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FDP-Abgeordneter Aggelidis : Der Grieche im Bundestag

Grigorios Aggelidis (FDP) spricht während der 90. Sitzung des Bundestages in Berlin. Bild: Picture-Alliance

Grigorios Aggelidis kümmert sich bei der FDP um Familienpolitik. Er bringt eine besondere Erfahrung mit: sich selbst. Seine Wurzeln reichen tief hinein ins Arbeitermilieu.

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          Wenn es nach der FDP geht, soll die Familienpolitik durch eine Leistung bereichert werden, die sie „Kinderchancengeld“ nennt. Die Idee dabei: Alle staatlichen Leistungen, die schon jetzt für ein Kind gezahlt werden, sollen gebündelt werden. Für jedes Kind soll es einen festen Betrag geben, dazu einen „Flexibetrag“ je nach Einkommen der Eltern, außerdem ein „Chancenpaket für Bildung und Teilhabe“. Aber all das aus einer Hand und ohne viel Formulare.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Denn aus Sicht der FDP gibt es bei den bisherigen Leistungen keine Chancengerechtigkeit. Weil alles viel zu kompliziert sei und auch zu demotivierend. Wenn etwa ein Kind, das soziale Leistungen bezieht und gleichzeitig sein Taschengeld aufbessert, vom eben verdienten Geld wieder abgeben müsse, fehle jeder Anreiz für Selbstverantwortung, sagt die FDP.

          Der Erfinder des Chancengeldes

          Typisch FDP also. Erfunden hat das Chancengeld der Bundestagsabgeordnete Grigorios Aggelidis. Oder um ganz genau zu sein: Er hat das von seiner Partei im Bundestagswahlkampf schon plakatierte „Kindergeld 2.0“ noch weiter ausgebaut. Dass er die Partei von seinen Ideen überzeugen konnte, hat damit zu tun, dass er eine einzigartige Erfahrung dafür mitbringt: sich selbst.

          Seinen „Migrationshintergrund“, seine persönlichen Wurzeln tief hinein in das Arbeitermilieu. Aggelidis ist Grieche, freilich mit doppelter Staatsbürgerschaft, der einzige Grieche im Parlament. Bevor er 2017 in den Bundestag einzog, war er ein erfolgreicher Unternehmer. Er trat 2012 in die FDP ein – als diese gerade in ihre tiefe Krise schlitterte und kurz darauf aus dem Bundestag flog.

          Als ihn beim Neustart seine Parteifreunde zu Hause in Neustadt am Rübenberge fragten, ob er als Bundestagskandidat antreten wolle, musste er nicht lange überlegen. Es klappte, er konnte sich zuerst innerparteilich durchsetzen und wurde dann auch noch ins Parlament gewählt. Bei der Aufgabenverteilung innerhalb der neuen Fraktion landete er in der Familienpolitik, einem Thema, das man mit der FDP nicht unbedingt verbindet und nach dem sich auch niemand drängelte. Ihm aber war es sehr recht.

          „Ich dachte, so sieht eine starke Frau aus“

          Aggelidis’ Eltern sind die klassischen Gastarbeiter. Sie kamen vom Land, aus der Region Kilkis, nördlich von Thessaloniki. Sie kamen, um in Deutschland ihr Glück zu machen, „so richtig als Proletariat“, wie Aggelidis erzählt. Zuerst war es die Mutter, die sagte, sie wolle nach Deutschland gehen. Eines Tages überrumpelte sie ihren Mann: Ich habe unterschrieben, ich fahre nach Deutschland. Das war Anfang der sechziger Jahre.

