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FDP in Nordrhein-Westfalen : Aus der Luft gegriffen

  • -Aktualisiert am

Die Not zur Tugend umgedeutet: Wahlplakat für Christian Lindner und die FDP in Nordrhein-Westfalen, vorgestellt auf dem Bundesparteitag im April in Karlsruhe Bild: dpa

Nach Wolfgang Kubicki soll nun Christian Lindner das Comeback der FDP perfekt machen. Auch er ist ein Verpackungskünstler. Das Paket darf man aber erst nach der Wahl aufmachen.

          Hans-Dietrich Genscher tritt am Sonntag um kurz vor zwölf Uhr noch etwas unsicher ans Rednerpult. Der 85 Jahre alte frühere Bundesaußenminister hat gerade eine schwere Herzoperation hinter sich gebracht. Jeder hätte verstanden, wenn der FDP-Ehrenvorsitzende lieber zu Hause in Bonn geblieben wäre, statt den weiten Weg zum Parteitag seines nordrhein-westfälischen Landesverbandes nach Gütersloh auf sich zu nehmen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          An diesem Tag aber gehöre er zu seiner FDP, denn er sei „stolz auf diese oft geschundene, oft kritisierte, oft im Tal befindliche und immer wieder kraftvolle, kämpferische“ Partei, ruft Genscher in den Jubel der Delegierten hinein. Er sei gekommen, um seiner Partei und der deutschen Öffentlichkeit zu sagen: „Ja, wir stehen mit ganzer Kraft und vollem Herzen hinter diesem Hoffnungsträger der liberalen Partei in Deutschland.“ In einer Zeit des Größenwahns sei Christian Lindner, der Spitzenkandidat der FDP in Nordrhein-Westfalen, bescheiden. Lindner habe Charakter gezeigt, als er in Berlin seinen Posten des FDP-Generalsekretärs aufgegeben habe, und Mut, als er trotz schlechter Umfragewerte nach Düsseldorf gekommen sei, findet Genscher.

          Wachsender Glaube an Lindner-Legenden

          Viel ist vom „Lindner-Effekt“ die Rede, weil es mit dem größten Landesverband der FDP wieder aufwärts geht, seit der 33 Jahre alte Politiker vor nicht einmal zwei Monaten die Spitzenkandidatur seiner Partei für die Neuwahl in Nordrhein-Westfalen übernahm. Von zwei Prozent über vier, auf fünf und aktuell sechs Prozent hangelte sich die Partei in den Umfragen empor. Für die Freien Demokraten selbst ist das ein so großes Mirakel, dass manche schon bereitwillig an Lindner-Legenden zu glauben beginnen, wie jene, sein Rückzug aus Berlin sei Ausweis besonderer Charakterstärke gewesen.

          Dabei hat Lindner bis heute nicht schlüssig dargelegt, warum er im Dezember sein Generalsekretärsamt hinwarf. Er orakelte damals lediglich über „den Moment, in dem man seinen Platz frei machen muss, um eine neue Dynamik zu ermöglichen“, und schloss mit einem kecken „Auf Wiedersehen!“. Viele deuteten das als Versuch, den FDP-Bundesvorsitzenden Philipp Rösler, mit dem sich Lindner überworfen hatte, zur Aufgabe zu zwingen. Die „neue Dynamik“ blieb allerdings aus, und Lindner konzentrierte sich darauf, sein politisches Comeback im Mittelbau der Partei zu organisieren.

          Kandidatur nach dringenden Bitten

          Gerade als er sich um dem Vorsitz des FDP-Bezirksverbands Köln bemühte, scheiterte dann aber in Düsseldorf die rot-grüne Minderheitsregierung beim Versuch, sich eine Mehrheit für den Landeshaushalt 2012 zu sichern. Unbedingt hatte die um ihr parlamentarisches Überleben fürchtende FDP eine Neuwahl vermeiden wollen. Nun aber löste sich der Landtag auf.

          Dem von Genscher als so mutig gepriesenen Lindner leuchtete in dieser scheinbar aussichtslosen Situation allerdings nicht umgehend ein, warum er im nordrhein-westfälischen Turbo-Wahlkampf der Spitzenkandidat seiner Partei sein sollte. Als Lindner am 15. März, einen Tag nach der Auflösung des Parlaments, zu einer Sondersitzung des nordrhein-westfälischen FDP-Vorstands nach Düsseldorf kam, bedurfte es der dringenden Bitte seiner engsten politischen Freunde, um ihn in Vorgesprächen davon zu überzeugen, dass die FDP, wenn überhaupt, nur mit ihm an der Spitze eine Chance habe.

          Not zur Tugend umgedeutet

          Als die Entscheidung dann gefallen war, stürzte sich Lindner aber machtvoll in die Aufgabe. Noch am selben Abend entwand er seinem Freund, Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr, den FDP-Landesvorsitz - „um die Wahlchancen zu erhöhen“, wie Lindner am Sonntag auf dem Parteitag in Gütersloh kurz vor seiner Wahl selbstbewusst sagt. Zudem wird Lindner den Vorsitz der Landtagsfraktion von Gerhard Papke übernehmen, wenn die FDP den Wiedereinzug in den Landtag schafft.

          Lindner ist ein versierter Redner, der in schweren Zeiten locker Legenden aus der Luft zaubern kann. Seine Stand-up-Kampagne beginnt er am 20. März mit einem kurzen, frei gehaltenen Pressestatement im Landtag. Geschickt versteht er es, die Not seiner Partei in eine Tugend umzudeuten. Hatte es bis zu Lindners Auftritt aus der völlig demoralisierten Landtagsfraktion noch geheißen, durch Nichtteilnahme oder Enthaltung bei einer Abstimmung über einen Teil des rot-grünen Haushalts hätte die für die FDP so gefährliche Neuwahl unbedingt verhindert werden müssen, verkündet der Spitzenkandidat nun, seine Partei habe sich klar positioniert. „Unsere Landtagsfraktion hat den Rücken gerade gemacht und diesen Schuldenhaushalt nicht unterschrieben. Dafür bin ich dankbar. Nur mit diesem Glaubwürdigkeitsvorsprung ist es mir jetzt möglich, in diese Wahlauseinandersetzung mit Aussicht auf Erfolg einzugreifen.“

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