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Festakt in Trier : „Marx ist wieder in“

Der berühmteste Sohn Triers als Bronzestatue, 2,3 Tonnen schwer und 4,40 Meter hoch Bild: dpa

Trier feiert den 200. Geburtstag seines berühmtesten Sohns. Doch der Streit, wie man mit Marx, seinem politischen Erbe und der chinesischen Riesen-Statue umgehen soll, treibt nicht nur die Stadt weiter um.

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          Auf die Frage, wie die Stadt mit ihrem berühmten Sohn am besten umgehen soll, hat Brigitte Biertz eine klare Antwort. Kürzlich wurde ein kleiner Platz in der Nähe umgestaltet, ein paar Parkplätze kamen weg, ein paar Bänke kamen hin, den könne man doch nach Karl Marx benennen. „Offiziell heißt er nicht so, aber viele Trierer nennen ihn schon Karl-Marx-Platz“, sagt Biertz. Daran hat die Anwohnerin, wie sie sagt, einigen Anteil – seit einer Weile schon wirbt sie in sozialen Netzwerken für das Projekt. Doch die Stadtverwaltung stelle sich quer, klagt sie. Es gebe ja schon eine Karl-Marx-Straße in Trier, entgegne man dann, es dürfe nicht eine Straße und einen Platz mit gleichem Namen geben und eigentlich sei der Platz – eher eine Kreuzung – ohnehin zu klein, um eigens benannt zu werden. „Drei unsinnige Gründe“, sagt Biertz. Sie ist sich sicher: Irgendwann hat der Platz, der nur wenige Meter neben dem Geburtshaus des weltbekannten Philosophen liegt, einen eigenen Namen. Und nicht bloß irgendeinen.

          Kim Björn Becker
          Redakteur in der Politik.
          Mona Jaeger
          Stellvertretende verantwortliche Redakteurin für Nachrichten und Politik Online.

          Ein paar Meter weiter hat Kurt Beck, der frühere Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und derzeitige Vorsitzende der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, vor der Tür des Geburtshauses von Karl Marx Position bezogen. Die Partei hat das Gebäude in den zwanziger Jahren gekauft und nach dem Krieg der Stiftung übertragen. Zum 200. Geburtstag wurden am Samstag in Trier gleich vier Ausstellungen zum Leben und Werk von Karl Marx eröffnet, darunter die neue Dauerausstellung im Geburtshaus. Beck schwärmt vom „Millioneninvestment“, das die Stiftung in Trier eingegangen sei, das Ergebnis sei „richtig gut geworden“.

          Doch es bleibt nicht bei einer sprachlichen Girlande. Wichtig sei, dass nicht verschwiegen werde, was im Namen von Marx nach dessen Tod geschehen sei, sagt Beck und erwähnt die Gräuel Stalins und die Verfolgung von Andersdenkenden in der ehemaligen DDR. Doch die Forderung der Konservativen an die Adresse der SPD, man müsse Marx endlich vom Sockel holen, sei eine Belehrung, die man nicht brauche, poltert Beck. „Das nehmen wir nicht unwidersprochen hin.“

          Danach tritt Malu Dreyer (SPD) ans Mikrofon, die derzeitige Ministerpräsidentin in Mainz. Sie lebt seit vielen Jahren in Trier und ist mit dem früheren Oberbürgermeister der Stadt, Klaus Jensen, verheiratet. „Wie streitbar Marx ist, erleben wir in Trier seit einiger Zeit“, sagt Dreyer. Man könne ihm die späteren Gräueltaten der Sozialisten genauso wenig zuschreiben wie man ihn zum Heiligen machen könne. Dreyer muss sich da mit ihrer Stimme bereits gegen die linken Demonstranten durchsetzen, die sich gut hundert Meter weiter hinter einer Polizeiabsperrung aufgebaut haben. Der Redner der Linken spricht die üblichen Forderungen ins Megafon, Überwindung des Kapitalismus, sozialistische Revolution. Auf einem Transparent geißeln die Demonstranten die „sozialdemokratische Vereinnahmung von Karl Marx durch die Ebert-Stiftung“, Motto: „Ich bin Kommunist, holt mich hier raus!“

