https://www.faz.net/-gpf-87crj

Flüchtlinge in München : Ein freundliches, fröhliches Durcheinander

  • -Aktualisiert am

Am Hauptbahnhof in München werden Hunderte Flüchtlinge von der Polizei und vielen freiwilligen Helfern empfangen. Bild: dpa

„No Hungary“: Bei ihrer Ankunft in Deutschland erzählen Flüchtlinge, wie schlecht sie in Ungarn behandelt worden seien. Am Hauptbahnhof in München werden sie von der Polizei und hunderten freiwilligen Helfern empfangen.

          Da sind diese zwei Wörter, die ganz ähnlich klingen und die Hussein nicht mehr hören mag: hungry und Hungary. Hungrig war er sehr oft in den letzten Monaten, nach seiner Flucht aus dem Irak, der Reise über die Türkei, immer über den Landweg, plötzlich war er in Athen, mal mit dem Bus, mal mit dem Auto, die Erinnerung beim Erzählen verschwimmt und die Details gehen verloren im Sprachgewirr. Der junge Mann Ende 20 spricht kaum Englisch, kein Wort Deutsch außer „Danke“, doch wenn er das zweite Wort hört, „Hungary“, also Ungarn, dann reißt er die Augen auf und gestikuliert. Geschlagen hätten sie ihn und seine vier Freunde, ebenfalls Flüchtlinge, junge Männer, die sich auf der Reise kennengelernt haben und die zusammenhalten, auch jetzt in Deutschland. Sie sprechen die gleiche Sprache, im fremden Land geben sie sich gegenseitig ein wenig Halt.

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

           „Dublin Dublin“ hätten die Polizisten gerufen und dann je nach Antwort „yes or no“ - zugeschlagen. Yusef zeigt seine Ferse, eine Handschelle hätten sie ihm um seine Knöchel gelegt, sagt er. Die Wunde ist dürftig mit einem Pflaster überklebt. „No Hungary“, sagen er und Hussein im Chor.

          Ankunft am Hauptbahnhof München Bilderstrecke

          Nein, nach Ungarn will Hussein niemals zurück. Er steht vor dem Münchener Hauptbahnhof, trägt ein geringeltes T-Shirt und eine weiße Kappe auf dem Kopf, die ihm ein Helfer als Schutz gegen die Sonne gegeben hat. In Plastiktüten haben sie etwas Obst und Brot eingepackt, hier seien alle sehr nett, sagt Hussein. Dann kommt eine Polizistin und führt sie zu einem Bus. Der fährt nach Straubing zu einer Erstaufnahme, wo die Flüchtlinge dann registriert werden.

          Am Hauptbahnhof hat die Registrierung an diesem Dienstag niemand geschafft. 1900 Flüchtlinge sind seit Mitternacht in München angekommen. Zwischen 100 und 200 Polizisten vom Land und der Bundespolizei haben sie empfangen, untersucht und versorgt.

          Doch auch mehrere hundert Helfer sind gekommen, sie haben Brot mitgebracht, Obst und Hygieneartikel. Martina Kastner, 24 Jahre alt und Masterstudentin in München, hat auf der Facebook-Seite „Hilfe für Flüchtlinge in München“ gelesen, dass noch einiges gebraucht werde. Also ist sie einkaufen gegangen und danach einfach am Bahnhof geblieben, um noch mitzuhelfen. Gemeinsam mit einer anderen Freiwilligen packt sie gerade Tüten mit Windeln, Zahnpasta, Seife, Deo – einer Art Startpaket für Frauen. Ein paar Meter weiter haben Helfer aus Umzugskisten und Decken eine Ruhezone für Mütter mit Kindern gebaut, auf Pappschilder haben sie in mehreren Sprachen „Willkommen“ geschrieben. Die meisten der Helfer sind spontan gekommen. Es herrscht ein freundliches, fröhliches Durcheinander.

          Mal bringen die Helfer die Lebensmittel in die Bahnhofshalle, weil es aussieht, als finge es an zu regnen, dann schaffen sie alles wieder hinaus, weil die Polizei den Platz für neu ankommende Flüchtlinge braucht. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) sagt dann auch, dass die Freiwilligen ihre Hilfe doch bitte streuen mögen. Für heute seien mehr als genug Spenden vorhanden, sogar einen Kühlcontainer habe man besorgen müssen, damit die Getränke und das Obst noch frisch bleiben. „Das ist sensationell, was hier passiert“, sagt Reiter.

          Am Nachmittag sind dann sogar zeitweise mehr Helfer als Flüchtlinge auf dem Platz hinter dem Bahnhof. Doch schon für den Abend werden wieder neue Züge erwartet. Voll mit Menschen, die den Hunger satt haben und nicht mehr zurück wollen nach Ungarn.

          Weitere Themen

          Kein Weg führt nach Utopia

          Ágnes Heller über Freiheit : Kein Weg führt nach Utopia

          Freiheit ist das Signum der Moderne. Aber auf den faktischen Gebrauch dieser Möglichkeit der Wahl kommt es an für das soziale und politische Leben heute: Diese Rede schrieb die ungarische Philosophin Ágnes Heller kurz vor ihrem Tod.

          Topmeldungen

          AKK in Jordanien : Eine Ministerin lässt sich beeindrucken

          Annegret Kramp-Karrenbauer besucht die Tornado-Flieger in der jordanischen Wüste. Dabei betritt die Verteidigungsministerin eine Welt, die fern vom deutschen Alltag liegt – und doch eine ganze Menge mit ihm zu tun hat.

          Sicherer Finanzplatz gesucht : Peking plant Alternative zum umkämpften Hongkong

          Angesichts fast täglicher Demonstrationen steigt die Angst vor einem wirtschaftlichen Einbruch Hongkongs. Chinas Regierung will daher Shenzhen zum neuen internationalen Finanzplatz ausbauen, um Investoren nach Festlandchina zu locken.

          Innenminister Salvini : Geschwächt, nicht geschlagen

          Innenminister Matteo Salvini geht es nicht um die Sache, sondern um die Macht. Mag sein, dass er sich über- und seine Gegner unterschätzt hat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.