https://www.faz.net/-gpf-8d40m

Flüchtlinge in Köln : Flirten ja, Grapschen nein

Das geht gar nicht: Eine Overheadfolie erläutert, was die Narren nicht dürfen. Bild: Max Zimmermann/ Repro Edgar Schoepal

In Köln bringt ein Sozialarbeiter Neuankömmlingen die Grundregeln der närrischen Zeit bei. Auch nach den Übergriffen der Silvesternacht vertraut er auf die Kraft des Schunkelns.

          Um kurz vor 10 Uhr tigert Peter Schmitz im Foyer des Internationalen Caritas-Zentrums in Köln-Sülz auf und ab. Es sind nicht die vielen Kamerateams, die Schmitz nervös machen. Der Sozialarbeiter hat mittlerweile eine bemerkenswerter Routine darin, Interviews zu geben. Die „Tagesschau“ ist da, der WDR, RTL. Sogar ein arabischsprachiges Team der „Deutschen Welle“ ist gekommen, um über Schmitz’ Idee zu berichten: Gleich wird im Saal nebenan der „Karneval für Anfänger“ beginnen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Es ist eine Mischung aus Karnevalssitzung und Karnevals-Unterrichtsstunde für Neu-Kölner und Flüchtlinge. Schmitz trägt ein rot-weißes Ringelhemd und eine offene Anzugweste. Der Karnevalsorden vor seinem Bauch baumelt mächtig hin und her, weil Schmitz auf- und abgeht beim Reden. Was Schmitz nervös macht: Die Musik fehlt noch. „Ohne Musik, keine Stimmung. Ohne Stimmung kein Karneval. Und ohne Karneval keine Integration.“ Ja, Schmitz ist überzeugt: „Integration geht in Köln ohne Karneval einfach nicht.“

          Schmitz arbeitet seit Jahren im Internationalen Caritas-Zentrum, das in Köln-Sülz an die Gemeinde Sankt Karl Borromäus angegliedert ist. Wie in vielen Wohlfahrtseinrichtungen in Deutschland steht auch im Kölner Zentrum in Zeiten der Massenzuwanderung die soziale und berufliche Integration von Flüchtlingen im Mittelpunkt. Schmitz selbst hat vor einigen Wochen die Leitung eines Flüchtlingsheims der Caritas übernommen. Und weil er ein eingefleischter Karnevalist ist, kam ihm die Idee für seine närrische Unterrichtsstunde für „Immis“, wie in Köln liebevoll alle Neuankömmlinge genannt werden, egal, woher sie stammen.

          „Karneval ist die pure Lebensfreude und urkatholisch“

          Schon am 11.11. hielt Schmitz seine erste Unterrichtsstunde ab. Damals kamen 120 Neu-Kölner. „Meine Aufgabe ist es, Menschen in Köln zu integrieren“, sagt der Sozialarbeiter. Und das sei schlechterdings unmöglich, ohne den Neuankömmlingen den Karneval zu erklären. „Die müssen das hinterher auch gar nicht unbedingt mögen. Aber irgendeiner muss ihnen erklären, was da eigentlich passiert.“ Der angenehme Nebeneffekt für Schmitz: Er kommt zu seiner eigenen kleinen, aber feinen Festsitzung, deren Präsident natürlich niemand anderes als er selbst ist. „Karneval ist die pure Lebensfreude und urkatholisch, obendrein“, sagt Schmitz.

          Dann treffen endlich auch die buntkostümierten Musikanten der Blaskapelle Vill Brass ein, und mit ihnen strömt der erste Pulk Neu-Kölner in den Festsaal unter Sankt Karl Borromäus. Vera Lorenz, die an der Volkshochschule einen Integrationskurs gibt, hat ihre ganze Klasse mitgebracht. Lorenz geht als Kölnisch-Wasser-Flasche. Ihre Schüler sind Cowboys oder Katzen. Die aus der Türkei stammende Büsra, die sonst Kopftuch trägt, hat sich heute eine schrille blonde Langhaar-Perücke übergezogen.

          So viel hat Büsra schon im Integrationskurs gelernt: Karneval ist für alle ein launiger Rollentausch. Die beiden Iranerinnen Ava und Sahar haben sich als Mäuschen verkleidet. Lehrerin Lorenz sagt, ihre Schüler seien ja alle wirklich sehr wissbegierig. Die beiden Iranerinnen aber seien ganz besonders interessiert. Nun also Karneval.

          Lektion zwei: Schunkeln

          Bis auf den letzten Platz ist der Saal mittlerweile gefüllt. Aufmerksam verfolgen Kamerateams und Fotografen vom Rand das närrische Integrationstreiben. Als die Band eingezogen ist, schaltet Schmitz den Projektor ein. „Wie man sich begrüßt – 3 × Kölle alaaf“, steht auf der Leinwand. „Alaaf“ ist ein wunderbar dialektischer Hochruf. Denn eigentlich lassen die Kölner damit ihre Stadt gar nicht hochleben. Heribert Hilgers, der vor vier Jahren gestorbene Altmeister der kölnischen Sprache, schreibt in seinem Standardwerk „Alaaf“, dass der kölsche Hochruf, „alles abwärts, alles (andere) nieder“ bedeutet.

          Weitere Themen

          Gabriel übernimmt Vorsitz von Merz

          Atlantik-Brücke : Gabriel übernimmt Vorsitz von Merz

          Nach zehn Jahren an der Spitze des Vereins zur Pflege der deutsch-amerikanischen Beziehungen macht Merz den Weg für den ehemaligen Außenminister frei. Gabriel will dem Verhältnis nun neue Impulse geben.

          Schroff und höchst loyal

          Trumps neue Sprecherin : Schroff und höchst loyal

          Donald Trump macht Stephanie Grisham, die Stimme der First Lady, zu seiner Sprecherin. Sie wird auch Chefin für strategische Kommunikation – eine machtvolle Position.

          Merkel stellt sich den Fragen der Abgeordneten Video-Seite öffnen

          Fragestunde im Bundestag : Merkel stellt sich den Fragen der Abgeordneten

          Bei ihrem letzten großen Auftritt vor der Sommerpause hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel im Bundestag den Fragen der Abgeordneten gestellt. Dabei stellt sie klar, dass eine globalisierte Weltordnung eine Wahrnehmung der Interessen anderer Staaten erfordere.

          Topmeldungen

          Der Fall Lübcke : Wie ein Bumerang

          In Wiesbaden und Berlin bestimmt der Fall Stephan E. die Tagesordnungen. Nicht nur die Frage nach dessen Bezügen zum NSU ist noch zu klären. Die Grünen beklagen eine „eklatante Analyseschwäche“ des Verfassungsschutzes.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.