Silvestertag in die Straßenbahn. Überall knallte und donnerte es um sie herum. Als sie am Hauptbahnhof ankamen, war es sehr voll. „Viel voller als sonst“, sagt Noori. Sie fahren oft in das Stadtzentrum, um mal rauszukommen aus der Turnhalle, vor allem aber, um einen Zugang ins Internet zu haben. Den gibt es in ihrer Flüchtlingsunterkunft nicht. „Die Stimmung war gereizt, ein paar Männer hatten Flaschen in der Hand“, sagt Noori. Es waren vor allem Syrer und Marokkaner. Auch mit etwas Distanz erkenne er das, dass es viele Menschen aus Ländern gewesen seien, mit denen er in Unterkünften gelebt habe. Er erkannte Wortfetzen, lautes Gepöbel. „Die waren schon total durchgedreht, nicht auf eine feiernde Art. Einfach nur gefährlich“, sagt Noori. Auf dem Bahnhofsvorplatz standen er, sein Bruder und zwei Freunde erst einmal herum. „Wir waren ja eigentlich viel zu früh“, sagt er. Alkohol hatten sie keinen getrunken, sagen sie.

          Die Flüchtlinge freuten sich auf ihr erstes Silvester in Köln, auf das Feuerwerk am Dom.
          Die Flüchtlinge freuten sich auf ihr erstes Silvester in Köln, auf das Feuerwerk am Dom. : Bild: AFP

          „Es war wie auf dem Viehmarkt“

          Nachdem sie durch die Stadt gelaufen waren, standen sie etwas später, so um halb zehn Uhr, vor dem Kölner Dom, den Blick auf den Hauptbahnhof gerichtet. Mit dem Handy filmten sie, wie Raketen gezündet wurden. Nicht in den Himmel wurden sie geschossen, sondern auf den Dom und auf die Menschen. Einem aus ihrer Gruppe flog ein Böller zwischen die Füße. „Wieso darf in Deutschland jeder Feuerwerk kaufen und selbst zünden?“, fragt Noori nun. Selbst in Afghanistan sei das verboten und da herrsche Krieg. „Ich habe mich gefragt, wo die Polizei ist. Warum keiner etwas unternimmt“, sagt Shafi, sein Bruder. Die Stimmung kochte immer mehr, es wurde wilder, brutaler.

          Die Gruppe um Noori wollte zum Rhein, der Platz vor dem Dom war ihnen nicht mehr geheuer. Sie nahmen den Weg durch den Bahnhof. „Es war wie auf dem Viehmarkt. Die Männer, die vorher getrunken haben, griffen den Frauen an den Po“, sagt Noori. Frauen hätten sich mit Schlägen gewehrt. Die Polizisten gingen in der Menschenmenge unter. Die Gruppe quetschten sich durch die Menge. „Wir wollten nur rauskommen“, sagt Noori. Auf der Rückseite des Bahnhofs sahen sie junge Männer aus Syrien, aus dem Irak und Marokko, die sich prügelten. „Die wissen nicht, wie man mit Alkohol umgeht“, sagt Noori. „Deutschland muss etwas an den Gesetzen machen“, meint sein Bruder. „Man sollte Alkohol und Feuerwerkskörper nur Menschen geben, die damit auch umgehen können.“ Flüchtlinge gehören aus seiner Sicht nicht dazu.

          Vier Flüchtlinge, die in der Silvesternacht unterwegs waren. Asad Noori (2. v. links) und sein Bruder Shafi (1. v. rechts) sind in Afghanistan geboren und aus dem Iran geflohen.
          Vier Flüchtlinge, die in der Silvesternacht unterwegs waren. Asad Noori (2. v. links) und sein Bruder Shafi (1. v. rechts) sind in Afghanistan geboren und aus dem Iran geflohen. : Bild: Timo Steppat

          Mohamed, ein anderer Flüchtling, war zu dieser Zeit auch am Kölner Hauptbahnhof, auch an der Rückseite. Im Herbst kam der zweiundzwanzigjährige Syrer allein in Deutschland an und lebt jetzt in einer Notunterkunft in Köln. An dem Abend hatte er Alkohol getrunken, das zweite Mal überhaupt. „Bier vor allem“, sagt er. Er war betrunken und legte sich mit anderen an. Sie prügelten sich. Die blauen Flecken an seinem Arm sind noch immer sichtbar. Die Polizei ging einmal dazwischen, gab ihnen Platzverweise. Aber die jungen Männer kamen zurück, sie tranken weiter, sie prügelten sich abermals. Dann soll ein Polizist zu Mohamed gesagt haben: „Noch einmal und ihr müsst ins Gefängnis.“

          Mohamed sah, wie Frauen angegriffen wurden, machte Videos. Mitgemacht habe er nicht. „Wenn ich nicht betrunken gewesen wäre, hätte ich geholfen“, behauptet er. Ein anderer Syrer wurde von der Polizei auf den Boden gedrückt und mit Kabelbindern fixiert. Später wurde er wieder freigelassen. „Die hatten keinen Platz mehr für mich im Gefängnis, hat er zu mir gesagt“, behauptet Mohamed.