          Tatsächlich machte sie sich allein auf und landete in Hannover. Erst ein paar Monate später folgte auch ihr Mann. „Als meine Mutter losfuhr, beim Abschied am Zug in Thessaloniki, entstand ein Foto, das mich dann immer wie ein Symbol begleitet hat“, erzählt Aggelidis. „Ich dachte, so sieht eine starke Frau aus.“

          Mutter und Vater arbeiteten in Hannover im Akkord und im Schichtbetrieb. Bei Unternehmen wie Volkswagen oder dem Schreibwarenhersteller Pelikan. Der Vater schleppte außerdem nach der Schicht Kohlen, viele Öfen wurden damals noch so geheizt. Das Ziel war auch klar, so wie bei vielen Gastarbeitern: arbeiten, sparen, in die Heimat zurückkehren, ein Haus bauen.

          Grigorios Aggelidis wurde zwar in Hannover geboren, besuchte dort auch die Kindertagesstätte. Dann aber schickten ihn die Eltern zurück nach Griechenland, um dort auf die Schule zu gehen. Er lebte bei einem Onkel, knapp vier Jahre lang. Es war die Zeit der Militärdiktatur. Die Zeit, als der Studentenaufstand niedergeschlagen wurde. Und die Zeit der Zypern-Krise.

          Ihren Beginn im Sommer 1974 hat Aggelidis noch deutlich in Erinnerung, so klein er damals war. Die Großfamilie feierte gerade eine Hochzeit, auch seine Eltern waren von Deutschland her angereist. Plötzlich die Nachricht: Türkische Truppen hatten den Norden der Insel besetzt, Generalmobilmachung in Griechenland. Alle Männer müssen zum Militär, auch der Vater und der Bräutigam.

          Die Eltern von Grigorios Aggelidis, Georgios Aggelidis und Dimitra Aggelidou, auf dem Bahnhof Thessaloniki im September 1963

          Aggelidis sagt: „Ich kriege heute noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke.“ Alle schönen Pläne schienen über den Haufen geworfen. Ein Haus voll weinender Frauen – eine grundstürzende Erfahrung für den Jungen. Die blieb eingebrannt im Gedächtnis, auch wenn die Männer nach zwei Wochen unversehrt zurückkehrten.

          Nach dem griechischen Landleben eine deutsche Großstadt

          Wieder in Deutschland, machte der Vater sein eigenes Geschäft auf. „Er wollte endlich etwas Eigenes.“ Obst und Gemüse, griechische Spezialitäten. Damit war klar: Wir bleiben. Auch das war typisch für viele der Gastarbeiter. Die Mutter arbeitete weiter in Schichten. Sohn Grigorios wurde zurück nach Deutschland geholt und erlebte seinen Kulturschock. Deutsch konnte er nicht mehr, und dann tauschte er das stille griechische Landleben gegen eine laute Großstadt ein.

          Die Eltern schickten ihn aufs Internat, damit er sich so auf das Abitur vorbereiten könne. „Meine Eltern wohnten in einer Art WG mit einer anderen Familie zusammen. Jeder, der uns da gesehen hätte, hätte gesagt: Die sind arm. Es wurde an allem gespart. Die schwäbische Hausfrau war spendabel im Vergleich zu uns. Aber gleichzeitig haben meine Eltern mir das Internat bezahlt, sie waren auch längst nicht mehr wirklich arm, aber von unseren Konten hatte ich damals keine Ahnung. Sie wussten: Bildung ist alles. Ich habe das damals vermutlich nicht so gesehen und musste auch eine Klasse wiederholen.“

          Und Aggelidis hat erlebt, was griechischen Jungs so im deutschen Alltag widerfuhr. All die kleinen Geschichten der Ausgrenzung, in der Schule, auf der Straße. Der Kioskbesitzer, der die Jungs nicht an seinem Stand haben wollte. „Ich bin dann zu ihm hin, habe freundlich eine bunte Tüte mit Süßigkeiten verlangt und mich bemüht, exaktes Deutsch zu sprechen. Und siehe da, der Mann wurde auch nett.“ Da habe er gelernt, „die Perspektive des anderen immer mitzudenken“.

