https://www.faz.net/-gpf-abtj9

FDP im Landtagswahlkampf : Mit Rückenwind aus der Hauptstadt

Lydia Hüskens, Spitzenkandidatin der FDP, am 12. Mai in Arendsee Bild: Daniel Pilar

In Sachsen-Anhalt wird Anfang Juni gewählt. Entscheidend könnte es auf die FDP ankommen. Die setzt auf eine Spitzenkandidatin, die keine klassische Wirtschaftsliberale ist.

          3 Min.

          Die Altmark. Es ist kalt und regnerisch. „Der Mai kühl und nass, füllt dem Bauer Scheun und Fass“, freut man sich bei der Landwirtschaftsgesellschaft Arendsee. Geschäftsführer Rolf Lehmann schmunzelt noch über etwas anderes: Der knallgelbe Transporter mit dem Slogan „Ein Land fährt hoch“ ist soeben schnurstracks an der Einfahrt vorbeigefahren. Rolf Lehmann kennt das. Ständig landen seine Besucher zunächst auf einem Feldweg in der Pampa. „Google Maps“, kommentiert der Landwirt trocken.

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Nach geraumer Zeit ist sie dann endlich da: Lydia Hüskens, FDP-Spitzenkandidatin, 57 Jahre alt und womöglich die Frau, die der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt einen neuen Dreh gibt. In der aktuellen Umfrage von Infratest dimap sind die Freien Demokraten auf acht Prozent gesprungen. Gelingt am 6. Juni der Einzug in den Landtag, entfällt dort vielleicht auch der Druck zur Fortsetzung der Kenia-Koalition. Stattdessen wäre auch Jamaika oder eine Deutschland-Koalition möglich. Oder – ganz neu – ein Vierer-Bündnis aus Schwarz, Rot, Grün und Gelb. Man müsste einmal einen Experten für Vexillologie (Fahnenkunde) befragen, wie man ein solches Bündnis nennen könnte. Simbabwe?

          Nach der Wahl dürfte es also bunt zugehen in Magdeburg. Die FDP hängt dafür schon die farbenfreudigsten Plakate aller Parteien auf und spürt dabei einen günstigen Wind aus Berlin im Rücken. In Sachsen-Anhalt mit seiner schwach ausgeprägten Identität ist die bundespolitische Großwetterlage seit jeher besonders wichtig. Die FDP ist selbst der beste Zeuge dafür.

          Wissen war nie wertvoller

          Sichern Sie sich mit F+ 30 Tage lang kostenfreien Zugriff zu allen Artikeln auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          2016 scheiterte die Partei knapp mit 4,9 Prozent. Spitzenkandidat Frank Sitta hatte damals einen spritzigen Wahlkampf gemacht. Im vergangenen Jahr kündigte er nach innerparteilichen Querelen allerdings seinen Ausstieg aus der Politik an. Die Aufstellung lautet nun: Marcus Faber kümmert sich um die Bundespolitik, Lydia Hüskens um die Landespolitik.

          Breit angelegter Freiheitsbegriff

          Hüskens kennt sich auf diesem Feld aus, sie saß schon von 2002 bis 2011 im Magdeburger Landtag. Gegenwärtig arbeitet die promovierte Geisteswissenschaftlerin als Geschäftsführerin beim Studentenwerk Halle. Hüskens sagt, dass sie „keine klassische Wirtschaftsliberale“ sei. Ihr Freiheitsbegriff sei breit angelegt, auch in der bürgerrechtlichen Tradition verwurzelt. Hört man bei Hüskens genau hin, entdeckt man die Sprachfärbung ihrer niederrheinischen Herkunft. Die FDP wird bei dieser Wahl die einzige Partei sein, die mit einem Wessi an der Spitze in den Wahlkampf zieht. In Sachsen-Anhalt ist das bis heute ein Thema.

