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Flüchtlinge aus Syrien : Die ersten Schritte

  • -Aktualisiert am

Kulturelle Orientierung: Farid Marma mit Sohn im Gespräch Bild: Schmitt, Felix

Deutschland nimmt Flüchtlinge aus Syrien auf. Um sie auf das Leben hier vorzubereiten, verbringen sie die ersten zwei Wochen in einem Auffanglager. Zum Beispiel in Friedland.

          5 Min.

          Am Bahnhof Friedland steht ein Mann mit Schatten um die Augen. Der Mann ist 29 Jahre alt. Er war in einem früheren Leben Elektrotechniker in Damaskus. Neben ihm stehen zwei andere Männer aus Syrien. Sie schauen sich vorsichtig um. Nach Göttingen wollen sie, Mobiltelefone und Sim-Karten kaufen, um die Verwandten in der Heimat zu erreichen. Aber wie der Fahrkartenautomat funktioniert, verstehen sie ebenso wenig wie die Hinweisschilder am Bahnsteig. Später werden sie durch die Straßen irren auf der Suche nach einem Technikgeschäft. Erste Schritte auf fremdem Terrain.

          Julian Staib
          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Die Bundesregierung hat sich bereit erklärt, 5000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen, die nach der Flucht aus Syrien zunächst in Beirut im Libanon lebten. „Urban Refugees“, werden sie von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) genannt. Sie erhalten eine auf zwei Jahre befristete Aufenthaltsgenehmigung, dürfen in Deutschland arbeiten, erhalten Sozialleistungen. Jüngst wurden die ersten 107 Personen von insgesamt 5000 nach Deutschland geflogen. Die anderen folgen in den kommenden Monaten: Immer ein Flugzeug voll mit Flüchtlingen, die dann für zwei Wochen in den Auffanglagern Friedland und Bramsche auf den Aufenthalt in Deutschland vorbereitet werden. Dann verteilt sie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) auf die einzelnen Bundesländer.

          Hoffnung auf eine gute Zukunft

          „Das BAMF hat eine Verteilungsentscheidung getroffen“, steht auf dem Zettel, den Mounir Alhajjar in der Hand hält. „Sie werden verteilt nach Niedersachsen.“ Weiter in Handschrift: „Isernhagen.“

          Alhajjar, Schnauzbart, kurze graumelierte Haare, braunes Hemd, steht auf dem Gelände des Auffanglagers Friedland und hat keine Ahnung, wo Isernhagen ist. Seine Frau im schwarzen Kleid und mit schwarzem Kopftuch und seine zwei ältesten Söhne stehen neben ihm, hören zu und sagen nichts. Sie sind Sunniten und stammen aus Damaskus. Neun Monate haben sie in Beirut gelebt. Alhajjar spricht ruhig, beinahe emotionslos. „Wir hoffen, dass die Kinder eine gute Zukunft in Deutschland haben werden“, sagt er.

          Die Familie läuft in Richtung der Baracke, in der ihr Zimmer liegt. Entlang der evangelischen Lagerkapelle, dann unter dem Kirchturm der katholischen Kirche Sankt Norbert hindurch, vorbei am Büro des katholischen Lagerseelsorgers. Am Rande ihres Weges steht ein Mann. Große Brille, hellblaues Hemd, Krawatte. Vor ihm ein Klapptisch voller Bücher. Die Bibel. Auf Deutsch, Russisch und Arabisch. „Jesus gibt Leben, unvergängliches Leben. Das wünsche ich ihnen“, sagt der Mann. Er will der Familie eine Bibel schenken. Sie lehnt höflich ab.

          Flüchtlingsunterkunft für mehr als vier Millionen Menschen

          Deutschland, müssen die syrischen Flüchtlinge wohl denken, ist ein sehr religiöses Land. Im Grenzdurchgangslager Friedland, das an der Heimkehrerstraße liegt, läuten jede Viertelstunde die Glocken. Auch in den Lagerbaracken sind sie zu hören, in den langgezogenen Gebäuden, die da in Reih und Glied stehen. Von außen mit weißen Platten verschalt, innen jeweils rund zwanzig kleine Zimmer mit zwei oder drei Doppelstockbetten, eine gemeinsame Küche für alle. Hinweisschilder auf Deutsch und Russisch, arabische Schriftzeichen hat später jemand von Hand darunter geschrieben.

          Seit der Gründung des Grenzdurchgangslagers 1945 haben hier mehr als vier Millionen Menschen Unterkunft gefunden. Früher waren es Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten, später heimkehrende Kriegsgefangene und dann Spätaussiedler, von denen noch immer einige kommen. Seit 2011 werden auch Asylbewerber aufgenommen. 450 aus rund zehn Nationen leben momentan hier, die größte Gruppe sind die Syrer. Hinzu kommen nun die Kontingentflüchtlinge.

          Deren Aufnahme nennt man beim Bundesinnenministerium (BMI) eine „humanitären Aktion“. Reicht diese Form der Barmherzigkeit? Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) gibt es mehr sechs Millionen syrische Flüchtlinge; rund zwei Millionen davon haben sich in anderen Ländern in Sicherheit gebracht, 730000 Flüchtlinge sollen sich allein im Libanon aufhalten. Und Deutschland rettet ein Dorf. Immerhin, sagen manche. Schließlich tun andere Länder gar nichts. Viel zu wenig, meinen Grüne und SPD.

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