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FDP-Dreikönigstreffen : Hier steht die Sandburg der Republik

Probleme? Keine Spur! Guido Westerwelle in Stuttgart Bild: dapd

Guido Westerwelle kann nicht anders: Er bleibt sich treu. Auf dem Dreikönigstreffen der FDP in Stuttgart gab es nicht viel Neues: Lob für den Generalsekretär und die Arbeit der Regierung in seiner Rede - und zum Abschluss die traditionellen, alten Geschichten.

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          Guido Westerwelle findet beim Dreikönigsball keinen Fluchtort mehr. Immer schon war ihm die abendliche Zusammenkunft der schwäbischen Honoratioren in der Stuttgarter „Reithalle“ eine süße Qual. Das Rauschen der Kleider, das gewichtige Lachen der Mittelständler aus Calw und Rottweil, die Showband und der Foxtrott – alles nicht so Westerwelles Sache. Deshalb floh er stets nach wenigen Minuten aus dem Ballsaal des Maritim Hotels hinaus an die altmodisch-gemütliche Bar. Dort rauchte er eine Zigarre, trank ein Glas Rotwein und erzählte den ihn umlagernden Journalisten von Begegnungen mit Haifischen, Jürgen Möllemann und anderen gefährlichen Lebewesen. Es folgten Anekdoten aus dem Bundestag, Witze über Gerhard Schröder oder Angela Merkel sowie einige Einblicke in sein Manuskript für die bevorstehende Dreikönigskundgebung.

          Peter Carstens

          Politischer Korrespondent in Berlin

          Doch das war früher. Heute ist die Bar zu klein für die Menge der angereisten Beobachter, die Westerwelle gerne bei seinem Abstieg zuschauen wollen. Deshalb findet das Treffen in der zugigen Hotelhalle statt, stehend. Westerwelle lehnt steif an einem rot drapierten Stehtisch, er trinkt ein Glas Bordeaux, um ihn herum drängeln achtzig Journalisten, denen er eine Kurzversion der alten Geschichten serviert – Haie, Möllemann, Redepläne.

          Vertrauliche Gespräche

          Nichts Neues also von einem Politiker, der wohl einsieht, dass er dem politischen Publikum nicht eine abermalige Umerfindung seiner selbst präsentieren kann. Immerhin: Durch die Drehtüre des Hotels war er kurz vorher mit einer aufregend schönen Frau im Arm gerauscht. „Ist das die Wende?“, fragte ihn ein passionierter Ironiker im Vorübergehen und blickte in eine wächserne Lachmaske. Tatsächlich handelte sich bei Westerwelles Begleiterin um die Hamburger Spitzenkandidatin der Partei, die dem zerstrittenen Stadtverband nun immerhin ein ansehnliches Äußeres verleiht. Mit dieser Frau auf dem Plakat sei die Elbe-FDP für eine Wahlüberraschung gut, heißt es optimistisch unter Parteifreunden. Man erinnert sich dunkel an die blonde Silvana Koch-Mehrin, die einst der Europa-FDP ein junges, plakatierbares Gesicht gegeben hatte. Nun also die Hamburger „Kommunikationsberaterin“.

          Generalsekretär Christian Lindner, am Pult Guido Westerwelle

          Westerwelle entlässt die Kandidatin aber bald aus seiner Nähe, sie geht mit dem souveränen Tänzer und Schatzmeister Hermann Otto Solms aufs Parkett, Westerwelle für eine halbe Stunde zu den Journalisten. Dabei schwärmt er vom Urlaub und sagt, er könne nun gut erholt ägyptische Palmen ausreißen. Mehr darf aus dem Gespräch mit achtzig Personen nicht berichtet werden, weil es „vertraulich“ sei, wie Westerwelle behauptet. Diese Maßnahme erspart es den Korrespondenten, an Beispielen zu schildern, dass Westerwelle praktisch dasselbe im vergangenen Jahr sagte, im vorvergangenen und so weiter. Eine Dreiviertelstunde später ist der Parteivorsitzende ganz verschwunden.