          Natürlich musste er auch im Laden mithelfen, wann immer es ging: „Mein Vater hatte eine 70-Stunden-Woche, und in seinem bisschen Freizeit hat er sich auch noch in der griechischen Community von Hannover engagiert.“ Aus seiner Schulzeit hat Aggelidis vor allem eine Reise in Erinnerung. Sie führte nach Prag, damals noch hinter dem Eisernen Vorhang. „Als wir auf der Rückfahrt die einschüchternden Grenzkontrollen mit den Soldaten und den Maschinenpistolen hinter uns hatten, habe ich spontan das Deutschlandlied angestimmt, und die anderen haben mitgesungen.“

          Die Frage nach der Staatsbürgerschaft trieb ihn um

          Als das Abitur geschafft war, machte Aggelidis eine Lehre zum Bankkaufmann, arbeitete bei großen Banken, bis er – ähnlich wie sein Vater Jahrzehnte zuvor – mehr Freiräume und Selbstverantwortung wollte und bei einer kleineren Beratungsfirma einstieg. Aggelidis sagt heute von sich, er sei vor allem Norddeutscher. Er ist jetzt 53 Jahre alt. Manchmal muss er beim Sprechen nach dem deutschen Wort suchen: „Wie sagt man?“

          Jahrelang trieb ihn die Frage nach der Staatsbürgerschaft um. Er wollte Deutscher werden, aber aus Rücksicht auf seine große Familie zögerte er und ließ es treiben. Bis er nach den Anschlägen vom 11. September 2001 auf einer Dienstreise nach Amerika erfahren musste: Die Einreisebestimmungen haben sich geändert, wer einen griechischen Pass hat, braucht ein Visum. Er hatte kein Visum, die Reise fiel für ihn aus. Jetzt wollte er die deutsche Staatsbürgerschaft und erfuhr, wonach er zuvor nie gefragt hatte: Er könne Grieche und Deutscher zugleich sein.

          Am Revers trägt er unübersehbar sein Rotary-Abzeichen: „Wir vergeben bei uns in Nieburg-Neustadt jedes Jahr einen Jugendpreis für besonders engagierte Jugendliche. Im Mai stellen sich die Kandidaten vor, Anfang Juni ist die Preisverleihung.“ Der Preis habe ausdrücklich keine Zweckbindung. „Die jungen Leute könnten es also auch für sich selbst verwenden. Aber unsere Erfahrung lehrt, dass die Preisträger das Geld sowieso wieder in ihre Projekte stecken.“ Das seien auch seine Erfahrungen: Chancen nutzen, Selbstverantwortung und Selbstbestimmung, Disziplin und Ehrgeiz.

          Ein Thema, das die Leute beschäftigt

          Das Kinderchancengeld soll für die FDP Eckpfeiler liberaler Familienpolitik sein, wenn die Partei mal wieder mitregiert. Die Bundestagsfraktion hat das Aggelidis-Papier einstimmig beschlossen, auch der Parteitag am Wochenende war dafür. Aggelidis sagt: „Ich merke, dass es in fast jedem Gespräch irgendwann um Familie, Bildung, Sozialpolitik geht. Das treibt die Gesellschaft um, da müssen auch wir Liberalen sichtbarer werden. Der Schlüssel zu besserer Bildung ist aber nicht unbedingt mehr Kohle, es kommt auf das Umfeld an.“

          Er habe das selbst mit seinen Eltern erlebt, auch ohne große Förderung durch den Staat. Das spreche keineswegs gegen staatliche Unterstützung, fügt er hinzu. Aber die müsse auch richtig ankommen, und sie dürfe kein bürokratisches Monster sein mit Anträgen seitenweise für ein paar Euro. „Ich will, dass alle Kinder und Jugendlichen bei uns eine sehr gute Chance haben, auch jene, die neu nach Deutschland kommen.“

          Vorerst hat ein Kinderchancengeld politisch keine Chance, dafür fehlt es der FDP an Einfluss. Aber manchmal sind die Urheber politischer Ideen interessanter als die Ideen selbst.

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