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Feige zu Abendmahl-Streit : „Das Kirchenbild mancher Kritiker erinnert mich an die DDR“

Alles in allem erwecken solche Äußerungen den Anschein, als seien sich beide Gruppen in der Sache näher, als sie sich manchmal geben. Täuscht dieser Eindruck?

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die unterschiedlichen Sichtweisen Ausdruck unterschiedlicher Kirchenbilder sind. Das hat auch mit Macht zu tun.

Mit Macht?

Einige wollen um jeden Preis ein System aufrechterhalten, in dem das Lehramt beziehungsweise die Bischöfe die Regeln aufstellen. Abweichungen werden entweder geduldet, solange sie das System nicht in Frage stellen, oder sollen als Gnadenakt wahrgenommen werden. Wir hingegen setzen letztlich auf einen geistlichen Weg und die Gewissensentscheidung des Einzelnen. Da wird Macht abgegeben. Das wollen wohl manche nicht, vielleicht, weil sie einem vorkonziliaren Kirchenbild verhaftet sind.

Was ist ein „vorkonziliares“ Kirchenbild?

Das Denkmuster: Kirche als geschlossenes System, in dem klar ist, wer dazugehören darf und wer nicht. Aufgrund meiner DDR-Erfahrungen weiß ich, was eine Ideologie ist, die alles ordnen und regeln will und dabei jedes Abweichlertum unterdrücken und aus der Gemeinschaft ausschließen muss. Ähnlich exklusivistisch wurde von einigen Bischöfen auch schon über die Katholiken diskutiert, die nach dem Scheitern ihrer Ehe nochmals geheiratet haben. Signifikant für ein solches Kirchenbild ist auch die Bedeutung von Formeln wie „Keine Eucharistiegemeinschaft ohne Kirchengemeinschaft“. Der Satz stimmt, aber er stimmt auch wieder nicht.

Warum sollte dieser altkirchliche Satz nicht stimmen?

Ins Feld geführt wird nur das, was zu der eigenen Wahrheit passt. So heißt es im Ökumenismus-Dekret des II. Vatikanischen Konzils: „Die Bezeugung der Einheit verbietet in den meisten Fällen die Gottesdienstgemeinschaft, die Sorge um die Gnade empfiehlt sie indessen in manchen Fällen.“ Der zweite Teil des Satzes fällt nicht selten unter den Tisch.

Was erinnert Sie daran an die DDR?

In meiner Jugend habe ich gegenüber dem Staat mit seiner totalitären Ideologie die Kirche als eine Gemeinschaft erfahren, der es zutiefst um die Freiheit und Würde des Menschen geht. Jetzt entdecke ich bei einigen ihrer Vertreter doch auch recht ideologische Züge. Daher muss man sich nicht darüber wundern, wenn es in der Kirche insgesamt inzwischen immer mehr knirscht. Mich selbst ermutigen die vielen Reaktionen, die ich aus dem In- und Ausland erhalten habe, nicht aufzugeben. So viel und so differenzierten Zuspruch habe ich noch nie bekommen.

Wie wollen Sie aus diesem Schlamassel herauskommen?

Ich habe immer gesagt, dass man in vielen Fragen einen langen Atem braucht. Aber wenn jetzt das kleinste bisschen verhindert werden soll, dann stellen sich schon grundsätzliche Fragen. Vielleicht war die Orientierungshilfe der letzte Versuch, auf diesem Gebiet noch irgendetwas ordnen zu wollen. Welchen Sinn sollen Regeln haben, die nicht mehr verstanden und erst recht nicht mehr akzeptiert werden? Mit Verboten ist nichts mehr zu holen. Es braucht wohlüberlegte Angebote, um die Gewissen zu bilden und Menschen auf ihrem Glaubensweg zu begleiten.

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