          Kein Direktvergleich gewünscht

          Das Überraschende seines Rednerauftritts am nächsten Morgen ist das völlige Ausbleiben einer Überraschung. Hunderte im Parkett und auf den Rängen empfangen ihn und die FDP-Führung mit freundlichem Beifall. Draußen stehen ein paar Demonstranten, einige hatten schon tags zuvor die Plakate mit der Aufschrift „Dreikönigstreffen der FDP“ zu „Dreiprozenttreffen der FDP“ umgeklebt. Drinnen reden zunächst die Fraktionsvorsitzende Homburger und der FDP-Spitzenkandidat für Baden-Württemberg, Goll. Dann folgt Generalsekretär Lindner, der unter Vorschusslorbeer geradezu begraben wird. Er hält im Staatstheater eine schöne, nicht allzu perfekte Rede.

          Es war zunächst daran gedacht, ihn direkt vor Westerwelle sprechen zulassen. Das hätte dann aber zu einem ungewünschten Direktvergleich zwischen ihm und dem amtierenden Parteivorsitzenden werden können. Also wurde das Programm geändert. Nun redet nach Lindner und vor Westerwelle noch der hausstaubtrockene FDP-Fraktionsvorsitzende Rülke. Lindner spricht frei. Zeitweise verläuft er sich zwischen Schachtelsätzen und Dahrendorf-Zitaten. Er gewinnt aber Beifall mit einer haarsträubenden Auflistung aller Projekte, gegen die jeweils die Grünen eingetreten waren – darunter quasi sämtliche Verkehrspläne zu Wasser, zu Lande und in der Luft seit 1980, auch die bemannte Raumfahrt und vernetzte Arbeitsplätze.

          Nehmt mich, wie ich bin

          Gelacht wird, als Lindner an das Jahr 1984 und an eine damalige ernste Warnung des späteren Grünen-Vorsitzenden Fritz Kuhn vor unabsehbaren ökonomischen und ökologischen Folgen erinnert. Zu jener Zeit sei es um Bildschirmtext im Fernsehen und ISDN-Telefone gegangen. Ein eisiger Schauer durchfährt Ältere, als Lindner ein Zitat gebraucht, mit dem 2003 Jürgen Möllemann seinen Gegner Westerwelle charakterisiert hatte: „Dr. Westerwelle: Wenn ihn niemand treibt, treibt er nichts“, hatte Möllemann gesagt. „Wenn man die Union nicht treibt, treibt sie nichts“, sagte nun Lindner. Kannte er das frühere Zitat nicht? Oder sandte er eine getarnte, aber fiese Botschaft an den Parteivorsitzenden?

          Westerwelle lobt Lindner jedenfalls trotzdem, ebenso wie er all seine Kritiker zuletzt enorm gelobt hat für deren angebliche Ermunterungen und Rückendeckungen. Dann spricht er eine Stunde lang von den Erfolgen der Regierung und davon, dass in Deutschland mehr Zukunftsfreude und Zuversicht nötig seien und weniger grünes Dagegen. Die Bilanz seiner Partei in der Regierung malt er in leuchtenden Farben, wer sie kritisiere, habe keine Ahnung vom Leben der einfachen Menschen, die sich über höheres Kindergeld und Zuverdienstmöglichkeiten für Schüler freuten. Seine Vorschläge entsprechen den Wahlkampfreden der vergangenen zehn Jahre. Sein Witze und Sticheleien ebenfalls. Das Publikum erlebt, teils erleichtert, teils bedrückt, ganz den gewohnten Westerwelle, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Vielleicht lautet die Botschaft des Tages schlicht: „Ich kann nicht anders. Nehmt mich, wie ich bin. Oder lasst es halt.“ Am Ende wird applaudiert.

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