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Einwanderungsdebatte : Warum Sachsen?

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Tiefempfundenes Fremdheitsgefühl im eigenen Land

Stattdessen scheint sie in den Augen mancher nur noch damit beschäftigt, sich um Asylbewerber zu kümmern. Diese völlige Fehlwahrnehmung korrigiert aber niemand, keiner zieht eine klare Grenze, niemand fängt den Frust auf. Die Bindekraft der Familie ist nur noch gering; die von Vereinen, sofern es sie mangels Nachwuchs noch gibt, schwindet, die von zivilgesellschaftlichen Institutionen wie Kirchen, Verbänden und Parteien ist, anders als im Westen, kaum vorhanden.

Hinzu kommt: Dem Land wurden – so die gängige Empfindung – Ämter, Gerichte, Kammern und große Teile der Verwaltung übergestülpt und sind bis heute an ihren Spitzen nahezu komplett mit Westdeutschen besetzt. Auch von ihnen bleiben viele unter sich oder pendeln zwischen dem Wohnort im Westen und dem Dienstsitz im Osten. Das führt gerade bei Sachsen, die mit ihrem Land ähnlich fest verwurzelt sind wie sonst nur die Bayern, zu einem tiefempfundenen Fremdheitsgefühl im eigenen Land. Fremd nicht wegen der Ausländer oder gar Muslime, die es hier bekanntlich kaum gibt, fremd vielmehr, weil sie auf etwas, mit dem sie täglich zu tun haben, praktisch keinen Einfluss hatten oder haben.

Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa hat jüngst in dieser Zeitung formuliert, was auf Sachsen wohl noch mehr zutrifft als auf den Rest der Republik: Asylbewerber und Flüchtlinge bildeten eine Projektionsfläche für die gebrochene Resonanzachse zwischen etablierter Politik und Institutionen auf der einen Seite sowie auf der anderen Seite weiten Teilen der Bevölkerung, die sich zurückgelassen fühlen. Das Problem seien dann nicht die Asylbewerber; das Problem liege vielmehr darin, dass die Politik der Bevölkerung nicht mehr zu antworten scheint.

Berichterstattung der Medien aufgebauscht?

Die Wahlbeteiligung von unter 50 Prozent bei der vergangenen Landtagswahl zeigt das. Es war ein Hilferuf, „von denen da oben“ wahrgenommen zu werden. Das wiederum geschieht erst, so die Erfahrung, wenn man gegen Fremde demonstriert oder aber sich nicht dagegen wehrt, wenn es andere tun. Das ist ein eklatantes Versagen von Politik wie von den Bürgern selbst. AfD und Pegida kochen darauf ihr Süppchen. Letztere etwa verschafft ihren Teilnehmern so montags ein lange nicht gekanntes Gemeinschaftsgefühl.

Zweifellos hat Pegida in Sachsen eine fremdenfeindliche Stimmung angeheizt. Seitdem wird nicht nur im Internet unverhohlen gegen Fremde gehetzt, auch in der Öffentlichkeit werden Dinge gesagt, die früher allenfalls hinter vorgehaltener Hand geäußert worden sind. Je häufiger das jedoch unwidersprochen hingenommen und kaum strafrechtlich verfolgt wird, umso selbstverständlicher scheint es, und umso leichter verlieren tatsächlich Rechtsextreme letzte Hemmungen und greifen Flüchtlingsunterkünfte an.

Freital : Flüchtlinge fürchten Gewalt in Sachsen

Hinzu kommt die Rolle der Medien, deren Berichte über den Rechtsextremismus in Sachsen seit dem Totalversagen im Fall Sebnitz zumindest für aufgebauscht gehalten werden. Zugleich registriert man empört, wenn etwa Anschläge auf Asylbewerberunterkünfte in Bayern oder Schleswig-Holstein nicht eine ähnliche mediale Resonanz erreichen, ganz zu schweigen vom Protest etwa in Hamburg-Bergedorf, wo Asylgegner den Schutz einer Schneckenart gegen ein Flüchtlingsheim ins Feld führten, oder in Stuttgart-Hattenbühl, wo Anwohner Schadenersatz forderten, sollte in ihrer Nähe eine Flüchtlingsunterkunft entstehen. Auch das sind Gründe, sich zu schämen. Nur dürfen sie nicht eine Ausrede dafür sein, in Sachsen keine Haltung zu zeigen.

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