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Vor Stichwahl um SPD-Vorsitz : Einblick ins Seelenleben der Partei

Duell der aussichtsreichsten Paare im Ringen um den SPD-Vorsitz: Klara Geywitz und Olaf Scholz, Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken (von links nach rechts) Bild: EPA

Bald wird die SPD eine neue Doppelspitze haben. Im Fernsehduell machten beide Finalistenpaare Scholz/Geywitz und Esken/Walter-Borjans Boden gut.

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          Soviel ist wenigstens sicher: Auch wenn es sehr lange gedauert hat, wird die SPD bald zwei neue Vorsitzende haben und die Chance bekommen, weniger über Personen und mehr über Innen-, Außen- und Sozialpolitik diskutieren zu können. Aber sie bekommt eben nur die Chance dazu, denn was überhaupt nicht sicher scheint, ist die Antwort auf die Frage, wie geschlossen die SPD aus dem Kandidaten-Casting hervorgehen wird. Das wird vom Ergebnis abhängen, das Olaf Scholz und Klara Geywitz auf der einen, und Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken auf der anderen Seite bekommen werden. Es wird aber auch der Ton entscheidend sein, der zunehmend schärfer wird. Trauriger Höhepunkt war bislang die Bemerkung des Schatzmeisters der brandenburgischen SPD. Der sagte, Geywitz könnte „von der zwischenmenschlichen Wärme her auch eine 10.000er-Geflügelfarm leiten”.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Am Montagabend wurde Geywitz auf diese unfreundlichen Worte ihres Parteifreunds angesprochen. Schon seit etwa einer Stunde hatten sie, Scholz und das konkurrierende Duo sich den Fragen der beiden Moderatoren und des Publikums bei dem letzten offiziellen Aufeinandertreffen in Duell-Formation gestellt. Geywitz sagte mit ernster Miene, dass sie die Aussage des brandenburgischen SPD-Kollegen getroffen habe. Sie habe mehrere Hühnerzüchter in der Familie. Sie wisse, dass Hühner sehr sensibel seien, und man gut mit ihnen umgehen müsse. Das war eine ziemlich schlagfertige, auch witzige Retourkutsche. Es war auch ein bisschen überraschend, denn es ist schon so, dass Geywitz mit ihren Aussagen vor allem auf den Verstand zielt - ohne damit irgendeine Aussage über ihre Herzenswärme machen zu können. Aber man lernte Geywitz an diesem Abend, der vom Fernsehsender Phoenix und dem “Redaktionsnetzwerk Deutschland” veranstaltet wurde, von ihrer ironischen, schlagfertigen Seite kennen. Scholz schaute dabei ganz versonnen zu seine Teampartnerin. Der gelang es, glaubhaft als Feministin aufzutreten, unumwunden aber Scholz die Kanzlerkandidatur zu überlassen. Das muss man erstmal hinbekommen. Der Eindruck verfestigt sich, dass zwischen Scholz und Geywitz kein Blatt Papier passt. Geywitz wird sich am Ende des Abends sogar wie eine Löwenmutter vor Scholz werfen. Aber bis dahin musste sich die Debatte erstmal etwas hochschaukeln.

          Gute Fragen des Publikums

          Die beiden Moderatoren hatten zu Anfang der zweistündigen Fragerunde das Ziel ausgegeben, Fragen zu stellen, die die Kandidaten noch nicht allzu oft gehört haben. Es ist ihnen gelungen. Auch das Publikum stellte einfache, naheliegende und gute Fragen. Etwa: Wie wollen die Kandidaten Wähler mobilisieren, wenn bei der ersten Runde der Vorsitzendenwahl nur gut 50 Prozent der SPD-Mitglieder mitgemacht haben? Darauf hatte keiner der Vieren eine schlüssige Antwort. Gleich zu Anfang wurden die Kandidaten zu einem Thema gefragt, das bei den über Wochen stattfindenden Regionalkonferenzen fast nie vorkam: die Flüchtlingspolitik. Was Geywitz vom Flüchtlingsabkommen mit der Türkei halte? Schwierig, man müsse die Fluchtursachen bekämpfen. Und warum Esken gegen das “Geordnete Rückkehr”-Gesetz gestimmt habe? Weil es Rechte beschneide. Scholz schüttelt den Kopf. Die Fraktion habe das Gesetz mehrheitlich beschlossen - soll heißen: So schlecht kann es nicht sein.

          Nachdem Scholz bei dem letzten Aufeinandertreffen seine Angriffslust entdeckt hatte, gab er sich am Montagabend versöhnend und integrierend. Dem Nordrhein-Westfalen Walter-Borjans klaute er sogar den Wuppertaler Johannes Rau, indem er ihn zitierte mit dem Worten, er wolle “versöhnen statt spalten”. Walter-Borjans, der beim vergangenen Duell nicht besonders gut wegkam, nutzte die Chance nicht, um seinerseits aufs Temperament zu drücken. Er wirkte fast ein bisschen betrübt, Scholz dagegen heiter. Mit unermüdlicher Freude zählte er die Verdienste der großen Koalition – und damit seiner Ministerschaft – auf: Geld fürs Klima, für die Bahn, für Schulgebäude, und, als “riesigen Erfolg”, die Grundrente. Walter-Borjans und Esken, von diesem sozialdemokratischen Themenpaket an die Wand gedrückt, konnten wiederum zu recht darauf verweisen, dass nichts davon die Umfragewerte der SPD steigen ließ. Die beiden zeigten sich in der Vergangenheit uneinig, was Tempo und Nachdruck beim Ausstieg aus der großen Koalition angeht. Offenbar ist nun ihre Linie, Nachverhandlungen des Koalitionsvertrags zu fordern. Die CDU müsse sich nun bewegen, sagte Esken. Liegt das Schicksal der großen Koalition also doch in den Händen der Union, nicht in denen der SPD? Auf die Nachfrage des Moderators legte sich Esken etwas hektisch fest: Wenn die Union keine Nachverhandlung zulasse, sei Schluss.

          Einen Einblick ins Seelenleben der Partei bot dann das emotionale Finale. Auch wenn Walter-Borjans versicherte, Scholz sei ein wichtiger Genosse, den er bei einem eigenen Sieg eng einbinden wolle, griff er ihn doch einmal hart an und der Eindruck entstand, Scholz sei Teil des großen SPD-Problems. Nun hörte Scholz das in den vergangenen Wochen ständig, er hätte vielleicht gar nicht darauf reagiert. Aber Geywitz tat es dafür umso energischer. Immer noch mit ernster Miene, aber sehr bestimmt. Scholz habe Wahlen gewonnen, sei erfolgreicher Minister, da sei es ja wohl eine Frechheit, ihn als Teil des Problems darzustellen. Dann wird Geywitz grundsätzlich: Sie habe als Ostdeutsche zwei Systeme erlebt, drei Währungen, sie habe ein großes Bedürfnis nach Stabilität. Und viele Leute würden auch von der SPD Verlässlichkeit erwarten. Das war womöglich ihr Appell an die bisher schweigende Mitgliedermasse, die vielleicht bei der entscheidenden Runde der Vorsitzendenwahl doch wieder Anteil nehmen mag am Schicksal ihrer Partei.

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