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Feiern zum Tag der Deutschen Einheit : Zusammen einzigartig

Zum Tag der Deutschen Einheit: Merkel, Gauck und Kretschmann gehen in die Stiftskirche. Bild: dpa

In Stuttgart haben die Feiern zum Tag der Deutschen Einheit begonnen. Bundesratspräsident Kretschmann empfing Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Gauck. Erwartet werden 400.000 Besucher.

          Im Zelt der Bundesregierung auf dem Stuttgarter Schlossplatz können die Bürger das Weltgeschehen anhand von Twitter-Meldungen verfolgen. Syrien-Konflikt,  Sondierungsgespräche in Berlin, Wettermeldungen. Das Zelt ist überfüllt. Die Bürger feiern die Deutsche Einheit in Stuttgart. Die Kugelschreiber mit der Aufschrift „Bundesregierung“ begehrt. „Soll ich Ihnen erklären, wie unser Regierungssprecher Steffen Seibert twittert?“, fragt ein freundlicher Mitarbeiter des Bundespresseamtes.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Da erscheint auf dem Bildschirm eine Meldung von Vincent Klink, dem Sterne-Koch von der Wielandshöhe, Vorzeigegastronom des wohlhabenden Stuttgarter Öko-Bürgertums. „Ihr wisst, ich bin auch gegen Stuttgart 21. Aber jetzt seid Ihr mal still jetzt geht es ums Kochen“, twittert Klink. Er steht nämlich am Mittwochnachmittag mit Gerlinde Kretschmann, der Frau des grünen Ministerpräsidenten, auf dem Stuttgarter Marktplatz, um mit ihr zu kochen. Ein mehrtägiges Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit („Zusammen einzigartig“) in der baden-württembergischen Landeshauptstadt scheint ohne die übliche Bahnhofs-Protest-Folklore nicht zu haben zu sein. Den grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der das Fest als scheidender Bundesratspräsident ausrichtet, verfolgen die Stuttgart-21-Gegner auf Schritt und Tritt. Und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat ihre letzten Auftritte in Stuttgart in nicht so guter Erinnerung: Im Wahlkampf vor zwei Jahren erstickte Trillerpfeifen ihre Rede, im Oberbürgermeisterwahlkampf im vergangenen Herbst pfiff man sie auf dem Marktplatz aus.

          Die grün-rote Landesregierung als Gastgeberin für die zentrale Einheitsfeier hatte 400.000 Besucher erwartet. Zentrale Verkehrsachsen wie die als Club- und Partymeile bekannte, sechsspurige Theodor-Heuss-Straße sind über mehrere Tage komplett gesperrt worden. Auf der „Theo“ präsentieren sich nun als die 16 Bundesländer auf einer „Ländermeile“, es wird alles geboten, von der brandenburgischen Spreewaldgurke bis zum Flammkuchen. Auf dem Marktplatz präsentiert sich das Gastgeberland mit seinen Regionen, auf dem Karlsplatz kann man etwas lernen über den nachhaltigen Wirtschaftsstandort. Der Schlossplatz ist für die Zelte der Verfassungsorgane reserviert.

          Gauck: Deutschland muss stärkere Rolle spielen

          Der Feiertag begann mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Stiftskirche, an dem Kanzlerin Merkel, Bundespräsident Gauck und der Bundesratspräsident Kretschmann teilnahmen. Am Mittag kam die gesamte Staatsspitze zum Festakt in der Liederhalle zusammen: Bundespräsident Gauck ermutigte die nächste Bundesregierung in seiner ersten Festrede am Einheitsfeiertag, sich international stärker zu engagieren. „Unser Land ist keine Insel“, sagte Gauck. „Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, wir könnten verschont bleiben von den politischen und ökonomischen, den ökologischen und militärischen Konflikten, wenn wir uns an deren Lösung nicht beteiligen.“ Zwar möge er sich nicht vorstellen, dass Deutschland sich groß mache und andere Länder bevormunde. „Ich mag mir aber genau so wenig vorstellen, dass Deutschland sich klein macht, um Risiken und Solidarität zu umgehen.“

          Im vergangenen Jahr bei den Feierlichkeiten in München sprach Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Es war die erste Rede eines aus Ostdeutschland stammenden Bundespräsidenten am Tag der Einheit. Zu den Gästen gehören zahlreiche Ministerpräsidenten, Bundes- und Landesminister, Bundestagspräsident Norbert Lammert, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle sowie die ehemaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel und Edmund Stoiber.

          1997 richtete Baden-Württemberg schon einmal die zentrale Einheitsfeier aus. Damals sprach der ehemalige amerikanische Präsident Bush senior. Und der Einheitskanzler Helmut Kohl warnte davor, vor den „Mauern in den Köpfen“ zu sprechen. Seitdem hat sich vieles verändert: An der Spitze des Staates stehen heute zwei aus Ostdeutschland stammende Politiker: Die Pfarrerstochter Angela Merkel und der ehemalige Pfarrer Gauck. Ausrichter des Festes ist zum ersten Mal ein grüner Ministerpräsident. Für Winfried Kretschmann endet im Oktober seine Amtszeit als Bundesratspräsident, er übergibt das Amt an den niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil.

          Kretschmann übernimmt den Vorsitz der Ministerpräsidentenkonferenz und wird als Mitglied der grünen Sondierungskommission weiterhin viel mit der Bundespolitik zu tun haben. Während die Grünen sich vor 23 Jahren mit ihrer Ablehnung der Wiedervereinigung fast um ihre politische Existenz brachten, gab der damalige Landtagsabgeordnete und überzeugte Föderalist Kretschmann der Zweistaatlichkeit keine Zukunft: „Dass sich die  Zweistaatlichkeit nicht hält, war mir klar, sobald die Diktatur fällt.“ Und noch in einer anderen Hinsicht unterscheidet sich der Ministerpräsident kaum vom Durchschnittswestdeutschen: Er kennt die östlichen Bundesländer kaum aus eigener Anschauung. Auf die Frage, ob er schon einmal in den neuen Ländern Urlaub gemacht habe, sagte er kürzlich in einem Interview: „Mit dem Albverein Ortsgruppe Laiz, war ich einmal eine Woche in der Sächsischen Schweiz.“

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