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FDP-Abgeordneter Aggelidis : Der Grieche im Bundestag

Grigorios Aggelidis wurde zwar in Hannover geboren, besuchte dort auch die Kindertagesstätte. Dann aber schickten ihn die Eltern zurück nach Griechenland, um dort auf die Schule zu gehen. Er lebte bei einem Onkel, knapp vier Jahre lang. Es war die Zeit der Militärdiktatur. Die Zeit, als der Studentenaufstand niedergeschlagen wurde. Und die Zeit der Zypern-Krise.

Ihren Beginn im Sommer 1974 hat Aggelidis noch deutlich in Erinnerung, so klein er damals war. Die Großfamilie feierte gerade eine Hochzeit, auch seine Eltern waren von Deutschland her angereist. Plötzlich die Nachricht: Türkische Truppen hatten den Norden der Insel besetzt, Generalmobilmachung in Griechenland. Alle Männer müssen zum Militär, auch der Vater und der Bräutigam.

Die Eltern von Grigorios Aggelidis, Georgios Aggelidis und Dimitra Aggelidou, auf dem Bahnhof Thessaloniki im September 1963

Aggelidis sagt: „Ich kriege heute noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke.“ Alle schönen Pläne schienen über den Haufen geworfen. Ein Haus voll weinender Frauen – eine grundstürzende Erfahrung für den Jungen. Die blieb eingebrannt im Gedächtnis, auch wenn die Männer nach zwei Wochen unversehrt zurückkehrten.

Nach dem griechischen Landleben eine deutsche Großstadt

Wieder in Deutschland, machte der Vater sein eigenes Geschäft auf. „Er wollte endlich etwas Eigenes.“ Obst und Gemüse, griechische Spezialitäten. Damit war klar: Wir bleiben. Auch das war typisch für viele der Gastarbeiter. Die Mutter arbeitete weiter in Schichten. Sohn Grigorios wurde zurück nach Deutschland geholt und erlebte seinen Kulturschock. Deutsch konnte er nicht mehr, und dann tauschte er das stille griechische Landleben gegen eine laute Großstadt ein.

Die Eltern schickten ihn aufs Internat, damit er sich so auf das Abitur vorbereiten könne. „Meine Eltern wohnten in einer Art WG mit einer anderen Familie zusammen. Jeder, der uns da gesehen hätte, hätte gesagt: Die sind arm. Es wurde an allem gespart. Die schwäbische Hausfrau war spendabel im Vergleich zu uns. Aber gleichzeitig haben meine Eltern mir das Internat bezahlt, sie waren auch längst nicht mehr wirklich arm, aber von unseren Konten hatte ich damals keine Ahnung. Sie wussten: Bildung ist alles. Ich habe das damals vermutlich nicht so gesehen und musste auch eine Klasse wiederholen.“

Und Aggelidis hat erlebt, was griechischen Jungs so im deutschen Alltag widerfuhr. All die kleinen Geschichten der Ausgrenzung, in der Schule, auf der Straße. Der Kioskbesitzer, der die Jungs nicht an seinem Stand haben wollte. „Ich bin dann zu ihm hin, habe freundlich eine bunte Tüte mit Süßigkeiten verlangt und mich bemüht, exaktes Deutsch zu sprechen. Und siehe da, der Mann wurde auch nett.“ Da habe er gelernt, „die Perspektive des anderen immer mitzudenken“.

Natürlich musste er auch im Laden mithelfen, wann immer es ging: „Mein Vater hatte eine 70-Stunden-Woche, und in seinem bisschen Freizeit hat er sich auch noch in der griechischen Community von Hannover engagiert.“ Aus seiner Schulzeit hat Aggelidis vor allem eine Reise in Erinnerung. Sie führte nach Prag, damals noch hinter dem Eisernen Vorhang. „Als wir auf der Rückfahrt die einschüchternden Grenzkontrollen mit den Soldaten und den Maschinenpistolen hinter uns hatten, habe ich spontan das Deutschlandlied angestimmt, und die anderen haben mitgesungen.“

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