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Flucht aus der Türkei : Todesangst wegen einer Unterschrift

Die türkische Flagge über dem niederländischen Konsulat in Istanbul (Archivbild aus dem vergangenen März) Bild: EPA

Die Soziologin Latife Akyüz unterschrieb eine Petition für Frieden mit den Kurden – und musste die Türkei verlassen. Sie lebt und lehrt heute in Frankfurt. Ihre Kollegen stehen in Istanbul vor Gericht.

          4 Min.

          Während ihre Kollegen in Istanbul vor Gericht stehen, sitzt Latife Akyüz in ihrem Büro an der Uni Frankfurt. Ihre Kollegen dürfen das Land nicht verlassen, sie kann gehen, wohin sie will. Vor allem kann sie nachdenken, schreiben und forschen, worüber sie will. Gerade liest sie einen Fachartikel über die Identität von Migranten. Grenzen und Migration sind die Hauptthemen der 43 Jahre alten Soziologin. Jetzt ist sie selbst zur Migrantin geworden. Unfreiwillig.

          Leonie Feuerbach
          Redakteurin in der Politik.

          Alles, was sie getan hat, war, eine politische Petition zu unterschrieben. In der Türkei reichte das schon vor dem gescheiterten Putsch vor eineinhalb Jahren, um Anstellung und Lebensgrundlage zu verlieren. Es reicht sogar, um im Gefängnis zu landen. Insofern hat die Soziologin Glück gehabt. Latife Akyüz, müde, aber freundliche Augen und kurzer roter Schottenrock, sitzt vor leeren Bücherregalen – nach Deutschland konnte sie nicht mehr mitnehmen als eine Handtasche.

          Seit dem 5. Dezember stehen zehn Universitätsmitarbeiter in Istanbul vor Gericht. Den sogenannten „Academics for Peace“ wird terroristische Propaganda vorgeworfen. Sie hatten in einer Petition mit dem Titel  „Wir werden nicht Teil dieses Verbrechens sein“ dazu aufgerufen, den Friedensprozess mit den Kurden wieder aufzunehmen.

          Insgesamt 2112 Wissenschaftler unterzeichneten den Friedensappell. Vier von ihnen stehen schon seit März 2016 wegen terroristischer Propaganda vor Gericht, ihnen drohen bis zu fünf Jahren Haft. Den übrigen wird jetzt nach und nach der Prozess gemacht, Istanbul war der Startpunkt. Latife Akyüz glaubt, dass die türkischen Machthaber einen allzu großen Prozess verhindern wollen – aus Angst vor Solidaritätsbekundungen. Sie selbst rechnet jeden Tag mit einem Schreiben, das sie auffordert, in die Türkei zurückzukehren und vor Gericht zu erscheinen.

          Das wird sie nicht tun. Denn die Justiz in der Türkei ist längst politisch. Und der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat persönlich klar gemacht, dass die Akademiker nicht straffrei davon kommen werden. Nur einen Tag, nachdem Latife Akyüz und mehr als 1000 andere die Petition veröffentlichten, hielt er im nationalen Fernsehen eine Rede. In der brandmarkte er die Wissenschaftler als Verräter und Terroristen.

          Vergewaltigungswünsche und Morddrohungen

          Am selben Tag, dem 12. Januar 2016, begann in der Stadt Düzce, einer mittelgroßen konservativen Stadt zwischen Ankara und Istanbul, eine Hetzkampagne gegen Akyüz.

          Sie saß in ihrem Büro an der Uni Düzce und korrigierte Seminararbeiten, als ein Freund sie anrief: „Da passiert etwas im Internet. Sie hetzen gegen dich. Es scheint ernst zu sein.“ Noch während sie die Links anschaute, die er ihr geschickt hatte, erreichten sie weitere Nachrichten von besorgten Bekannten. In Echtzeit verfolgte sie, wie die Hetze im Netz sich hochschaukelte: Vergewaltigungswünsche, Morddrohungen, Links zum Ort ihres Büros an der Uni.

          Eine Delegation von Akademikern und Menschenrechtsaktivisten aus Deutschland demonstriert am 5. Dezember in Istanbul, wo türkische Akademiker der Gruppe „Academics for Peace“ vor Gericht stehen.
          Eine Delegation von Akademikern und Menschenrechtsaktivisten aus Deutschland demonstriert am 5. Dezember in Istanbul, wo türkische Akademiker der Gruppe „Academics for Peace“ vor Gericht stehen. : Bild: dpa

          „Ich war ein leichtes Ziel“, sagt Latife Akyüz heute: „Die einzige in Düzce, die den Appell unterzeichnet hatte. Und eine Frau.“ Nur einen Tag später, am 13. Januar, entließ sie die Universität. Noch am selben Tag packte sie ein paar Sachen zusammen, brachte ihre Katze zu einer Freundin und floh nach Istanbul.

          Im Sommer 2015 war der Kurdenkonflikt nach einer mehrjährigen Waffenruhe wieder aufgeflammt. Offizieller Auslöser war, dass zwei Polizisten durch die PKK getötet wurden. Latife Akyüz und andere sind überzeugt, dass Erdogan die Eskalation wollte. Bei den Parlamentswahlen 2015 gewann die prokurdische Partei HDP elf Prozent der Stimmen, Erdogans AKP verlor drastisch. Die HDP stellte sich gegen die Einführung eines Präsidialsystems. „Gleich nach der Parlamentswahl hat Erdogan den Friedensprozess gestoppt und kurdische Provinzen attackiert“, sagt Akyüz.

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