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FDP : Babylon Zoo

  • Aktualisiert am

Die zwei überraschenden Gewinner des FDP-Parteitags: Holger Zastrow und Wolfgang Kubicki Bild: dapd

Nach der Wahl Wolfgang Kubickis und Holger Zastrows besteht Gesprächsbedarf in der FDP. Die Gewählten ihrerseits prahlen mit Interpretationen, die sie als Auserwählte erstrahlen lassen.

          Wolfgang Kubicki ist auf dem Wege der Besserung. Jedenfalls nach eigenem Dafürhalten. Nach seinem letzten politischen Erfolg, damals hielt er in Schleswig-Holstein die FDP im Parlament, musste er tags darauf ausrichten lassen, er liege nach der Wahlparty noch „im Koma“. Deshalb könne er nicht zur Montags-Präsidiumssitzung nach Berlin kommen. Nun, nach seiner überraschenden Wahl in die Spitze der FDP, zog Kubicki wieder freudig um die Häuser, diesmal in Berlin selbst. Über die Hauptstadt hatte er einmal gesagt, er könne dort nicht hinziehen, würde da nämlich „zum Trinker werden und vielleicht auch zum Hurenbock“.

          Ohne Details zu offenbaren, erläuterte Kubicki nun der Zeitung „Die Welt“, gleich nach seiner Wahl ins Präsidium sei er „mit 26 Delegierten aus Schleswig-Holstein nachts unterwegs in dieser großen, bösen Stadt“ gewesen. Alle, behauptet er, „konnten sich davon überzeugen, dass ich im fortgeschrittenen Alter sittlich und moralisch gefestigt bin“. Tatsächlich war er am nächsten Morgen wieder auf dem Neuköllner Parteitag zu sehen. Auch um dort vorsorglich mitzuteilen, dass er für sich ausschließen könne, „in irgendein Regierungsamt einzutreten“. Dafür liebe er seine Unabhängigkeit zu sehr.

          Niebel werfe „sich selbst Torten ins Gesicht“

          Über die Wahl Kubickis besteht Gesprächsbedarf in der FDP, ebenso wie über die des sächsischen Landesvorsitzenden Holger Zastrow. Beim Landesverband Baden-Württemberg fragt man sich, ob alleine Absprachenverrat der „Südschienen“-Delegierten insbesondere aus Bayern und der Delegierten aus Nordrhein-Westfalen der Grund für die Niederlagen waren, oder Zerstrittenheit und Intrigantentum in den eigenen Reihen. Dirk Niebel, FDP-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg und einer der Verlierer des Samstages, lobte sich danach in mindestens drei Interviews selbst für seine Tapferkeit.

          Er habe sich nicht weggeduckt, sondern sei geradegestanden, könne „erhobenen Hauptes rausgehen“. Niebel bezeichnete seine Wahlniederlage als „recht ordentliches Ergebnis“ (25,3 Prozent), was nur der Überzeugung entspringen kann, dass ihn derzeit eigentlich keiner leiden mag. In Präsidiumskreisen wurde gehofft, Niebel möge allmählich aufhören, „sich selbst Torten ins Gesicht zu werfen“.

          Die Gewählten ihrerseits prahlen mit Interpretationen, die sie als Auserwählte ihrer Partei erstrahlen lassen. Es gebe, bemerkte Kubicki, „keine andere Partei in Deutschland, in der ein Provinzpolitiker gegen zwei Bundesminister gewinnt“. Allerdings ist Kubicki immerhin seit Jahren ständiges Mitglied in zahlreichen Talkshow-Kabinetten, wo die Besserwisser der Republik dem Bundestag und der Regierung erklären, wie es eigentlich zu laufen habe. Sich selbst bezeichnete der Kieler Rechtsanwalt in demselben Atemzug als „mannschaftstauglichen Charakterkopf“, wovon die FDP „nicht zu viele habe“.

          Zastrow, der die stellvertretende Bundesvorsitzende und baden-württembergische Landesvorsitzende Birgit Homburger in einer Abstimmung besiegt hatte, vertrat die Meinung, das zeige: „Die Partei hat ein Herz.“ Von der FDP (und nicht von der SED) wusste er zudem zu berichten, es würde „am Ende eben doch frei und geheim gewählt“. In einem Interview mit der „Leipziger Volkszeitung“ analysierte Zastrow seinen Erfolg folgendermaßen: „Ein Nicht-Berufspolitiker, der aus der Kommunal- und Landespolitik kommt, will in der Parteispitze mitreden. Offenbar gibt es eine Sehnsucht in der FDP nach Politikern, die eine eigene Meinung und einen eigenen Kopf haben. Vieles bei uns ist eben sehr konform, glatt und unkritisch uns selbst gegenüber. Und jetzt haben die Typen eine echte Chance, Kubicki, Zastrow - prima.“

          Was „Typ“ Zastrow über seine Kollegen in der Parteiführung denkt, steckt in dieser Aussage überdeutlich: eine Truppe ohne eigene Meinung und eigene Köpfe, konform, glatt und eitel. Wobei er möglicherweise kurzfristig vergessen hatte, dass er dieser bemitleidenswerten Gemeinschaft bereits seit zwei Jahren selbst angehört hatte, als stellvertretender Parteivorsitzender. 2011 hatte Zastrow angekündigt, er wolle „den Liberalismus ins Sächsische übersetzen“. Zastrow betreibt in Dresden eine Event- und Werbeagentur.

          Er plane, sagte er, unter anderem einzubringen seine „Erfahrung in der Kommunalpolitik in der Stadt Dresden“. Zastrows Parteifreund, der FDP-Oberbürgermeister der Stadt an der Elbe, wurde 2005 suspendiert und später wegen „Beihilfe zum Bankrott“ zu einer Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt. Das Präsidium wird sich also darauf freuen dürfen, welche Erfahrungen aus dieser Zeit als FDP-Fraktionsvorsitzender im Stadtrat Zastrow einbringt. So bieten bereits die ersten Tage des Mannschaftsspiels der beiden Neuen einige interessante Innenansichten aus der FDP.

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