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Feminismus : Alice und der wunde Punkt

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Alice Schwarzer: „Ich gönne Frau Schröder ihr Alter, ihr Hübschsein, ihre Karriere von Herzen” Bild: dpa

Alice Schwarzer verhöhnte die junge Familienministerin als „hoffnungslosen Fall“ und „schlicht ungeeignet“, sie reproduziere Stammtisch-Parolen aus den Siebzigern. Dabei hat Kristina Schröder ganz einfach ihren wunden Punkt getroffen. Und darum wurde Alice Schwarzer persönlich.

          Sechs Lesben wanderten durchs Fichtelgebirge. Als es Abend wurde, kehrten sie in einen Gasthof ein. Die Wirtin hieß Altnödel und bot zwei Dreibettzimmer an, aber die Frauen bestanden auf drei Doppelzimmern. Wenige Minuten später klopfte Altnödel an der Zimmertür: Sie habe es sich anders überlegt, sie möchte die Frauen doch nicht im Haus haben. Eine davon war Alice Schwarzer, sie fuhr die Wirtin an, wie sie dazu komme, sie rauszuschmeißen. Die Wirtin druckste herum, brachte den Grund nicht heraus. Das werde Konsequenzen haben, fauchte Schwarzer, sie sei Journalistin. Dann zogen die sechs ab und suchten sich in der Dunkelheit eine neue Bleibe.

          Das war im Sommer 1975, die sexuelle Revolution war da im Fichtelgebirge noch nicht angekommen. Gegen die homophobe Wirtin unternahm Schwarzer anschließend nichts. Eine weitere Beteiligte berichtet, dass sie noch lange danach Angst hatte, mit einer Frau aus einem Lokal oder Hotel rausgeschmissen zu werden. Und Schwarzer, die in diesen Dingen nie über sich selbst sprach, schrieb nur über Homosexualität im Allgemeinen in einem ihrer Bücher: "Und dann ist da auch noch die Scham, diese im tiefsten Inneren empfundene ,Schande'." Inzwischen zeigt sich die Frau, die Sexualität zum Politikum erklärte, dann und wann in Köln mit ihrer Partnerin, einer Fotografin. Öffentlich geoutet hat sie sich aber nie.

          In dieser Hinsicht ist die Zeit stehengeblieben. Vierzig Jahre nach dem Beginn der Frauenbewegung feuert Schwarzer immer noch Schüsse auf Wirtinnen und andere Widersacherinnen ab. Zuletzt traf es Familienministerin Kristina Schröder. Schwarzer verbarrikadiert sich im Kölner "Emanzenturm", einem mittelalterlichen Wehrturm am Rhein. Hier sitzt die "Emma"-Redaktion seit 1994. Die Festung wurde mit Steuergeldern renoviert, über die kommerzielle Nutzung durch die Redaktion gab es damals Streit, heute verliert niemand mehr ein Wort darüber. Im fünften Stock hat Schwarzer ein feministisches Archiv einrichten lassen, für die Gemeinnützigkeit. Wer sich dort von den Mitarbeiterinnen, die zufällig alle lila gekleidet sind, frühe "Emma"-Ausgaben bringen lässt, stößt schon in der dritten Ausgabe aus dem Jahr 1977 auf ein Editorial Schwarzers mit der Überschrift "Penetration". Ein Wort, das sie als Synonym für den Geschlechtsverkehr einführte.

          Kristina Schröder findet Schwarzers Thesen „absurd”

          Von der Frauenbewegung zur Lesbenbewegung

          "Der Koitus verdammt die Frau zur Passivität und ist so für Männer die unkomplizierteste und bequemste Sexualpraktik. Beine breit machen genügt." Schwarzer weiß: "Die psychologische Bedeutung dieses in sich gewaltsamen Aktes des Eindringens ist für Männer (und Frauen) sicherlich von Bedeutung. Bumsen - wie es so traurig treffend heißt - als höchste Demonstration männlicher Herrschaft und weiblicher Unterordnung." Nur der Mythos von der zentralen Bedeutung des Koitus sichere den Männern das Sexmonopol, "denn penetrieren können nur sie. Das ist der kleine Unterschied. Der ,vaginale Orgasmus' ist eine Erfindung der Männergesellschaft." Sexuelle Befreiung, so Schwarzer, bedeute für die meisten Frauen Selbstbesinnung. Und das heiße zunächst einmal Verweigerung, gegebenenfalls zeitweilige Asexualität.

          Genau das hat Kristina Schröder im "Spiegel"-Interview aufgegriffen: Es sei absurd, etwas, das für den Fortbestand der Menschheit grundlegend sei, per se als Unterwerfung zu definieren. Und dass eine radikale Strömung von Feministinnen "die Lösung darin sah, lesbisch zu sein".

          Claudia Pinl, eine "Emma"-Frau der ersten Stunde, mit kurzen Haaren, roter Brille und regenbogenbuntem Schal, erzählt in einer Kölner Bar bei einem "Jever Fun" davon, wie die Frauenbewegung zur Lesbenbewegung wurde. "Man unterschied zwischen Urlesben und Bewegungslesben." Letztere hatten sich erst durch sexuelle Befreiung auf die andere Seite geschlagen, forderten dafür aber umso hartnäckiger Lesbianismus als letzte Konsequenz des radikalen Feminismus. "Ich fand's ein bisschen anmaßend von den Bewegungslesben, wie sie aus ihrer neugefundenen Lebensart gleich eine politische Strategie ableiteten", kommentiert Pinl, die sich selbst zu den Urlesben zählt. In ihrem Buch "Klatschmohn" hat sie, alias Julia Bähr, geschildert, wie sie Schwarzer und deren damalige hochgewachsene, schwarzhaarige Gefährtin in Berlin besuchte. Schwarzer habe "Avocados mit wohlschmeckender Soße" serviert, während die andere Frau stundenlang afrikanische Trommeln bearbeitete.

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