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Fitnessapps und Bonuspunkte : Meine Pulsfrequenz gehört mir

Rabatte gegen Gesundheitsdaten: Mit manchen Fitness-Trackern kann man seinen Fitnessstand gleich an die Versicherung weiterleiten. Bild: dpa

Niemand ist gezwungen, bei Versicherern Bonuspunkte zu sammeln. Wer aber nicht auf die Vorteile dieser Angebote verzichten will, muss auch mit den Nachteilen leben. Die Frage ist bloß: Wollen wir so eine Gesellschaft?

          Ein privater Versicherer will vom nächsten Jahr an deutsche Kunden belohnen, die persönliche Daten preisgeben. Zunächst werden Gesundheit und Fitness des Kunden vermessen. Dann steckt er sich Ziele. Der Weg dorthin wird ebenfalls vermessen, dazu dienen auch elektronische Geräte. Die Daten addieren sich zu Bonuspunkten. Die Punkte bringen Geschenke, etwa Rabatte auf Gesundes in der kooperierenden Supermarktkette. Oder Vergünstigungen auf Tarife.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ist das Angebot unmoralisch oder gar böse? Natürlich nicht. Private Versicherer wie die Generali-Gruppe sind Unternehmen, die auf den Markt reagieren. Der Markt aber sind wir. Und wir sind das eigentliche Problem. Niemand ist gezwungen, eine Payback-Karte zu nutzen oder seine Termine in einem Internetkalender zu verwalten. Selbst ein Leben ohne Smartphone ist noch möglich. Wer aber nicht auf die Vorteile dieser Angebote verzichten will, muss auch mit den Nachteilen leben. Zum Beispiel mit dem Gefühl, beobachtet zu werden, weil plötzlich so viel Werbung kommt, die zu den eigenen Vorlieben oder zum Wohnort passt. Oder mit dem vagen Wissen, dass das eigene Verhalten Unternehmen dazu dient, den Konsumenten zu erforschen.

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          Vielen macht das nichts aus, so wie es vielen auch egal ist, dass jeder in sozialen Netzwerken sehen kann, wo sie gerade im Urlaub sind, oder gar, wie die eigenen Kinder aussehen. Auch was Gesundheitsdaten angeht, sind die Deutschen nicht geizig. Ein Drittel nutzt nach einer aktuellen Studie mindestens eine Fitness-App. Oft ist es dabei um den Datenschutz schlechter bestellt als bei dem geplanten Programm der Generali-Gruppe. Denn die muss sich auf dem deutschen Markt an deutsches Recht halten, und das ist streng. Die Versicherung erfährt angeblich nur, wie viele Punkte ein Teilnehmer gesammelt hat. Daten zu Körperfunktionen, Essverhalten oder Sport landen nach den Angaben des Konzerns nicht beim Versicherer selbst, der bei dem Programm mit einem südafrikanischen Dienstleister zusammenarbeitet.

          Versicherer beobachten den Datenmarkt

          Ähnliches verlautete diese Woche von der AOK Nordost, die den Kauf von Fitness-Geräten wie der Apple-Watch mit bis zu 50 Euro bezuschussen will, wenn Versicherte Bonuspunkte sammeln. Die Krankenkasse erfährt nicht, was der Versicherte mit der Uhr macht. Das Angebot unterscheidet sich ohnehin von dem des privaten Mitbewerbers, weil es lediglich das seit den neunziger Jahren bei vielen Kassen übliche Bonusprogramm auf Fitness-Elektronik als Belohnung ausdehnt.

          Fest steht aber: Die gesamte Branche beobachtet den Datenmarkt sehr wachsam. Axa und Allianz verneinen zwar, derzeit an ähnlichen Programmen wie Generali zu arbeiten, aber sie schließen das für die Zukunft nicht aus. Es heißt, bei diesem Thema würden im Moment ja irgendwie alle noch üben, die Diskussion heize jedenfalls die Branche zurzeit an. Die Zielgruppe jedenfalls ist da. Auch bei früheren Bonusprogrammen spielte der Mitnahmeeffekt eine große Rolle. Wer ohnehin ein Bändchen trägt, würde dafür dann auch einen besseren Tarif bekommen.

          Krankheit als selbstverschuldetes Scheitern?

          Die Frage ist bloß: Wollen wir so eine Gesellschaft? In der jene profitieren, die sich vermessen lassen, die Gesundheit für quantifizierbar halten, die Daten preisgeben, weil sie „nichts zu verbergen haben“? Das Wort von der Solidargemeinschaft ist altmodisch. Aber auch das sind wir noch: eine Gemeinschaft, in der die Starken den Schwachen helfen, den wirklich Kranken. Es darf nicht geschehen, dass Krankheit als selbstverschuldetes Scheitern von Leuten begriffen wird, die es versäumt haben, ihre Fitness-Ziele zu erfüllen.

          Zum Glück sind wir davon weit entfernt. Aber wir sollten es im Kopf behalten. Genauso wie die Tatsache, dass wir Individuen sind, nicht ein Heer berechenbarer Wesen. Das Individuelle lässt sich nicht aus Pulswerten, Kalorienzahlen und erklommenen Treppenstufen ermitteln. Dieses Bewusstsein darf nicht verlorengehen. Dafür tragen nicht Versicherer die Verantwortung, sondern wir.

          Wer sich von zu viel Bonusquatsch kurieren möchte, sollte sich das Vitality-Programm im Internet ansehen, das der südafrikanische Dienstleister Discovery schon in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Asien und Australien unter die Leute gebracht hat. Es kommt nun auch nach Deutschland. Die südafrikanische Werbung dafür ist ziemlich grässlich: In einem Film begleitet der Betrachter eine Zeichentrickfrau zu ihrem besseren Ich. Den Weg zu Fitness und Jugend säumen die Markennamen aller, deren Prämien die Frau begeistert nutzt – um den Preis ihrer Daten. Ein anderes Video auf der Seite richtet sich nicht an Versicherer, sondern an Arbeitgeber. Denen schlägt das Dienstleistungsunternehmen vor, die Mitarbeiter mit Bändchen zu versehen und zu vermessen. Zum Wohle aller?

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