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FDP in Bremen : Im Reich des Tschakka

Lencke Steiner, Spitzenkandidatin der Bremer FDP für die Bremer Bürgschaftswahl, könnte einem Jamaika-Bündnis im Wege stehen. Bild: dpa

Die aus dem Fernsehen bekannte Spitzenkandidatin der Bremer FDP, Lencke Steiner, gilt als Marketingtalent, aber auch als Hindernis für eine Jamaika-Koalition – beides steht in einem Zusammenhang.

          Wer mit Lencke Steiner sprechen will, muss bloß die 0170 / 59 45 845 wählen, heißt es auf einem ihrer Plakate. Versprechen gehalten! Die Bremer FDP-Spitzenkandidatin geht tatsächlich ran. Man kann mit ihr einen Termin vereinbaren, während Steiner gerade ihr Auto (dazu gleich mehr) in die Waschanlage fährt. Alles sehr smooth und benutzerfreundlich. Das Treffen beginnt vor einer früheren Lagerhalle in der Bremer Überseestadt. Steiner kommt spät und sagt, sie sei schlecht gelaunt. Zu merken ist davon zum Glück wenig. Aber man ahnt, woher die schlechte Stimmung rühren könnte: Die neueste Umfrage taxiert die FDP nur noch bei sechs Prozent. Steiner ist zudem mit einer flapsigen Äußerung angeeckt.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Die 33 Jahre Politikerin hatte der Zeitung "Weser-Kurier" berichtet, dass sie von den „migrantischen Jungs“ in Gröpelingen richtig abgefeiert werde, wenn sie dort ihren BMW 650i mit 450 PS und „ordentlich Bums“ aufheulen lasse. Die „migrantischen Jungs“ aus dem benachteiligten Stadtteil hätten nämlich noch den erforderlichen „Drive“: „Die wollen auch so einen Wagen und gönnen einem das.“ Steiner sieht nun Erklärungsbedarf. Das Cabrio sei ein Jugendtraum gewesen und auch bloß geleast. Inzwischen fahre sie, wie es ja eigentlich ihre Art sei, ganz bescheiden mit „Mutters Möhre“ durch Bremen. Die Politikerin zeigt auf ein deutlich kleineres Auto ohne Bling-Bling, das sie gerade neben dem Hafenbecken abgestellt hat.

          Durchwachsene Aussichten

          Bevor drinnen im „Eventloft“ die „Gründerlounge“ losgeht, müssen jetzt noch Fotos geschossen werden. Steiner, die einem breiteren Publikum aus der Sendung „Höhle des Löwen“ bekannt ist, posiert routiniert für die Kamera, erkundigt sich aber zur Sicherheit noch einmal, ob sie auf den Bildern nicht „zu pornös“ rüberkomme. Bis zum Start der Veranstaltung dauert es jetzt doch noch ein paar Minuten. Steiner findet das prima: „Da kann ich mir noch schnell ein Bierchen reinschrauben.“ Die „Gründerlounge“ kann man sich vorstellen wie ein Seminar für Start-up-Unternehmer („Wenn man nicht Family & Friends hat, woher kommt eigentlich das Venture-Capital?“), das allerdings sehr stark durchsetzt wurde mit Elementen aus der bis heute zu Unrecht unvergessenen Tschakka-du-schaffst-es!-Sendung mit Emile Ratelband auf RTL II.

          Steiner tritt bei der ziemlich gut besuchten Veranstaltung als Moderatorin auf. Geschickt flicht sie FDP-Forderungen nach einem Gründer-Bafög und einem „bürokratiefreien ersten Jahr“ ein. Denn die Freien Demokraten haben auch ein 91 Seiten dickes Wahlprogramm für die anstehende Bürgerschaftswahl vorgelegt: In den Schulen soll es ab Klasse 3 wieder Noten geben. Die Autofahrer sollen nicht gegenüber Radfahrern benachteiligt werden. Und die FDP regt an, in Bremen über eine medizinische Fakultät nachzudenken.

          Die Aussichten, dass sich die Partei an die Umsetzung dieser Forderungen machen darf, sind gegenwärtig mittelgroß. Da man in Bremen Mitte der neunziger Jahre schlechte Erfahrungen mit der Ampel gemacht hat (das Bündnis ging als „Ampel-Gehampel“ in die Annalen der Hansestadt ein) und die SPD am Wochenende Gespräche nicht nur mit der CDU, sondern nach Angaben der Landesvorsitzenden auch mit der FDP ausgeschlossen hat, ist eine Jamaika-Koalition die einzige Machtoption für die FDP.

          Auf Politik-Marketing bedacht

          Als potentielles Hindernis für ein solches Bündnis gilt allerdings nicht zuletzt Lencke Steiner selbst. Mit ihren Äußerungen über Cabrio-Touren durch Gröpelingen oder ihrer Forderung nach einer Privatisierung landeseigener Betriebe dürfte Steiner Vorbehalte unter den Grünen-Mitgliedern verstärkt haben, von deren Zustimmung Jamaika letztlich abhängen dürfte. Steiner haftet ohnehin das Etikett an, vor allem auf Politik-Marketing bedacht zu sein.

          Fairerweise sollte man aber nicht vergessen, dass die FDP den diesbezüglichen Talenten Steiners viel verdankt. 2015 hat die damalige Bundesvorsitzende der Jungen Unternehmer die Partei mit einer frischen und radikal auf ihre Person zugeschnittenen Kampagne zurück in die Bürgerschaft geführt. Für die FDP, die zu diesem Zeitpunkt in Deutschland am Boden lag, waren die 6,6 Prozent in Bremen ein Signal des Aufbruchs. Inzwischen haben die Mitbewerber in dem kleinen Land jedoch ihr Personal ausgetauscht.

          Das gilt insbesondere für die CDU, deren neuer Spitzenkandidat über ein ähnliches Profil wie Steiner verfügt. Der Unternehmer Carsten Meyer-Heder ist großstädtisch, liberal und spielt in seiner Kampagne mit der gleichen post-hanseatischen Lebenskunst, auf die auch Steiner setzt. Meyer-Heder hat zudem aus dem Nichts ein rasant wachsendes IT-Unternehmen mit über 1000 Mitarbeitern aufgebaut, während die Familie Steiner ihren kleinen Verpackungsbetrieb inzwischen verkauft hat, dessen operative Führung die FDP-Politikerin auch keineswegs allein verantwortet hatte. Lencke Steiner muss also kämpfen in den verbleibenden Tagen bis zur Wahl. Noch ist unklar, aus welcher Laune heraus sie sich am Abend des 26. Mai die Bierchen reinschrauben wird.

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