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Flucht vor der Zwangsheirat : Hanifes Abschied für immer

  • -Aktualisiert am

Nur nicht genau hinsehen: Blick in ein türkisches Brautgeschäft in Duisburg-Marxloh Bild: LAIF

Eine Kurdin flieht vor einer Zwangsheirat aus ihrer Familie. Sie ruft die Polizei an und bittet sie, nichts zu verraten, wenn sie als vermisst gemeldet wird. „Ah, der Klassiker“, sagt der Polizist. Deutsche Behörden wissen noch immer nicht, wie oft dieser „Klassiker“ vorkommt.

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          Hanife sieht die glänzende Klinge noch vor sich. Ihr Vater hatte seine Tochter gepackt und wollte in der Küche der kleinen Wohnung mit dem Brotmesser auf sie einstechen. Vor acht Jahren war das; damals war Hanife 18 Jahre alt und gerade in der 12. Klasse. „Du Hure, du Flittchen! Ich bringe dich um, wenn du keine Jungfrau mehr bist! Und deinen Freund gleich mit!“ Eine ältere Schwester konnte den Vater davon abbringen zuzustechen. An das Argument, mit dem die Schwester den tobenden Vater bremste, erinnert sich Hanife nur zu gut: „Du kämst ins Gefängnis, dein einziger Sohn müsste ohne Vater aufwachsen!“ Dass es Unrecht ist, dass er niemanden töten darf, dass es um seine Tochter geht, all das zählte nicht. Mehr Gewicht hatte das Wohlergehen des einzigen Sohnes, vorletztes von acht Kindern. Eine radikale Lösung eines „Ehrkonfliktes“ hatte es in Hanifes Familie schon einmal gegeben: Ein Bruder der Mutter wurde im kurdischen Heimatdorf erschossen, weil er eine voreheliche Beziehung zu einem jungen Mädchen hatte.

          „Ehrenmorde“ kommen auch in Deutschland vor. Eine Studie des Max-Planck-Instituts für ausländisches und internationales Strafrecht im Auftrag des Bundeskriminalamts (BKA) zählt 78 solcher Fälle in den Jahren 1996 bis 2005. Neuere Zahlen gibt es nicht, da „Ehrenmorde“ in der Polizeistatistik nicht einzeln ausgewiesen werden. Die durchschnittliche Zahl der Ehrenmorde in Deutschland schätzen die Forscher auf zwölf im Jahr - bei etwa 700 Tötungsdelikten insgesamt. Das klingt wenig. Doch der Psychologe Jan Kizilhan, der seit 15 Jahren regelmäßig als Gutachter in „Ehrenmord“-Prozessen an deutschen Gerichten tätig ist, meint, dass längst nicht alle dieser Taten als solche auch erkannt werden. Immer wieder gelinge es Angehörigen, einen Mord zur vermeintlichen Wiederherstellung der verletzten Ehre des Mannes oder der Familie als Selbstmord oder Unglück zu kaschieren: Brände, Autounfälle, Verbrühungen. Manchmal „passierten“ solche Unfälle auch in den Heimatländern, wo man sich vor Verfolgung sicherer fühle, sagt Kizilhan. Deshalb müsse die Zahl, von der das BKA ausgeht, nach oben korrigiert werden.

          „Wo hast du herumgehurt?“

          Achtzig Prozent der „Ehrenmorde“, die die Forscher untersuchten, standen im Zusammenhang mit unerwünschten Liebesbeziehungen - so wie bei Hanife. Andere resultierten daraus, dass sich eine Frau aus einer unerträglichen Beziehung befreien wollte, die das Ergebnis einer arrangierten oder einer Zwangsehe war. Auch hier ist es den deutschen Behörden bislang nicht gelungen, genaue Angaben zu erheben. Wie hoch die Zahl der Zwangsheiraten ist, in die in Deutschland aufgewachsene junge Frauen oder Männer genötigt werden, weiß man deshalb nicht. Das Bundesfamilienministerium nennt in einer Studie aus dem Jahr 2011 nur die Zahl von 3443 Personen, die sich im Jahr 2008 an einschlägige Beratungsstellen wandten. Bei 40 Prozent von ihnen war die Zwangsehe schon vollzogen; 60 Prozent befürchteten ihre Verheiratung in Kürze.

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