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Flüchtlinge in Deutschland : In einem Land endlicher Möglichkeiten

  • -Aktualisiert am

Protest: Flüchtlinge demonstrieren in Berlin für eine Arbeitserlaubnis Bild: dapd

Die Einschränkungen, denen junge Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt unterliegen, sind weniger geworden. Aber wer davon profitieren will, braucht Glück, Engagement - und gute Berater.

          6 Min.

          Karim Ibrahim* sitzt auf einem neuen Sofa im genau so neuen Friedberger Quartiersmanagement-Büro. Er spricht leise, nuschelt beinahe und dreht in seinen Händen eine Teetasse hin und her. Zehn Jahre sei er jetzt in Deutschland. Einen Hauptschulabschluss habe er gemacht, auch ein bisschen als Küchenhilfe gearbeitet. Eigentlich wolle er Lokführer werden: „Aber die erlauben das nicht.“ „Die“ ist die Ausländerbehörde. Ibrahim ist Mitte zwanzig und Flüchtling. Er kam als Jugendlicher ins Land, spricht Deutsch, hat deutsche Freunde und fühlt sich in Deutschland zu Hause. Aber sein Asylantrag wurde vor Jahren abgelehnt. Er erhielt eine Duldung - und Arbeitsverbot.

          Rund 87.000 geduldete Flüchtlinge lebten nach Angaben der Bundesregierung Ende 2011 in Deutschland. „Geduldet“ heißt ausreisepflichtig - die Betroffenen haben kein Aufenthaltsrecht. Sie werden geduldet, weil sie aus praktischen Gründen nicht ausreisen können, etwa, weil die Situation in ihrem Heimatland eine Rückkehr aus humanitären Gründen verbietet oder weil sie keine Papiere haben, mit denen sie in ihr Heimatland einreisen könnten. Mehr als die Hälfte der Geduldeten lebt schon fünf Jahre oder länger in Deutschland. Weil sie aber eigentlich kein Recht haben, hier zu sein, und die Behörden davon ausgehen, dass sie jederzeit abgeschoben werden können, unterliegen sie Beschränkungen am Arbeitsmarkt, die es ihnen schwermachen, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

          Neben dem absoluten Arbeitsverbot, das für ein Jahr nach der Ankunft gilt, ist die sogenannte Vorrangprüfung für arbeitswillige Flüchtlinge eine hohe Hürde: Bevor ein Arbeitgeber einen Flüchtling einstellen darf, muss er nachweisen, dass kein Deutscher oder EU-Bürger die Anforderungen für die Arbeitsstelle erfüllt. Wenige sind bereit, sich diesem aufwendigen Prozess zu unterziehen. Deswegen haben Flüchtlinge innerhalb der ersten vier Jahre nur geringe Chancen auf eine Stelle.

          Die Beamten fanden seine Geschichte nicht glaubwürdig

          Diese Regeln werden langsam gelockert: Das Arbeitsverbot gilt künftig nur noch für neun Monate, die Vorrangprüfung für drei Jahre, seit Anfang 2009 haben junge geduldete Flüchtlinge während der Ausbildung Anspruch auf Unterstützung nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög). Doch die Privilegien gelten nur, wenn die Ausländerbehörde zustimmt, und deren Entscheidung ist vom Einzelfall abhängig. Karim Ibrahim war sie nicht gewogen.

          Die Gründe dafür sind nicht mehr genau herauszubekommen, aber die Vermutung liegt nahe, dass die fehlenden Details in seiner Fluchtgeschichte bei der Entscheidung eine Rolle gespielt haben. Ibrahim erzählt, er stamme ursprünglich aus Rafah, seine Familie sei im Gazastreifen umgekommen. Er erinnert sich nicht mehr, was genau passiert ist oder wann. Er sei zu der Zeit „bei einem Onkel“ gewesen. Konnte er dort nicht bleiben? Er weicht aus, erzählt stattdessen, wie er mit dem Schiff nach Beirut gefahren und dort in einer Moschee untergekommen sei, wo man ihm Papiere besorgt und ihn nach Deutschland geschickt habe. Die Papiere habe sein Begleiter nach der Ankunft wieder mitgenommen. An mehr mag er sich nicht erinnern. Erst, als er über sein Leben in Deutschland berichtet, wird die Erzählung genauer.

          Den Mitarbeitern in der Auffangstelle am Frankfurter Flughafen erzählte Ibrahim, er sei volljährig. „Ich wollte arbeiten und nicht in die Schule geschickt werden“, sagt er. Sein Vater habe zu Hause „in Palästina“ einen kleinen Laden betrieben, da habe er mitgeholfen und sich um seine Geschwister gekümmert, er sei viel zu alt gewesen für die Schule. Die deutschen Behörden sahen das anders: Nach zwei Monaten am Flughafen brachte man Ibrahim ins Kinderheim nach Höchst. Sein Asylantrag wurde abgelehnt; die Beamten fanden seine Geschichte nicht glaubwürdig. Doch ohne Papiere keine Abschiebung: Als er volljährig war, durfte Ibrahim in Friedberg in eine eigene Wohnung ziehen. Da hatte er gerade einen Hauptschulabschluss gemacht.

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