          Etwas später am Tag am anderen Ende der Trierer Innenstadt. Ein paar Meter abseits der großen Touristenströme ist der Protagonist des Tages noch unter einem roten Tuch verborgen. Die Volksrepublik China, die sich sogar in ihrer Verfassung auf die Ideen des Marxismus beruft, hat der Stadt eine überlebensgroße Bronzestatue anlässlich des runden Geburtstags geschenkt. Schon das Angebot hat heftige Diskussionen ausgelöst, denn der Umgang Triers mit seinem berühmten Sohn war noch nie sonderlich entspannt. Am Ende verständigte sich der Stadtrat auf einen Kompromiss: Man nimmt das Geschenk Pekings an, doch der fünfeinhalb Meter hohe und mehr als zwei Tonnen schwere Bronze-Marx, geschaffen vom chinesischen Künstler Wu Weishan, wird nicht auf einem der großen vorzeigbaren Plätze aufgestellt, sondern ein paar Meter daneben. Die Figur, die am Samstag enthüllt wird, blickt nun auf eine Bushaltestelle und hinüber zu einem Sushi-Restaurant.

          „Geste der Freundschaft Chinas“

          Am Fuß des weithin sichtbaren Riesen-Marx steht nun Wolfram Leibe, der amtierende Trierer Oberbürgermeister. Auch er muss sich gegen die Demonstranten behaupten, die Linken warten mit „Halt's Maul“-Rufen auf, die Rechten mit Trillerpfeifen. Ein Großaufgebot der Polizei hält die Gruppen auseinander. Leibe berichtet von den langen Debatten zum Umgang mit dem ungeliebten Geschenk und dem Votum des Stadtrats vor gut einem Jahr, 33 Mitglieder waren für die Skulptur, zehn dagegen, vier enthielten sich. Manche Leute, sagt Leibe, wollten die schwierigen und komplexen Figuren der Geschichte ja lieber in den Wald stellen. Doch Trier müsse seinen Marx nicht verstecken. So solle man auch das Geschenk als eine „Geste der Freundschaft Chinas“ deuten.

          Der chinesische Künstler Wu Weishan, der die Marx-Statue geschaffen hat Bilderstrecke
          Der chinesische Künstler Wu Weishan, der die Marx-Statue geschaffen hat :

          Dass die Volksrepublik damit eigene Interessen verfolgt, lässt Leibe in Gegenwart des chinesischen Botschafters, der aus Berlin nach Trier gekommen ist, unerwähnt. Der Botschafter wiederum, Shi Mingde, tritt wenig später selbst ans Mikrofon und preist den wirtschaftlichen Aufstieg seines Landes in den zurückliegenden Jahren. Zuletzt habe sein Land fast ein Drittel zum weltweiten Wirtschaftswachstum beigetragen, referiert Shi und fügt hinzu: „Das ist auch Karl Marx zu verdanken.“ Viele im Publikum verziehen bei dem Satz die Gesichter. Auch wenn sich die Volksrepublik nach außen hin gerne noch immer mit dem Sozialismus und Marxismus gemein macht, ihren Aufstieg hat sie seit der wirtschaftlichen Öffnung durch Deng Xiaoping Ende der siebziger Jahre vor allem der marktwirtschaftlichen Logik zu verdanken – und gerade diese Logik war es, die Marx in seinen Theorien zu überwinden versuchte.

          „Marx ist wieder in“

          Am Nachmittag geht es wieder zurück ans andere Ende der Stadt, die Spitzen der deutschen Sozialdemokratie treffen sich im Trierer Theater. Zu der Veranstaltung erscheinen neben Dreyer die Parteivorsitzende Andrea Nahles, Bundesjustizministerin Katarina Barley, die ihren Wahlkreis in Trier hat, und abermals Kurt Beck. Nahles dankt allen, die das Werk von Marx wieder zugänglicher gemacht hätten. „Marx ist wieder in. Und das ist auch gut so.“ 30 Jahre nach Ende des Kalten Krieges sei es nun wieder möglich, über Marx offener zu diskutieren. Was Marx beschrieben habe, könne nun auch beim digitalen Kapitalismus beobachtet werden. Die wichtigsten heutigen Produktionsmittel seien nicht mehr Maschinen, sondern Daten. Wie man eine moderne solidarische Marktwirtschaft gestalten könne, sei die Frage.

          Auch der Autor Jürgen Neffe spricht über Marx' Bedeutung für die Gegenwart. Die Missstände, die Marx beschrieben habe, ließen sich auch heute noch vielfach beobachten. „Datenvampire“ führten zu einer Entfremdung des Menschen von den Dingen, die ihm eigentlich nützen sollten. Neffe schließt mit einem Appell an die SPD, deren Mitglied er vor kurzem geworden ist, und die sich gerade einen umfassenden Erneuerungsprozess verordnet hat: Die SPD dürfe nicht nur um sich selbst kreisen, sondern müsse sich auch wieder stärker öffnen.

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