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Festnahme : 25 Jahre alte Studentin soll linksextremistische Gruppe anführen

Soll Anführerin einer linksextremistischen Gruppe sein: Lina E. am Freitag Bild: EPA

Die Bundesanwaltschaft lässt eine Linksextremistin aus Leipzig festnehmen. Lina E. ist erst 25 Jahre alt und Studentin. Ihre Aktionen aber sollen gewalttätig gewesen sein.

          3 Min.

          Lina E. gilt den Sicherheitsbehörden als Anführerin einer linksextremistischen Gruppe, der rund zehn Personen angehören sollen. Die 25 Jahre alte Studentin wurde am Donnerstag im Leipziger Stadtteil Connewitz von Beamten des Landeskriminalamts Sachsen festgenommen. Ihre Wohnung und die Wohnungen zweier weiterer mutmaßlicher Mitglieder der Gruppe wurden durchsucht. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hatte das Vorgehen veranlasst. Sie wirft Lina E. vor, Mitglied in einer linksextremistischen kriminellen Vereinigung zu sein. Das Register an Straftaten, das ihr vorgehalten wird, reicht zudem von gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung und besonders schwerem Hausfriedensbruch über räuberischen Diebstahl bis zur Urkundenfälschung.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Die Gruppe, die seit Anfang 2019 besteht und höchst konspirativ agieren soll, hat sich offenbar darauf spezialisiert, vermeintliche oder tatsächliche Mitglieder der rechtsextremistischen Szene auszumachen und anzugreifen. Sie gilt damit als ein Beispiel für eine neue Tendenz klandestin operierender Kleinstgruppen im linksextremistischen Spektrum, die gezielt Gewalt gegen Personen anwenden und damit den früheren Konsens der Szene aufgegeben haben, Gewalt nur gegen Sachen anzuwenden. Lina E., die im September 2019 zur Gruppe stieß, soll bei verschiedenen Anschlägen das Kommando geführt haben.

          Gewalt „zunehmend personenorientierter“

          Konkret wirft die Bundesanwaltschaft der Studentin vor, im Oktober 2019 mit anderen eine Kneipe im thüringischen Eisenach überfallen zu haben, die als Treffpunkt der rechtsextremistischen Szene galt. Damals hatten zehn bis 15 Personen mit Reizgas, Schlagstöcken und Faustschlägen die in der Gaststätte Anwesenden attackiert, sechs Personen wurden verletzt. Mitte Dezember 2019 verübten Lina E. und weitere Mittäter einen Überfall auf den Betreiber der Kneipe. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft setzte Lina E. Reizgas gegen den Mann ein, während Mittäter mit Schlagstöcken, einem Hammer, einem Radschlüssel und Stangen auf ihn und infolge auch auf seine Begleiter einschlugen. Sie sollen dann im Fahrzeug von Lina E. geflohen sein, an dem zuvor gestohlene Kennzeichen angebracht waren. Zudem wirft die Bundesanwaltschaft Lina E. vor, für einen Anschlag die Wohnung eines potentiellen Opfers in Leipzig ausgespäht zu haben. Dabei soll es sich nach Angaben aus Sicherheitskreisen um einen in der Stadt bekannten Rechtsextremisten gehandelt haben.

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          Der Gruppe, deren Mitglieder wie Lina E. um die Mitte 20 sind, wird von den Ermittlern ein hohes Mobilisierungspotential in der linksextremistischen Szene zugesprochen. Verbindungen reichten nach Berlin und Thüringen, etwa nach Weimar und Eisenach.

          Die Festnahme von Lina E. und die Ermittlungen gegen die Leipziger Gruppe stehen in Zusammenhang mit einer Entwicklung in der linksextremistischen Szene, die das Bundesamt für Verfassungsschutz in einer aktuellen Veröffentlichung auf seiner Internetseite beschreibt. Danach wird linksextremistische Gewalt „zunehmend aggressiver, gezielter, enthemmter und personenorientierter“. Scheinbare „rote Linien“, die bisher aus der Einsicht gezogen worden seien, dass Gewaltanwendung vermittelbar sein müsse, würden zunehmender überschritten. „Linksextremistische Taten werden professioneller durchgeführt, gewalttätiger und personenorientierter.“ Insbesondere in Berlin, Hamburg und Sachsen, aber auch in Bayern, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Thüringen gebe es Anhaltspunkte dafür, dass sich ein kleiner Teil der Szene radikalisiere.

          „Vor allem in Leipzig erreicht die gewaltorientierte linksextremistische Szene durch von ihr verübte Straf- und Gewalttaten eine neue Eskalationsstufe.“ In der Vergangenheit habe sich linksextremistische Gewalt vor allem in Form von Massenmilitanz etwa bei Demonstrationen gezeigt. Das habe in letzter Zeit stark abgenommen. Als Reaktion darauf konzentrierten sich kleine Gruppen gewaltbereiter Linksextremisten auf gezielte Aktionen, die vom Rest der Szene isoliert geplant würden

          Wichtige Rolle bei der Radikalisierung

          Bei diesen Angriffen würden nicht mehr vorrangig Institutionen attackiert, „sondern Opfer werden gezielt ausgesucht und in ihrem persönlichen Rückzugsraum angegriffen“. Ziel sei in den meisten Fällen Einschüchterung – nicht nur der angegriffenen Person, sondern auch des Umfelds oder der Gruppierung, die sie aus linksextremistischer Sicht repräsentiert. Auch „im Kampf gegen tatsächliche oder nur als solche ausgemachte Rechtsextremisten zeugen die Taten von einer gewachsenen Gewaltbereitschaft“. Schwere Körperverletzungen der Opfer „bis hin zum möglichen Tod“ würden billigend in Kauf genommen.

          Bei der Radikalisierung im gewaltbereiten linksextremistischen Milieu komme Sachsen mit der Leipziger Szene eine besondere Rolle zu. Allerdings handele auch die dortige linksextremistische Szene „nicht autark, sondern verfügt über eine bundesweite Strahlkraft und Verbindungen zumindest nach Berlin, Hamburg und Hessen“.

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