          „Ich war undankbar zu Deutschland“

          Es wirkte auf ihn, als seien die Gesetze nicht in Kraft gewesen. „Wir wurden nicht aufgehalten, nicht gestoppt“, sagt er. Als mehr Polizisten hinzukamen, als sie stärker durchgriffen, bekam Mohamed Angst. Da war es erst kurz nach 23 Uhr. Er sei zu diesem Zeitpunkt in die Flüchtlingsunterkunft zurückgefahren, sagt er. Am nächsten Morgen hatte er einen Kater. Beim Frühstück habe er erfahren, was passiert war. Dass Frauen bedrängt und bestohlen wurden, dass es massive Übergriffe und später viele Anzeigen gab. „Ich hatte nichts damit zu tun“, sagt Mohamed nun. „Es tut mir nur so leid“, er schaut betroffen zu Boden. In etwas schiefem Englisch sagt er: „Ich war undankbar zu Deutschland.“

          Es gibt keine Belege für Mohammeds Erzählung. Sein Handy soll ihm in der Nacht gestohlen worden sein, das Video sei weg, sagt er. Er hat von einem anderen gehört, der in der Nacht auch am Hauptbahnhof war. „Einer von denen, die die Frauen angefasst haben.“ Die Polizei soll ihn aus der Unterkunft geholt haben, eine andere als seine. Es gibt viele Gerüchte unter Flüchtlingen darüber, dass die Täter aus anderen Städten wie Duisburg kommen, dass die Polizei Unterkünfte durchsucht haben soll.

          Im Internet hat Mohamed gelesen, dass Deutschland schärfere Strafen gegen kriminelle Ausländer einführen will. Er hat Angst, dass irgendwann die Polizei kommt, dass er bestraft und ausgewiesen wird, deshalb will er auch nicht seinen vollständigen Namen nennen. Dabei hat er, wenn es stimmt, was er sagt, nichts zu befürchten. Andere wiedererkennen, bei der Tätersuche helfen, könne er nicht, behauptet er. „Ich war einfach betrunken und völlig blöde“, sagt er.

          Auch Abdul Mutala wird in der Silvesternacht von einer Rakete getroffen. Der Mann aus Ghana schlägt mit der Faust gegen seine Schulter, macht mit beiden Händen eine Explosion nach. Am Silvesterabend hatten er und seine Freunde beschlossen, in die Altstadt und zum Rhein zu gehen. Doch in der Nacht habe er von den Übergriffen nichts mitbekommen, erst am Morgen habe er davon gehört, sagt Mutala. „Alle haben am nächsten Tag darüber geredet in unserem Heim“, sagt er. Von den Frauen, die sexuell belästigt wurden, von viel Polizei, von der Sperrung des Hauptbahnhofs war die Rede. In den lokalen Medien waren die Übergriffe im Laufe des Neujahrstages ein Thema, erst drei Tage später berichteten arabische und englischsprachige Medien. Warum wussten die Flüchtlinge schon so viel früher als die meisten Kölner Bescheid? Mutala erklärt das so: Viele der Heimbewohner waren selbst am Bahnhof, sie waren Augenzeugen. „Das ist der Ort, den wir alle kennen“, sagt er. „Wenn wir feiern wollen, gehen wir dorthin.“

          Am Montag nach Neujahr liest Mutala auf der Website der Deutschen Welle einen Bericht über die Ereignisse. „Da war mir endgültig klar, dass furchtbare Dinge passiert sind“, sagt er. Er hat selbst Frau und Tochter, Schwestern zudem. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ich tun würde, wenn es ihnen passiert wäre.“ Egal, ob die Täter aus Syrien, Marokko oder dem Irak kommen, „sie müssen ins Gefängnis“, sagt er.

          Sie rechnen damit, dass die Stimmung der Deutschen kippt

          Auch Asad und Shafi Noori sprechen von „schnellen Strafen für die Täter“, Deutschland müsse ein Signal geben. „Wir wollen nicht alle unter Verdacht stehen, weil ein paar Dutzend kriminell sind.“ Die Brüder stehen vor ihrer Flüchtlingsunterkunft im Kölner Norden unter einem Vordach. Es ist kalt und regnet. Trotzdem kommen viele aus dem Camp nach draußen. Eine Menschentraube bildet sich. Ein älterer Mann, der aus Afghanistan kommt, sagt: „Hunderte Frauen werden von Männern angegriffen, denen großzügig Schutz gegeben wird.“ Seine Tochter übersetzt, was er auf Persisch sagt. „Wenn die Deutschen uns jetzt hassen, kann ich das verstehen“, sagt der Mann.

          Inzwischen weiß jeder im Flüchtlingsheim über die Silvesternacht Bescheid. „Wir schämen uns alle“, sagt Shafi Noori. Die Umstehenden nicken. Viele haben damit gerechnet, dass sich die Einstellung der Kölner zu ihnen ändert. Dass sie unter Verdacht stehen würden. „Aber alle sind weiterhin genauso freundlich wie vorher“, sagt Shafi Noori.

          Eigentlich wollten sie in ein paar Wochen zum Karneval gehen, dort mit den Deutschen feiern. Sie stellen sich das Volksfest ähnlich vor wie die Kirmes, auf der sie in Bocholt im vergangenen Jahr waren. Nach der Silvesternacht ist sich Asad Noori nicht mehr sicher. „Vielleicht ist es jetzt gefährlich“, sagt er. „Vielleicht wollen uns die Deutschen aber auch einfach nicht dabei haben.“

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