          Besonders eng verbunden mit der Scholle sind die Bauern. Und um diese Berufsgruppe kümmert sich die FDP derzeit mit besonderer Hingabe. Warum, zeigt sich auf dem Termin bei der Landwirtschaftsgesellschaft Arendsee. „Viele Landwirte wählen CDU“, erzählt man dort. „Aber was haben sie bekommen? Eine grüne Ministerin!“

          Die FDP möchte in diese Lücke stoßen und bietet sich den konventionellen Landwirten als Alternative an. Der Frust ist dort ebenso hoch wie der Veränderungsdruck. Rolf Lehmann berichtet, dass er zuletzt Kündigungen schreiben musste. Der Betrieb steigt aus der Rinderhaltung aus. Zu teuer die Investitionen, zu hoch die Löhne, zu ungewiss die Erlöse. Er konzentriert sich auf Grün- und Ackerland. Der Landwirt führt Hüskens zum Getreidespeicher. Wohl nirgends ist die betongraue DDR-Anmutung noch so lebendig wie auf den Flächen ehemaliger LPGs. Ein Umstieg auf Öko kommt für den Betrieb nicht in Frage. Wenn man genau hinsehe, lebe dieser Zweig nur durch Fördermittel, sagt Lehmann.

          Klagen über Bürokratie

          Mit Bürokratie müssen sich allerdings auch konventionelle Landwirte wie er herumplagen. Zum Beispiel mit der „Hangneigungskulisse“ bei den Düngeregeln. „Da braucht ihr euch nicht drum kümmern, wir haben ja gar keine Hänge hier“, wurde Lehmann zunächst erzählt. Weit gefehlt! Die Hangneigungskulisse verbreitet auch im norddeutschen Tiefland ihren Schrecken. Zum Beispiel im Bereich von Gräben, wenn das Land dort falsch vermessen wurde. Die meisten Fehler konnte Lehmann im Nachhinein korrigieren. Bis auf drei kleine. Aber wegen derer will der Landwirt keinen Aufstand bei der Düngebehörde machen. „Die Frau dort ist auch kurz vor dem Burnout.“

          Die Klage über die Bürokratie ist der rote Faden auf den Terminen von Lydia Hüskens. In der Pandemie scheint das Land, das zuvor zur Hälfte aus Formularen bestand, nun vollends im Antragswesen zu versinken. Für die FDP gäbe es also einiges zu tun. Sollte die Partei mitregieren, würden die Freien Demokraten die Ressorts Wirtschaft und Verkehr anstreben.

          Würde Hüskens dafür notfalls auch den Kemmerich machen und sich mit Hilfe der AfD in den Sattel heben lassen? „Die AfD ist für uns kein Partner, ohne Wenn und Aber“, sagt Hüskens. „Man kann aber nie ausschließen, dass die bei irgendetwas mitstimmen.“ Eine vergleichbare Aussage trifft Hüskens auch für die Linkspartei. Der klare Wunsch der FDP lautet aber: Die politischen Diskussionen in Sachsen-Anhalt sollen sich wieder stärker zwischen den Parteien der Mitte abspielen.

          Weitere Themen

          Flucht vor dem politischen Chaos

          Migration aus Tunesien : Flucht vor dem politischen Chaos

          Die politische Lage in Tunesien könnte wieder mehr junge Menschen dazu bringen, sich auf den Weg nach Europa zu machen. Offenbar verlassen auch immer mehr Akademiker das nordafrikanische Land.

          Topmeldungen

          
              Die Zeit am Rebstock ist vorbei:   Ein Erntehelfer erntet reife Trauben von einer Weinrebe.

          Neues Weingesetz : Krach im Weinberg

          Das neue Weingesetz ist beschlossen, der Streit unter den Winzern geht weiter. Die Genossenschaften treten aus dem Deutschen Weinbauverband aus. Es geht auch um die Frage: Was definiert die Qualität?

          Besuch in Flutgebieten : Laschet erlebt die Wut

          Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen besucht Orte, die hart von der Flut getroffen wurden. Da entlädt sich der Ärger von Betroffenen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.