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Flüchtlinge sprechen über Köln : „Es war wie auf dem Viehmarkt“

Im Internet hat Mohamed gelesen, dass Deutschland schärfere Strafen gegen kriminelle Ausländer einführen will. Er hat Angst, dass irgendwann die Polizei kommt, dass er bestraft und ausgewiesen wird, deshalb will er auch nicht seinen vollständigen Namen nennen. Dabei hat er, wenn es stimmt, was er sagt, nichts zu befürchten. Andere wiedererkennen, bei der Tätersuche helfen, könne er nicht, behauptet er. „Ich war einfach betrunken und völlig blöde“, sagt er.

Auch Abdul Mutala wird in der Silvesternacht von einer Rakete getroffen. Der Mann aus Ghana schlägt mit der Faust gegen seine Schulter, macht mit beiden Händen eine Explosion nach. Am Silvesterabend hatten er und seine Freunde beschlossen, in die Altstadt und zum Rhein zu gehen. Doch in der Nacht habe er von den Übergriffen nichts mitbekommen, erst am Morgen habe er davon gehört, sagt Mutala. „Alle haben am nächsten Tag darüber geredet in unserem Heim“, sagt er. Von den Frauen, die sexuell belästigt wurden, von viel Polizei, von der Sperrung des Hauptbahnhofs war die Rede. In den lokalen Medien waren die Übergriffe im Laufe des Neujahrstages ein Thema, erst drei Tage später berichteten arabische und englischsprachige Medien. Warum wussten die Flüchtlinge schon so viel früher als die meisten Kölner Bescheid? Mutala erklärt das so: Viele der Heimbewohner waren selbst am Bahnhof, sie waren Augenzeugen. „Das ist der Ort, den wir alle kennen“, sagt er. „Wenn wir feiern wollen, gehen wir dorthin.“

Am Montag nach Neujahr liest Mutala auf der Website der Deutschen Welle einen Bericht über die Ereignisse. „Da war mir endgültig klar, dass furchtbare Dinge passiert sind“, sagt er. Er hat selbst Frau und Tochter, Schwestern zudem. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, was ich tun würde, wenn es ihnen passiert wäre.“ Egal, ob die Täter aus Syrien, Marokko oder dem Irak kommen, „sie müssen ins Gefängnis“, sagt er.

Sie rechnen damit, dass die Stimmung der Deutschen kippt

Auch Asad und Shafi Noori sprechen von „schnellen Strafen für die Täter“, Deutschland müsse ein Signal geben. „Wir wollen nicht alle unter Verdacht stehen, weil ein paar Dutzend kriminell sind.“ Die Brüder stehen vor ihrer Flüchtlingsunterkunft im Kölner Norden unter einem Vordach. Es ist kalt und regnet. Trotzdem kommen viele aus dem Camp nach draußen. Eine Menschentraube bildet sich. Ein älterer Mann, der aus Afghanistan kommt, sagt: „Hunderte Frauen werden von Männern angegriffen, denen großzügig Schutz gegeben wird.“ Seine Tochter übersetzt, was er auf Persisch sagt. „Wenn die Deutschen uns jetzt hassen, kann ich das verstehen“, sagt der Mann.

Inzwischen weiß jeder im Flüchtlingsheim über die Silvesternacht Bescheid. „Wir schämen uns alle“, sagt Shafi Noori. Die Umstehenden nicken. Viele haben damit gerechnet, dass sich die Einstellung der Kölner zu ihnen ändert. Dass sie unter Verdacht stehen würden. „Aber alle sind weiterhin genauso freundlich wie vorher“, sagt Shafi Noori.

Eigentlich wollten sie in ein paar Wochen zum Karneval gehen, dort mit den Deutschen feiern. Sie stellen sich das Volksfest ähnlich vor wie die Kirmes, auf der sie in Bocholt im vergangenen Jahr waren. Nach der Silvesternacht ist sich Asad Noori nicht mehr sicher. „Vielleicht ist es jetzt gefährlich“, sagt er. „Vielleicht wollen uns die Deutschen aber auch einfach nicht dabei haben.“

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